Reise

Rekordherbst am Flughafen: Ist Flugscham ein Thema?

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In den Herbstferien verbucht der Düsseldorfer Flughafen wieder Rekordzahlen.

DÜSSELDORF Klimadiskussion – und zugleich Boomzahlen am Flughafen: Wir haben nachgefragt, was Reisende sagen.

Von Nele Dohmen

Und wieder einmal boomen die Zahlen am Düsseldorfer Flughafen. 1,4 Millionen Passagiere erwartet der Airport während der zweiwöchigen Herbstferien, die am 25. Oktober enden, ein Plus von 2,5 Prozent. Das ist eine interessante Entwicklung, wird doch die Debatte um den eigenen ökologischen Fußabdruck hitziger geführt denn je. Das Wort Flugscham (Flygskam) ist aus Schweden herübergeschwappt. 44 Prozent der Deutschen haben in einer Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft angegeben, dass sie sich schämen, wenn sie in ein Flugzeug steigen und damit zu einer ganzen Menge Kohlendioxid beitragen.

Also, schämen Sie sich? Mit dieser ketzerischen Frage haben wir uns an einem Vormittag in den Ferien an den Düsseldorfer Flughafen begeben.

Schlechtes Gewissen – aber Flugzeug ist einfach zeitsparender

Aron Philipp ist Unternehmensberater aus Zürich. Er ist gerade gelandet, da er in Düsseldorf die Messe K besucht. „Flugscham, ja, das ist schon ein Thema für mich. Ich fahre wirklich oft mit dem Zug, das sage ich nicht nur so. Aber wenn man wie ich heute für nur einen Tag hier her kommt, ist das schon deutlich zeitsparender mit dem Flugzeug. Der Zug braucht von Zürich nach Düsseldorf etwa sieben Stunden“, sagt der 26-Jährige. 

Unternehmensberater Aron Philipp ist für die Messe K aus Zürich in die Landeshauptstadt gekommen.

Er findet, dass das Thema politisch unterrepräsentiert ist. Da müsse es schon Maßnahmen und Regelungen geben, um mehr Leute vom Fliegen abzuhalten. Was sich für ihn in seinem Beruf aber schwierig gestalten würde: Er fliegt etwa ein Mal im Monat für seinen Job. Ab und zu wohl auch mit schlechtem Gewissen.

Erhobener Zeigefinger gilt auch für Schiffe und Kreuzfahrten

Auch Tim Pieper (32) ist gerade mit seiner Freundin in Düsseldorf gelandet. Die beiden haben Urlaub in New York gemacht. „Wir fliegen viel und das ist auch kein Problem für mich. Man sollte sich die Welt angucken. Ich sehe eher andere Sachen als problematisch an, die Schifffahrt oder Kreuzfahrten. Da sollte mehr auf Partikelfilter gesetzt werden.“

Das ist aber nicht richtig, klimaschädlicher als das Fliegen ist fast nichts. Vom Umweltbundesamt heißt es dazu: „Im Vergleich aller Verkehrsträger kommt aus Klimasicht das Flugzeug am schlechtesten weg. Ein Hin- und Rückflug Berlin-Mallorca etwa emittiert ein Drittel der Treibhausgasemissionen eines durchschnittlichen Autos pro Jahr, ein Hin- und Rückflug nach Peking kommt auf mehr als das Doppelte der Emissionen eines Durchschnittsautos.“

MEHR ALS CO2

EMISSIONEN Die Klimawirkung des Flugverkehrs setzt sich nicht nur aus CO2-Emissionen, sondern auch aus anderen Faktoren zusammen: Treibhausgase wie Methan, Stickoxide oder Ozon. Der Weltklimarat IPCC schätzt die Klimawirkungen dieser Faktoren zwei- bis fünfmal höher ein als die durch CO2. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass die Klimawirkung des Flugverkehrs insgesamt bei 4,9 Prozent liegt.

Nun gibt es auch die, die darauf aufmerksam machen, dass der Flugverkehr nur einen kleinen Teil der CO2-Emissionen ausmache. Jüngstes Beispiel: Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender von TUI, der in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ betonte, dass Flüge für etwa zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich seien, ähnlich wie die kommerzielle Schifffahrt. Gemessen an der Menge des ausgestoßenen CO2 ist tatsächlich nicht das Fliegen der größte Klimakiller, sondern die Stromerzeugung mit fossilen Brennstoffen. Auf deren Kosten geht weltweit etwa ein Drittel.

Und doch reicht diese Argumentation vielen nicht, um ihr Gewissen zu beruhigen: Denn auf die Art und Weise, wie Strom erzeugt wird, hat der Einzelne wenig Einfluss. Darauf, wie oft er mit dem Flugzeug fliegt, aber schon. Nils Boeing, Journalist mit Fachgebiet Klimaschutz bei der „Zeit“, hat es kürzlich vorgerechnet: Seine Reise nach Tokio hat 5,53 Tonnen CO2 verursacht. „Das sind 16,5 Quadratmeter arktisches Eis, die meinetwegen geschmolzen sind.“ Er kommt allerdings auch zu dem Schluss, dass die Rettung des Klimas nicht beim Einzelnen abgeladen werden sollte.

Touristikerin bietet keine Flüge unter 500 Kilometern an

Britta Weidemann sieht sich dagegen schon in der Verantwortung, selbst etwas zu tun. Obwohl sie gerade mit ihren zwei Kindern, ihrem Mann und den Eltern am Düsseldorfer Flughafen steht und in Kürze nach Ibiza fliegen wird. „Ich bin selber in der Tourismusbranche tätig und Flugscham ist auch bei uns ein Thema. Auch wegen der Nachfrage von Kunden. Wir bieten zum Beispiel keine Flüge unter 500 Kilometern an.“ 

Britta Weidemann und ihr Sohn Leo fliegen mit der ganzen Familie nach Ibiza in den Urlaub.

Auch wenn sie nicht komplett auf Flugreisen verzichtet, sie und ihre Familie haben sich im Privaten schon umgestellt: Vor einem Jahr haben die Weidemanns das Auto abgegeben, in einer Großstadt wie Köln sei das mit etwas mehr Planung, mit Fahrrad, Bahn und Carsharing machbar. „Ich will da auch als Vorbild für die Kinder handeln.“

Freiwilliger CO2-Ausgleich unterstützt Klimaprojekte

Marie Asselmeyer (27) und Marcel Weinelt (34) sind gerade aus Palermo zurückgekommen. Das Gefühl der Flugscham kennen sie schon. Aber immerhin haben sie bei der Buchung freiwillig einen Aufpreis für den CO2-Ausgleich gezahlt. Das mache es etwas besser. Die Idee: Die durch den Flug verursachten Emissionen werden durch die Unterstützung von Klimaprojekten an anderer Stelle eingespart. „Wir fliegen vielleicht zwei Mal im Jahr“, sagt Weinelt. Niemand könne aber immer 100-prozentig korrekt handeln. Beispiel: „Mein Vater ist ein ziemlicher Öko. Hat immer die Grünen gewählt. Jetzt zum 60. gönnt er sich aber eine Kreuzfahrt.“

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