Interview

„Es gibt eine Sehnsucht, Tanz wieder live zu erleben“

Bettina Masuch ist Intendantin des Tanzhauses in Düsseldorf. Foto: Katja Illner
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Bettina Masuch ist Intendantin des Tanzhauses in Düsseldorf.

Bettina Masuch, Intendantin des Düsseldorfer Tanzhauses NRW, spricht über die Situation im Lockdown

Das Gespräch führte Stephan Eppinger

Wie erleben Sie als Intendantin des Tanzhauses die aktuelle Situation im zweiten Lockdown?

Bettina Masuch: Wir mussten wie alle Häuser unseren Betrieb herunterfahren, da aktuell keine Kurse und Vorstellungen mit Live-Publikum und Teilnehmerinnen und Teilnehmern möglich sind. Im Bühnenprogramm streamen wir Vorstellungen, in unserem Akademieprogramm findet ein Großteil der Kurse online statt. Dieses Angebot funktioniert nicht für alle Vorstellungen und Kursangebote. Paartanz zum Beispiel lässt sich kaum online unterrichten. Darüber hinaus finden im Tanzhaus die Proben weiter statt. Die Ungewissheit, nicht zu wissen, wann und wie wir das Haus wieder für unser Publikum öffnen können, bedeutet für alle Beteiligten eine sehr große Kraftanstrengung.

Wie sieht derzeit Ihr Berufsalltag aus?

Masuch: Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, andere arbeiten aus dem Homeoffice oder wie ich vor Ort. Wir haben uns in Teams eingeteilt, um so die persönlichen Kontakte zu reduzieren. Aktuell muss ich mich mit ganz anderen Fragestellungen beschäftigen. Es geht zum Beispiel um Verträge für digitale Formate oder darum, Schnelltests für alle Menschen, die im Tanzhaus arbeiten, zu organisieren. Wir haben eine Krankenpflegerin engagiert, die im Moment die Belegschaft testet und wollen das künftig auf zwei Termine erhöhen. Seit Beginn der Pandemie und der verschiedenen Lockdowns sind wir damit beschäftigt, das künstlerische Programm covidkonform anzupassen, zu verschieben oder im schlimmsten Fall abzusagen. Große Unklarheit herrscht nach wie vor bei der Frage, wann Künstlerinnen und Künstler wieder reisen können. Darüber sind wir sowohl mit den Künstlerinnen und Künstlern als auch mit unseren internationalen Netzwerkpartnern im Austausch.

Wie fällt die Bilanz nach der Wiedereröffnung im Sommer 2020 aus?

Masuch: Die Resonanz war unglaublich groß. Unser Publikum ist sofort zurückgekommen und war begeistert, wieder bei uns sein zu können. Wir mussten mit reduzierten Zuschauerkapazitäten zurechtkommen und die Einlasssituation ins Haus mit Abständen, Desinfektion und Nachverfolgung regeln. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, haben sich problemlos auf die neue Situation eingelassen, auch wenn sie mal länger vor der Tür warten mussten. Es gab und gibt eine große Sehnsucht, Tanz wieder live vor Ort zu erleben.

Wie sehen die Perspektiven für das laufende Jahr aus?

Masuch: Wir haben unsere Sommerpause reduziert und steigen schon im August wieder ins Programm ein. Bis dahin hat die Impfkampagne hoffentlich die Situation so weit stabilisiert, dass Veranstaltungen wieder mit Publikum möglich sind. Wir arbeiten auch gerade an einem Programm, das wir draußen unter freiem Himmel anbieten können. Das Herbstprogramm ist bereits komplett fertig, da wir viele Veranstaltungen auf den Herbst verschieben mussten. Aber selbst da gibt es noch viele Unklarheiten. Werden internationale Künstlerinnen und Künstler wieder reisen können oder müssen wir uns gemeinsam mit ihnen neue Formate der Präsentation überlegen?

Welche Auswirkung hat die Krise auf die Tänzer?

Masuch: Die Situation ist international sehr unterschiedlich. In Deutschland ist die Lage auch dank eines breiten Angebotes an Soforthilfen relativ gut. Das Tanzhaus konnte in Kooperation mit dem Fonds Darstellende Künste viele Residenzen an Tänzerinnen und Tänzer vergeben. Für sie ist es wichtig, weiter arbeiten und proben zu können. Homeoffice ist da nicht denkbar. Aber irgendwann muss es weitergehen – es braucht die Termine für Premieren oder auch für Touren. Das ist im Moment nur sehr schwer planbar.

Wie ist die Resonanz des Publikums auf die digitalen Angebote?

Masuch: Die Resonanz ist sehr gut. Gerade die jungen Choreographinnen und Choreographen lassen sich darauf ein und schaffen neue, eigene Formate für die digitale Bühne. Interessant ist, dass wir mit unseren digitalen Angeboten auch andere Zielgruppen erreichen, als wir erwartet haben; zum Beispiel ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind.

Wie wird sich die Arbeit im Tanzhaus nach der Pandemie verändern?

Masuch: Wir hoffen natürlich, dass wir dann dort weitermachen können, wo wir vor der Pandemie aufhören mussten. Welche Konsequenzen die Pandemie für das internationale Arbeiten haben wird, ist im Moment noch nicht abzusehen.

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Düsseldorfer Kulturszene?

Masuch: Die Frage wird sein, ob und in welchem Maße sich die Auswirkungen der Pandemie bei der kommunalen Kulturförderung in Zukunft niederschlagen werden. Das Land NRW hat sehr viel in die Kunstform Tanz investiert, auch deshalb gibt es in NRW flächendeckend eine große Vielfalt in der freien Szene. Ob das so nach der Krise auch noch der Fall ist, kann man nicht vorhersagen. Hier müssen alle, Kommunen, Landesregierung, Stiftungen und die Akteure der freien Szene zusammenarbeiten, um gemeinsam zu guten Lösungen zu kommen.

Wie wichtig ist das Tanzhaus NRW für Düsseldorf?

Masuch: Dass das Tanzhaus in freier Trägerschaft für den zeitgenössischen Tanz seit 42 Jahren existiert, ist nicht selbstverständlich. Das Tanzhaus ist in Deutschland einzigartig, zeigt zeitgenössischen Tanz auf höchstem Niveau, ist Produktionshaus für die lokale und regionale Szene, Treffpunkt für Tanzamateure jeden Alters und engagiert sich in kulturellen Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Auf eine Institution wie das Tanzhaus kann Düsseldorf stolz sein.

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