Aufklärung

Ehemaliger Dealer warnt Jugendliche vor Drogen

Ärztin Stephanie Hofmann und Sven Wiersen haben den Verein „Lernraum Knast“ gegründet. Foto: Andreas Fischer
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Ärztin Stephanie Hofmann und Sven Wiersen haben den Verein „Lernraum Knast“ gegründet.

Wuppertal. Sven Wirsen saß sechs Jahre lang im Gefängnis, heute erzählt er seine Geschichte.

Von Katharina Rüth

Sven Wirsen (50) hat das Gefühl, einen Auftrag zu haben, etwas wiedergutmachen zu wollen. Deshalb erzählt er seine Geschichte in Schulklassen, klärt über Drogen, das Leben als Abhängiger, Dealer und Häftling auf. Denn alles hat er selbst erlebt. Gemeinsam mit der Ärztin Stephanie Hofmann (63) hat er ein Programm entwickelt, Jugendlichen mit seiner Lebensgeschichte und weiteren Informationen mehr Wissen über Drogen und ihre Folgen zu vermitteln.

„Ich habe mein Leben an die Wand gefahren.“

Sven Wirsen

Er komme aus einem ganz normalen Elternhaus, erzählt er. Erste Versuche zu kiffen, hätten ihm nicht gefallen. Er machte eine Lehre als Dreher, fand einen guten Job. Und dann kam Techno auf. „Plötzlich gab es überall Technopartys.“ Da wollte er als junger Mann von Anfang 20 dabei sein. Und lernt dabei die kleinen bunten Pillen kennen, mit denen er die ganze Nacht durchtanzen konnte: „Ich habe das probiert, das hat mir gut gefallen.“

Mit den Ecstasy-Pillen verlor er den Respekt vor anderen Drogen, probierte Amphetamin, LSD, Kokain, irgendwann auch Chrystal Meth: „Das war der totale Wachmacher“. Wenn er davon Schülern erzähle, erkläre er, das sei wie der Zaubertrank bei Asterix und Obelix.

Er brauchte höhere Dosen, um die Wirkung zu spüren. Warum das so ist, was das mit den Botenstoffen im Gehirn zu tun hat, erklärt dann Stephanie Hofmann. „Wir wollen den Jugendlichen auch Wissen vermitteln“; sagt sie. Sven Wirsen erklärt: „Wir arbeiten nicht mit erhobenem Zeigefinger. Jeder soll selbst entscheiden können.“ Er berichtet den Jugendlichen auch, dass er jeden Morgen Schmerzen hatte, tief deprimiert war und sich erst mit Drogen normal fühlte. „Das ist nicht cool“, vermittelt er den Jugendlichen.

Gefängnisaufenthalt rettet ihn aus der Sucht

Mit Ende 30 verlor er seinen Job. Schon vorher hatte er sich das Geld für die Drogen durch Dealen verdient. Als er arbeitslos war, brauchte er noch mehr Geld und dealte noch mehr. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür stand. Ein Tipp hatte die Ermittler auf seine Spur geführt. Sie fanden bei ihm „nur“ eine Tasche mit Gras, leider lagen darin auch fünf Taschenmesser. Drogenhandel mit Waffen wird hart bestraft: Fünf Jahre und zehn Monate Haft lautete am Ende das Urteil.

„Das hat mir das Leben gerettet“, sagt Sven Wirsen heute. Hätte er weitergemacht, „wäre ich heute tot“, ist er überzeugt. Er ist heute stark krebsgefährdet, hatte lange Wortfindungsstörungen und ist froh, dass die Drogen keine bleibenden Schäden in seinem Gehirn hinterlassen haben.

Im Gefängnis hat er zunächst einen kalten Entzug erlebt, sei dadurch aufgewacht und habe gewusst: „Ich habe mein Leben an die Wand gefahren.“ Er litt besonders unter der Einsamkeit, hätte jedes Angebot für Abwechslung angenommen. Zu seinem Glück gab es einen Kurs in Achtsamkeit, den Stephanie Hofmann im Gefängnis anbot. „Ich habe gelernt, einen Schritt zurückzutreten und das ganze Bild zu sehen“, sagt er. Und, selbst zu entscheiden, ob er alten Handlungsmustern folgen oder andere Wege gehen will. Ein Jahr besuchte er den Kurs: „Das hat viel bewirkt.“

Er blieb mit Stephanie Hofmann in Kontakt. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, dass er mit der Schilderung seiner Geschichte Jugendliche ansprechen kann. Inzwischen haben sie ein vierstündiges Programm, mit dem sie achte bis zehnte Klassen besuchen.

Dabei merken sie, dass Drogen überall ein Thema sind, in jeder Schulform. Sven Wirsen macht den Jugendlichen klar, dass die Bilder von coolen Dealern falsch sind, sie einen hohen Preis zahlen, dass abhängig zu sein, nicht schön und Gefängnis kein Spaß ist. Zum Schluss lese er immer eine Liste von Freunden aus seiner Drogenzeit vor, die am Goldenen Schuss gestorben, eine Psychose bekommen oder Selbstmord begangen haben. 15 sind es. „Dann gibt es immer ganz lange Gesichter.“

Wenn er das Gefühl hat, Jugendliche erreicht zu haben, wenn er hinterher hört, dass ein Junge dem Lehrer von schwierigen Verhältnissen, ein Mädchen von Drogen zu Hause erzählt hat, hat er das Gefühl, dass er er etwas Sinnvolles tut. Dass es vielleicht alles so sein musste, damit er seine Geschichte erzählen kann.

Dass er auf die Jugendlichen so authentisch wirkt, „wäre ohne seine Vergangenheit nicht möglich“, sagt auch Stephanie Hofmann. So werde aus dem Elend etwas Gutes. Sie wollen ihr Projekt ausbauen, suchen nach Finanzierungsmöglichkeiten. Denn die Arbeit mit Jugendlichen soll Sven Wirsen eines Tages den Lebensunterhalt verdienen.

Lernraum Knast

Sven Wirsen und Stephanie Hofmann haben den Verein Lernraum Knast gegründet, über den die Ärztin Achtsamkeitskurse anbietet und über Drogen aufklärt.

lernraum-knast.de

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