Gebäude wird abgerissen

Das Ende der Legende vom eingemauerten Waggon

Beim Abriss des Gebäudes in Beyenburg wurden Teile des Eisenbahnwaggons aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wieder sichtbar. Fotos (2): Henrik Erfurt
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Beim Abriss des Gebäudes in Beyenburg wurden Teile des Eisenbahnwaggons aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges wieder sichtbar.

Im Zweiten Weltkrieg war ein Zug bombardiert worden – nur ein Abteil überstand den Angriff und diente später als Wohnraum.

Von Manuel Praest

Wuppertal. Wer vor kurzem mal an der Beyenburger Straße in Schwelm, direkt an der Grenze zu Beyenburg und Radevormwald vorbeigekommen ist, könnte die Spuren entdeckt haben. Am Abzweig der Straße, da, wo die Häuser direkt an der Wupper stehen. Ein Gebäude wird aktuell abgerissen und zwischen den noch stehenden Mauern sticht eine „Wand“ hervor, die eher nach einer besonderen Tür aussieht.

Sie erinnert an eine Legende, die gerade viele ältere Beyenburger kennen: Vom Bahnwaggon, der in ein Haus „eingemauert“ wurde. Gesehen haben dürften ihn in der Vergangenheit die wenigsten, doch jetzt, wo die Bagger am Werk sind, tritt die Geschichte wieder zutage.

„Ich musste abreißen, leider“, betont Henrik Erfurt, Spross der Unternehmerfamilie Erfurt, dem das Gebäude gehört. Aus seiner Sicht hätte der Waggon im Haus noch länger stehen bleiben können - er durfte aber nicht. Dazu später mehr.

Wurde der Waggon per Floß über die Wupper gebracht?

Die Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg. Damals gab es noch lange nicht die heutigen Straßenverläufe in und um Beyenburg. Wichtige Verbindung war die Bahn. Wer den Ortskern des Wuppertaler Außenpostens kennt, mit seinen Jahrhunderte alten Häuschen und dem Kloster, mag denken, dass der Krieg um Beyenburg einen Bogen machte. Tat er aber nicht. In den letzten Kriegsmonaten wurde zum Beispiel ein Zug auf halber Strecke zwischen Beyenburg und Remlingrade bombardiert. „Etwa dort, wo sich oberhalb heute das Bootshaus des Eisenbahner Sportvereins befindet“, erzählt Hans-Werner Putzke vom Beyenburger Geschichtskreis.

„Im März 1945 war das“, erinnert sich Hans-Joseph Klein, „das habe ich noch erlebt.“ Mehrere Tote habe es gegeben, so der 86-Jährige, der die historische Episode vor Jahren für den Bürgerverein aufgeschrieben hatte. Der Zug sei damals zerstört worden - eben bis auf einen Waggon, der noch halbwegs intakt geblieben war. Aufgrund der vielen Wohnungslosen damals sei er dann als Not-Wohnraum umfunktioniert worden.

Wie er zu seinem späteren Standort kam, der streng genommen auf Schwelmer Stadtgebiet liegt, von vielen aber noch als Beyenburg wahrgenommen wird, ist allerdings nicht genau geklärt. „Vermutlich per Floß über die Wupper“, sagt Henrik Erfurt, im Zuge einer Überschwemmung. So sei es ihm zugetragen worden. Auf jeden Fall muss es ein ziemlicher Kraftakt gewesen sein.

Ursprünglich gehörte das Grundstück samt kleinem Häuschen einer Stahlfirma, ehe die Erfurt KG es in den 1960er Jahren erwarb. Der Waggon diente damals als Verbindung zwischen Küche und Kontor. Das Gebäude sei immer durchgehend bewohnt gewesen, betont Henrik Erfurt. Unter anderem durch die Familie Braun, deren Mann Klein gut kannte und der bei Erfurt beschäftigt war.

Mitte der 2000er Jahre übernahm Henrik Erfurt, Geschäftsführer von Erfurt, es schließlich als Privatbesitz. Untergebracht waren dort zuletzt Waldarbeiter. Zu dem Zeitpunkt war der Waggon allerdings schon längst „verbaut“, wie Erfurt erzählt, und maximal erahnbar für diejenigen, die die Legende kannten. Mehrfach war daran gearbeitet worden.

Das alte Tonnendach sei zum Beispiel „klimatisch natürlich eine Katastrophe“ gewesen, vor allem, wenn die Sonne draufschien. Deshalb habe man später, Mitte der 2000er Jahre ein Spitzdach aufgesetzt. „Mit Genehmigung“, betont Erfurt.

Die wechselvolle Geschichte des Waggons endet jetzt allerdings traurig. Im Zuge eines Nachbarschaftsstreits, so Erfurt, musste das Haus in den letzten Jahren entmietet werden. Zudem trat zutage, dass der gesamte Bau gar keine Baugenehmigung besaß. Die sei, so Erfurt, nach dem Zweiten Weltkrieg für den Waggon nur befristet erteilt worden, was die Erfurt KG und er, die ja erst später Eigentümer wurden, aber gar nicht wussten. Eine Verlängerung sei nun nicht mehr möglich gewesen.

Über Jahrzehnte habe sich niemand darüber beschwert. Die 2005 erteilte Genehmigung für den Umbau sei nachträglich dann aber auch hinfällig gewesen, der Abriss angeordnet worden, weil die grundsätzliche Erlaubnis ja fehlte, sagt Erfurt, der noch einmal betont, dass, wenn es nach ihm gegangen wäre, Haus samt Waggon nicht verschwunden wären.

Die Stadt Schwelm konnte sich auf Anfrage unserer Redaktion noch nicht äußern, verwies aber vorab schon mal auf den Datenschutz bei privaten Verfahren.

Damit dürften bald die letzten Spuren der Legende verschwunden sein. Vergessen werden soll sie aber nicht. Heinz-Werner Putzke will für den Geschichtskreis das Thema doch noch einmal aufarbeiten.

Bahnlinie

Verkehrstechnisch sah es zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch ziemlich anders aus als heute in Beyenburg. Auch die L414 war Zukunftsmusik, erklärt Hans-Werner Putzke vom Geschichtskreis. Über die Brücke führte allerdings die Trasse der Wuppertalbahn, jener historischen Eisenbahnstrecke von Wuppertal-Oberbarmen nach Radevormwald. Hier ereignete sich im Mai 1971 auch das bis dahin schwerste Eisenbahnunglück der deutschen Bundesbahn, bei dem 46 Menschen starben – der größte Teil von ihnen waren Schüler. Der Personenverkehr wurde 1979 eingestellt, die letzten Güterzüge fuhren in den 1990er-Jahren. Allerdings engagiert sich seit Jahren der Verein Wupperschiene um den Vorsitzenden Ulrich Grotstollen für eine Reaktivierung der Strecke, zumindest als Museumsbahn. Zuletzt kamen auch Überlegungen für einen ÖPNV-Betrieb hinzu.

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