Justizvollzugsanstalt Simonshöfchen

Gefängnispfarrer Stefan Richert überwindet die Sprachlosigkeit

Gefängnispfarrer Stefan Richert empfindet die Arbeit mit den Insassen als erfüllend. Foto: talfoto.de
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Gefängnispfarrer Stefan Richert empfindet die Arbeit mit den Insassen als erfüllend.

Wuppertal. Der langjährige Gefängnispfarrer Stefan Richert erzählt von seiner Arbeit in der Justizvollzugsanstalt Simonshöfchen in Wuppertal.

Von Eike Birkmeier

Herr Richert, Sie haben zumindest übergangsweise eine „normale“ Pfarrstelle in der Evangelischen Gemeinde Sonnborn übernommen. Wie fühlt sich diese Arbeit nach Ihrer langen Tätigkeit in der Gefängnisseelsorge an?

Stefan Richert: Das ist tatsächlich eine neue und spannende Erfahrung für mich. Allein das Fehlen der Sicherheitsmaßnahmen macht deutlich, wie unterschiedlich die Herausforderungen sind. Außerdem erfahre ich gerade die ganze Bandbreite dieser Pfarrstelle von der Begleitung der Kita über die Gottesdienste in der Hauptkirche bis zum Konfirmandenunterricht.

Gleichwohl werden Sie nach Ihrer Vakanzvertretung wieder in die Gefängnisseelsorge zurückkehren.

Richert: Aller Voraussicht nach ja, das bleibt meine Hauptaufgabe, die ich weiterhin ausüben möchte.

Was reizt Sie daran?

Richert : Die Arbeit als Gefängnispfarrer ist eine große Herausforderung, aber gleichzeitig sehr erfüllend. Ich erlebe viele intensive Gespräche. Wichtig ist für mich, den Menschen in der Justizvollzugsanstalt auf Augenhöhe zu begegnen. Das gilt für die Kolleginnen und Kollegen, die inhaftierten Männer und die Angehörigen.

Wobei die inhaftierten Männer in der Regel schwere und schwerste Straftaten begangen haben.

Richert : Das gilt für einen Teil. Ein großer Teil ist inhaftiert wegen Haftstrafen, die aus einem Leben in Abhängigkeit oder Armut resultieren. Das ist eine gesellschaftliche Katastrophe. Mit den falschen Freunden und dem falschen Umfeld kann durchaus ein Weg beschritten werden, der mit einer Inhaftierung endet. Aber es gibt natürlich auch schreckliche Fälle, gerade wenn anderen Menschen Gewalt angetan wurde. Daran kann und will ich mich selbst nach den vielen Jahren meiner Tätigkeit nicht gewöhnen.

Wie gehen Sie mit dieser Bandbreite um?

Richert : Mein Zugang ist: „Gott hasst die Sünde, aber liebt den Sünder“. Im Zentrum stehen die Themen Schuld, Verantwortung und Scham. Hier gilt es oft, die Sprachlosigkeit der inhaftierten Männer zu überwinden. Für sie ist es meist schwer, ihre Emotionen zu artikulieren und das macht die Situation nicht leichter. Im Gefängnis haben sie viel Zeit zum Nachdenken. Andererseits geht es nicht darum, Taten zu verharmlosen oder schönzufärben, um dem Betroffenen ein gutes Gewissen zu verschaffen. Da kann ich durchaus sehr direkt sein.

Wie kommt der Kontakt zu den Gefangenen zustande?

Richert : Das Gefängnis ist eine Behörde und da läuft alles über Anträge an die Seelsorge. Aber auch nach Besuchen im Gottesdienst werde ich angesprochen. Die Gottesdienste werden gut besucht und bilden oft eine Brücke für weitere Gespräche. Und dann werde ich auch von Kolleginnen und Kollegen oder anderen inhaftierten Männern angesprochen, wenn sie meinen, dass für einen inhaftierten Mann ein Gespräch gut wäre.

Gefängnispfarrer ist nicht gerade ein verbreiteter Beruf. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Richert: Ich habe mich klassisch beworben. Damals war die Zahl der Pfarrstellen nicht gerade groß, da sich die Evangelische Kirche zu dieser Zeit stark konsolidieren musste. Durch meine vorherige Tätigkeit in der Krankenpflege in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen hatte ich eine gewisse Erfahrung beim Thema. Den Schritt in die Gefangenenseelsorge habe ich nicht bereut.

Was ist dabei die Kernkompetenz?

Richert : Menschenfreundlichkeit, Zuverlässigkeit und die Fähigkeit, ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen zu können. Wir sind ein wichtiger Ansprechpartner und die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht. Das ist für die inhaftieren Männer ein entscheidender Faktor.

„Wichtig ist für mich, den Menschen in der Justizvollzugsanstalt auf Augenhöhe zu begegnen.“

Stefan Richert

Welche Bedeutung hat dieses Angebot?

Richert: Man muss sich klarmachen, dass die Justizvollzugsanstalt kein schöner Ort ist. Die Gefangenen verbringen gerade am Anfang ihrer Haftstrafe den Großteil ihrer Zeit in der Zelle. Außenstehende können nur schwer nachvollziehen, was das in dieser Umgebung bedeutet. Entsprechend wichtig sind die seelsorgerischen Angebote. Wenn wir wollen, dass die inhaftierten Männer später wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden, müssen wir grundsätzlich dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, denn nur die wenigsten Menschen bleiben für immer eingesperrt.

Zur Person

Stefan Richert (57) ist als Pfarrer ein Quereinsteiger und entschied sich erst mit Ende 30 für die seelsorgerische Tätigkeit. Vorher war er in der Krankenpflege in der Stiftung Tannenhof in Remscheid tätig. Seit September 2007 ist Richert Gefängnispfarrer in der JVA Simonshöfchen. Er hat in der Evangelischen Kirchengemeinde Sonnborn die Vakanzvertretung für seinen nach Düsseldorf gewechselten Kollegen Joachim Pannes übernommen. Bis Ende Juli soll geklärt werden, wer dauerhaft auf die Pfarrstelle an der Hauptkirche nachfolgt. Dann wird Richert seine Arbeit in der JVA wieder aufnehmen, die bis dahin von seiner Kollegin Pfarrerin Heike Rödder übernommen wird.

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