Tradition

Ein Jahrhundert lang betrieb Familie Weiß ihr Geschäft

Wolfgang Weiss gibt seinen Laden in Haßlinghausen nach 54 Jahren ab: Er wurde im Stadtteil sehr geschätzt und war Vorsitzender des Werberings. Foto: Anna Schwartz
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Wolfgang Weiss gibt seinen Laden in Haßlinghausen nach 54 Jahren ab: Er wurde im Stadtteil sehr geschätzt und war Vorsitzender des Werberings.

Sprockhövel. Das Ende einer Ära in Haßlinghausen.

Von Friedemann Bräuer

„Der verehrten Einwohnerschaft von Haßlinghausen und Umgegend gebe ich hierdurch bekannt, dass ich unter obiger Adresse im Hause des Herrn Obermann neben der Post eine Medizinal-Drogerie eröffnet habe.“ So steht es auf einem Handzettel, der vor ziemlich genau hundert Jahren im Oktober 1921 von Gustav Weiß verteilt wurde. Der Drogist sicherte der Kundschaft „gute Ware“, „fachmännische Beratung“ und „mäßige Preise“ zu. Wolfgang Weiss, sein Enkel, hat dieses historische Dokument eingerahmt.

Es prangt im Schaufenster des am 30. Juni geschlossenen Foto- und Parfümerie-Geschäfts an der Haßlinghauser Mittelstraße 20. Eine Ära ist damit zu Ende gegangen, in der Wolfgang Weiss (72) das Fachgeschäft 54 Jahre lang geführt hat und in Haßlinghausen zu einer Institution geworden ist. Das sieht auch sein Nachfolger im Amt des Vorsitzendes des Werberings Haßlinghausen, Michael Cramer so: „Dass er sein Traditionsgeschäft so viele Jahre geführt hat, spricht allein schon für ihn. Durch seine angenehme Art und den guten Draht zu den Menschen in Haßlinghausen konnte er auch viele Dinge bewerkstelligen, die anderen nicht gelungen wären. Für jeden hatte er ein offenes Ohr und für die weniger Erfahrenen auch stets einen guten Rat” , spricht Cramer mit größter Hochachtung.

Wolfgang Weiss kannte die Vorlieben der Ehefrauen

Wolfgang Weiss ist gelernter Drogist, der seine Ausbildung in Gevelsberg absolviert hat und in der damaligen Drogerie schon früh Verantwortung übernehmen musste. Sein Vater Alfred war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. „20 Jahre war ich damals alt“, erinnert er sich.

Vor rund vier Jahrzehnten änderte er den Geschäftszweig. „Damals kamen die Drogeriemärkte auf“, nennt Weiss den Grund für den Branchenwechsel in den Foto- und Parfümerie-Bereich. Bei Düften und Kosmetika kannte sich der Kaufmann schnell aus. Sogar so gut, dass er bei rund 98 Prozent Stammkundschaft schon meist wusste, wo die Vorlieben der Ehefrauen seiner männlichen Kunden lagen. „Die Flacons und Tuben sind oft Verlegenheitsgeschenke, die natürlich besonders gut in der Woche vor Weihnachten gehen. Das ist erfahrungsgemäß umsatzmäßig die beste Woche des Jahres“, so Weiss und schickt gleich ernst hinterher: „Die ist uns Einzelhändlern wegen Corona leider genommen worden.“

Auch wenn Corona ihm wie auch seiner unmittelbaren Nachbarin Erika Ströcker („Sandras Modique“) im letzten Jahr die Freude an der Arbeit verdorben hat, schaut Wolfgang Weiss zufrieden auf das mehr als ein halbes Jahrhundert dauernde Leben als Geschäftsinhaber an der Haßlinghauser Mittelstraße. „Doch, es hat Spaß gemacht“, lautet sein Fazit.

Der Gebäudekomplex Mittelstraße 20 wird schon im Herbst abgerissen. An gleicher Stelle soll ein Mehrfamilienhaus mit einem barrierefreien Café im Erdgeschoss entstehen. „Meine Geschäftsaufgabe aus Altersgründen und die Ideen der Stadtplaner trafen da zusammen.“

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