Ausstellung

„Einige waren Nachbarn“ – und haben zugesehen

Blick in die Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte. Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/Ingo Lammert
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Blick in die Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte. 

Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf zeigt eine neue Ausstellung mit teils bekannten Motiven, diesmal aber mit gesamtem Kontext

Von Peter Kurz

Düsseldorf. „Davon haben wir nichts gewusst.“ Das ist ein Satz, den manch einer von seinen Eltern oder Großeltern gehört hat, wenn es um die Gräuel des Nationalsozialismus ging. Und nicht recht wusste, ob er ihn wirklich glauben konnte. Eine eindrucksvolle Fotoausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte auf der Düsseldorfer Mühlenstraße zeigt nun, dass das Unrecht ganz offensichtlich, am helllichten Tag, passierte. Und dass die Menschen manchmal unbeteiligt, manchmal neugierig, manchmal feixend daneben standen, wenn andere gedemütigt oder deportiert wurden.

Der Blick wird auf scheinbar Nebensächliches gelenkt

Die Ausstellung „Einige waren Nachbarn: Täterschaft, Mitläufertum und Widerstand“ sollte eigentlich am 23. März starten. Dann kam die Corona-Pandemie dazwischen. Nun besteht, nach der Wiederöffnung der Mahn- und Gedenkstätte, immerhin noch bis zum 21. Juni Gelegenheit, die eindrucksvollen Bilder aus dem Holocaust Memorial in Washington in Düsseldorf zu sehen.

Manche der 21 Exponate sind Fotos, die der Betrachter in anderem Zusammenhang schon früher gesehen haben mag. Oftmals in Formaten, in denen nur Opfer und Täter gezeigt wurden, nicht aber der gesamte Ausschnitt des Bildes, der auch die gleichzeitig anwesenden Zeugen des Geschehens ins Blickfeld rückt. Auf eben diese wird das Auge des Betrachters in der Ausstellung gelenkt, teilweise durch rote Markierungen auf dem Bild. Manchmal ist das aber gar nicht nötig, zu offensichtlich ist zum Beispiel die Menschenmenge im Wien des Jahres 1938, die teils neugierig staunend, teils grinsend beobachtet, wie Juden gezwungen werden, auf die Straßen gemalte Parolen per Hand wegzuscheuern. Ein Foto, das den zynischen Titel „Reibpartie“ trägt.

Eine Frau wird angeprangert – so ist die Reaktion der anderen

Und da ist die junge Frau, die, von Sicherheitskräften begleitet, ein großes Pappschild vor dem Körper tragen muss, als sie durch die Straßen geht. Darauf der Satz: „Ich bin eine Deutsche und habe mich vom Juden schänden lassen.“ Ein Foto, das für Geschichtsbücher oder Zeitungsartikel vielleicht oftmals so beschnitten wurde, dass eben dieses Hauptgeschehen dokumentiert wird. Doch das „Hauptgeschehen“, um das es den Machern dieser Ausstellung geht, ist ein anderes: Es sind die beiden jungen Frauen, die – die eine lächelnd, die anderen unbeteiligt dreinblickend – an der so angeprangerten Frau vorbeigehen.

Noch ein Beispiel: Wir sehen, wie 1940 jüdische Frauen deportiert werden. Im ersten Stock eines Hauses stehen mehrere Zuschauer, die die Szene interessiert beobachten. Im Bildtext heißt es: „Eine Frau hatte den Mut herauszukommen und meine Mutter zu umarmen, um sich von ihr zu verabschieden. Ihr ist nichts passiert. Vielleicht wären manche Dinge anders gekommen, wenn mehr Menschen so was gemacht hätten.“

Warum haben so viele geschwiegen und so wenige geholfen?

Mit den Bildern solle ein anderer Fokus gesetzt werden, als man ihn sonst beim Thema Nationalsozialismus kenne, sagt Astrid Hirsch von der Mahn- und Gedenkstätte. „Es geht hier nicht um Täter und Opfer, um Helden oder Widerstandskämpfer, sondern um die Menschen, die dabei waren, die einfach nur zugeschaut haben.“ Die Ausstellung solle zum Nachdenken anregen: Wie wurden aus Nachbarn Denunzianten, Mittäter, oder heimliche Profiteure? Warum haben so viele geschwiegen und so wenige geholfen? „Einige waren Nachbarn“ fordert dazu auf, über die Vielzahl an Motiven und Zwängen nachzudenken, die die individuellen Entscheidungen und Handlungen der Menschen beeinflussten.

Historikerin Astrid Hirsch bedauert, dass in Coronazeiten keine Führungen mit Schülern durch die Ausstellung möglich sind. Das hätte nicht nur die Möglichkeiten eröffnet, dass diese im Nachhinein etwa mit ihren Großeltern sprechen könnten: Was habt ihr denn gewusst, was habt ihr gesehen? Auch könne jeder leicht Parallelen ziehen zur Jetztzeit, da bei Attacken auf Minderheiten ja auch das Thema Zivilcourage eine Rolle spiele.

Sonderausstellung: In der Mahn- und Gedenkstätte, Mühlenstraße 29, gibt es aufgrund der Corona-Schutzbestimmungen keine Führungen und kein Begleitprogramm. Der Zutritt in die Gedenkstätte ist nur Einzelpersonen oder Familien mit Mund-Nasen-Bedeckung gestattet.

Dauerausstellung: „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“ ist weiterhin zu sehen. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten dienstags bis freitags und sonntags von 11 bis 17 Uhr, samstags von 13 bis 17 Uhr, montags geschlossen.

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