Landgericht Wuppertal

Fünffache Kindstötung: Sohn sollte entscheiden, ob er mit vor den Zug springt

Felix Menke, Gerd Meister und Thomas Seifert (von links) vertreten die Solingerin. Archivfoto: Tim Oelbermann
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Felix Menke, Gerd Meister und Thomas Seifert (von links) vertreten die Solingerin. Archivfoto: Tim Oelbermann

Der Prozesstag am Mittwoch um die fünffache Kindstötung in Solingen fördert erschütternde Details zutage. Der Richter appelliert an die Mutter, die sich wegen Mordes am Landgericht verantworten muss.

Von Kristin Dowe

Solingen/Wuppertal Es steht außer Frage, dass der überlebende Sohn jener Familie aus der Hasseldelle Schreckliches durchgemacht haben muss. Das tatsächliche Ausmaß der seelischen Tortur für das Kind wurde aber erst am gestrigen Verhandlungstag vor dem Landgericht Wuppertal deutlich. Dort muss sich zurzeit eine 28-jährige Solingerin wegen heimtückischen Mordes an fünf ihrer sechs Kinder verantworten. Wie berichtet, soll sie die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von einem bis acht Jahren laut Anklage erstickt oder in der Badewanne ertränkt haben. Sie selbst versuchte später, sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof das Leben zu nehmen, indem sie sich vor einen Zug warf.

Einzig ihren ältesten Sohn, zum Zeitpunkt des Geschehens im September 2020 elf Jahre alt, verschonte die mutmaßliche Täterin. Gegenüber einer Polizistin hatte der Junge seine Erinnerungen an den düsteren Tag geschildert – die Beamtin berichtete in ihrer Aussage.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Polizistin gibt Erinnerungen des elfjährigen Sohnes an den Tattag wieder

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte die Mutter den Jungen am Tattag von der Schule aus zum Rathaus schicken lassen. Während sie gegenüber der Schulleitung einen Todesfall in der Familie angab, stellte die Schule den Jungen im Einvernehmen mit der Mutter unter dem Vorwand frei, dass er einen Zahnarzttermin habe. Am Rathaus angekommen wartete die Mutter auf ihn und konfrontierte ihn mit dieser Geschichte: Seine Geschwister seien alle bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie hätten sich bei dem vermeintlichen Unglück in einem Taxi befunden, das von einem Lkw angefahren worden sei.

Der Geschichte konnte der Junge, den die Polizistin als „aufgeweckt und konzentriert“ beschreibt, nicht so recht glauben. Als er seiner Großmutter telefonisch die Todesnachricht überbringen wollte, habe die Angeklagte versucht, ihm das Handy zu entreißen.

„Sonst hätten Sie diese Chance vertan.“

Jochen Kötter, Vorsitzender Richter, empfiehlt der Angeklagten, ihrer Familie eine Lebenslüge zu ersparen

Gemeinsam mit der Mutter habe sich der Junge mit dem Zug auf den Weg zur Großmutter nach Mönchengladbach gemacht. Unterwegs habe die Angeklagte gefragt, „ob er sich mit ihr zusammen in Düsseldorf vor einen Zug werfen wolle“. Das Kind versuchte wohl vergeblich, die Mutter vom Sprung auf die Schienen abzuhalten.

Der leibliche Vater der Angeklagten machte gestern keine Angaben. Gegen den 56-Jährigen liegt ein Urteil wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor – mehr als 20 000 Bilder und rund 107 000 Videodateien härtesten Materials waren auf seiner Festplatte sichergestellt worden. Im Zuge ihres eigenen Verfahrens hatte die Beschuldigte ihren Erzeuger wegen sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit angezeigt, Ermittlungen dazu laufen parallel.

Das Gericht hatte mehrere Briefe der Angeklagten aus der Haft an ihre Mutter verlesen lassen. Diese zeichnen das Bild einer selbstbewussten Frau, die mit inszenierten Eifersuchtsspielchen immer wieder versuchte, sich an ihrem Ex-Partner zu rächen. Am Tag der Tat hatte sie das Bild mit dessen neuer Freundin entdeckt.

Gegenüber Gutachtern sowie in den Briefen hatte die Angeklagte beteuert, ein Maskierter sei in ihre Wohnung eingedrungen und habe die Tat begangen. Der Vorsitzende Richter Jochen Kötter redete der Angeklagten ins Gewissen, dass sie noch die Möglichkeit habe, ihrem Sohn und ihrer restlichen Familie „eine Lebenslüge“ zu ersparen. „Sonst hätten Sie diese Chance vertan.“ Der Prozess wird am 14. Juli fortgesetzt.
Zum vorherigen Prozesstag am Dienstag: Mutter der Angeklagten setzte Notruf ab

Hilfsangebot: Wir berichten nur unter besonderen Umständen über Suizid oder Suizidversuche. Wenn Ihre Gedanken um Selbstmord kreisen oder sie Probleme belasten, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: Tel. (0800) 111 0 111.

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