„Einarmige Prinzessin“ macht vielen Menschen Mut

Die 21-jährige Gina Rühl verlor bei einem Motorradunfall ihren Arm und fand einen Weg, mit dem sie sich und anderen hilft

Von Martin Lindner

Wuppertal/Radevormwald Gina Rühls Blick richtet sich nach vorne und nicht zurück. Anderthalb Jahre ist es her, dass die 21-jährige Wuppertalerin mit ihrem Freund einen Motorradunfall hatte, bei dem sie ihren linken Arm verlor. Anfangs schämte sie sich für ihr Äußeres und mochte sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Nun aber geht sie umso selbstbewusster mit ihrem Handicap um, und macht dabei Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge erlitten haben, in den sozialen Medien Mut.

„Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe“, erklärt die junge Frau offenherzig lächelnd. Aus ihren Fotos und Videos, die sie auf Instagram und Tik Tok veröffentlicht, schöpft sie Kraft und Lebensfreude, es ist ihre „Therapie“ , wie sie sagt; nebenbei hilft sie damit anderen. Eine OP-Schwester, von der Gina Rühl selber behandelt worden ist, erzählte ihr, dass sie Patienten gerne ihren Internetauftritt zeige. „Die Menschen sagen dann: Das Mädchen ist so viel jünger als ich, wenn sie das schafft, schaffe ich das auch“, gibt die Wuppertalerin wieder, was sie an Feedback bekommen hat. Sie schreibe auch gerne Fremden, die ihr das Herz ausschütten, und will ihnen ein Stück weit die Angst vor dem Leben mit Handicap sowie das Schamgefühl nehmen.

„Ich bin glücklich, dass ich noch lebe.“

Gina Rühl über den Unfall

In diesem Jahr feiert Gina Rühl, die sich in den sozialen Medien „einarmige Prinzessin“ nennt, einjähriges Jubiläum auf den Plattformen. Ihre Fangemeinschaft ist in der kurzen Zeit rasant gewachsen, mittlerweile folgen ihr auf Instagram mehr als 43 000 Menschen, auf Tik Tok sind es sogar schon 158 000. „Ohne sie wäre ich nicht, wo ich heute bin“, sagt sie ehrlich. In den Videos zeigt sie beispielsweise, wie ein Schneidebrett für einen Arm funktioniert oder präsentiert sich gestylt wie ein Model in schicken Kleidern – stets im Bild: ihre Armprothese oder ihr Armstumpf.

Gina Rühl versteckt sich nicht, sondern zeigt sich der Welt, wie sie ist. Die 21-Jährige bemängelt aber, dass man im Fernsehen nie Moderatoren sieht, die ein Handicap haben. Das würde Zweifel in vielen Menschen säen, die nicht dem Ideal entsprechen.

Ihre schwarze Armprothese, die sie mit blinkenden Strasssteinen verziert hat, steuert sie über zwei Muskeln. „Das ist sehr anstrengend“, gibt Gina Rühl zu, die eine spezielle Schule in Köln besuchen muss, um die richtige Handhabung des Hightech-Geräts, das mehrere 10 000 Euro kostet, zu erlernen. Im Winter setzen ihr vermehrt Phantomschmerzen zu. „Mein Leben hat sich sehr verändert, ich musste alles komplett umstrukturieren“, sagt die Frau, die eine Ausbildung zur Justizfachangestellten macht und in Cronenberg lebt. Im Haushalt erledigt sie die Dinge anders, eben auf ihre Art und Weise. Die meisten Sportarten kann sie nicht mehr treiben. Vor dem Motorradunfall wollte sie professionell Schlittschuhlaufen lernen. Wegen des noch immer verletzten Beins und ihrer Prothese muss sie diesen Traum vorerst beiseiteschieben.

In den drei ersten Monaten nach dem Unfall wurde Gina Rühl 15 Mal operiert, insgesamt kam sie auf fast 20 Operationen. Dieses Jahr muss sie sich noch einmal operieren lassen. An den Unfall, der für ihre Strapazen verantwortlich ist, kann sie sich noch genau erinnern. Es war im September 2019, ihr Freund und sie fuhren auf der Bundesstraße zu einem befreundeten Pärchen, mit dem sie zum Kaffeetrinken verabredet waren. Rühl saß hinter ihrem Freund auf dem Motorrad.

„Ich weiß, wie schnell es vorbei sein kann, deswegen genieße ich jeden Moment.“

Gina Rühls Lebenseinstellung

Als sie bei Radevormwald in eine lange Linkskurve fuhren, brach das Hinterrad aus, die beiden jungen Menschen stürzten mit dem Motorrad auf die linke Seite und schlitterten über die Straße, bis sie einen Abhang hinunterrutschten. „Ich habe die Funken von dem Motorrad gesehen“, erzählt Gina Rühl. Die Bilder wird sie nie mehr vergessen. Nach dem Unfall war sie bei Bewusstsein. Schon in dem Moment habe sie ihren linken Arm nicht mehr gespürt. Sowohl sie als auch ihr Freund wurden mit Helikoptern ins Krankenhaus geflogen. Jan Otterbein (22), der professioneller Kickboxer ist, erlitt ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma und Bänderrisse, sie neben dem Abriss des Arms einen Schienen- und Wadenbeinbruch sowie einen doppelten Beckenbruch.

Was genau zu dem Unfall geführt hat, ist nicht bekannt: Ob es an einem technischen Defekt des Motorrads lag, etwas auf der Straße gelegen hat oder der Unfall auf einen Fahrerfehler zurückzuführen ist, wird sich nicht mehr zweifellos klären lassen. Fest steht laut eines Gutachtens aber, dass die Geschwindigkeit nicht überschritten worden ist, berichtet Gina Rühl.

„Ich bin glücklich, dass ich noch lebe“, sagt sie klipp und klar. Als Paar sind Gina Rühl und ihr Freund seit dem Unfall stärker zusammengewachsen, wie beide beteuern. „Man braucht sich in der schweren Zeit mehr denn je“, beschreibt die junge Frau den sicheren Anker, den ihr die Partnerschaft bietet. Seit 2015 sind sie und Jan Otterbein fest zusammen.

„Ich sehe das Leben seit dem Unfall mit anderen Augen. Ich weiß, wie schnell es vorbei sein kann, deswegen genieße ich jeden Moment“, sagt die einarmige Prinzessin und lächelt über beide Wangen.

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