Proteste gegen das Mullah-Regime dauern an

Situation im Iran: „Die Welt darf nicht länger zuschauen“

Mona Ahmadipour (v. l.), Farnak Fati, Javid Hamid Sabah, Gholamhasan Otadi und Gholamreza Amani vom Persisch-Deutschen Kultur- und Sportverein haben größtenteils eigene Erfahrungen mit dem iranischen Regime gemacht.
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Mona Ahmadipour (v. l.), Farnak Fati, Javid Hamid Sabah, Gholamhasan Otadi und Gholamreza Amani vom Persisch-Deutschen Kultur- und Sportverein haben größtenteils eigene Erfahrungen mit dem iranischen Regime gemacht.
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Mitglieder eines Persisch-Deutschen Vereins aus Solingen wollen Aufmerksamkeit für die Situation in ihrer Heimat schaffen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Das Porträt der jungen Frau mit dem hoffnungsvollen Lächeln im Gesicht ist an prominenter Stelle im Fenster des Persisch-Deutschen Kultur- und Sportvereins in der Solinger Innenstadt zu sehen. Es zeigt Mahsa Amini, die im Alter von gerade mal 22 Jahren während einer Inhaftierung in Teheran gestorben ist. Entgegen der Darstellung der iranischen Machthaber wurde die junge Frau mutmaßlich zu Tode geprügelt – die sogenannte „Sittenpolizei“ hatte sie festgenommen, weil sie ihren Hidschāb nicht vorschriftsgemäß getragen haben soll.

Die Wut bei den iranischstämmigen Bürgerinnen und Bürgern in der Klingenstadt über die Entwicklungen in dem streng islamisch geprägten Land ist groß. Ebenso groß ist aber auch ihre Hoffnung, dass das Regime mit den anhaltenden Protesten endgültig zu Fall gebracht werden kann.

„So lange die westlichen Länder und auch Deutschland Geschäfte mit dem Iran machen, wird sich an den Verhältnissen nichts ändern“, sagt der Vorsitzende Gholamreza Amani, der den Verein 2018 gegründet hat.“ Der 54-Jährige flüchtete 1988 wegen des Krieges im Iran nach Deutschland und bemüht sich mit der Vereinsarbeit um einen intensiven Austausch der iranischen Community in Solingen mit anderen Nationen. „Jeder soll sich bei uns willkommen fühlen.“ Vom Theaterstück bis zur Sportveranstaltung versucht der Verein auf vielfältige Weise, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Über die Situation in der früheren Heimat zu sprechen, fällt einigen hier schwer. Gerade die Frauen im Verein haben teilweise traumatische Erfahrungen im Iran gemacht. Faranak Fati etwa kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie von der Ermordung ihres Bruders im Iran vor 35 Jahren erzählt. Er sei als Oppositioneller von der Regierung aufgehängt worden – wo seine Leiche vergraben wurde, habe die Familie erst viel später erfahren. „Wir durften nicht einmal einen Stein mit seinem Namen am Grab anbringen.“

Auch Faranak Fati selbst, die als Lehrerin und Schuldirektorin im Iran gearbeitet hatte, befand sich schon in Haft. Sie hatte mit einem Journalisten gesprochen und sich offen für Frauenrechte in der patriarchalen iranischen Gesellschaft eingesetzt. Dies wurde ihr zum Verhängnis, so dass sie mit der Haftstrafe nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihren Job verlor.

Die Unterdrückung von Frauen im Iran hat auch Mona Ahmdepour am eigenen Leib erfahren. Die junge Frau lebt erst seit knapp drei Jahren in Deutschland und sei ebenfalls schon von den islamischen Sittenwächtern wegen ihrer Kleidung gemaßregelt worden. Doch darum gehe es ihr nicht, sagt sie: „Die Menschen im Iran kämpfen nicht nur gegen den Hidschāb. Sie wollen einfach nur ein normales Leben.“

Alle in der Runde haben noch Familienangehörige oder Freunde im Iran, um die sie sich Sorgen machen. Für die Menschen im Land sei es geradezu unmöglich, an objektive Informationen zu gelangen, da die Medien der staatlichen Zensur unterliegen und das Internet von den machthabenden Mullahs blockiert wird.

Damit all das nicht in Vergessenheit gerät, nimmt Javid Hamid Sabah regelmäßig an Demos teil und zeigt Fotos von einer Kundgebung in Düsseldorf. Bei aller Solidarität Deutschlands mit der Ukraine wünsche er sich, dass Deutschland auch bei den Ereignissen im Iran nicht die Augen verschließt. „Wir wollen dieses Regime endlich weg haben.“ Von der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sei er enttäuscht gewesen, dass sie sich erst Wochen nach dem brutalen Vorgehen der iranischen Staatsführung gegen die Proteste zu Wort meldete.

Auch unabhängig von dem Verein beschäftigen die Ereignisse die in Solingen lebenden Iraner. Großen Respekt für ihren Mut erntete etwa die iranische Fußballnationalmannschaft, die sich beim Eröffnungsspiel gegen England weigerte, die Nationalhymne mitzusingen. „Diese Geste ist mehr wert als der WM-Titel“, ist Ali Reza Vali Fard überzeugt. Unermüdlich postet der Solinger in den sozialen Medien Beiträge über die Situation im Land: „Die Welt darf dabei nicht länger zuschauen.“ Dabei sei nicht der Islam als Religion das Problem, sondern der Islamismus, der die Religion für politische Zwecke missbraucht.

Ähnlich ist die Gefühlslage bei Sahar Poornehmat, die in Solingen lebt und mit ihrer Zwillingsschwester eine Apotheke in Düsseldorf betreibt: „Es sind schon so viele junge Menschen gestorben. Ich weiß nicht, ob ich so mutig gewesen wäre.“

Neben einem klaren Statement von der deutschen Außenministerin hätte sie sich auch von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) deutlichere Worte gewünscht. Trotz allem Leid im Iran glaubt die junge Solingerin fest an die Kraft der Proteste. „Es wird im Iran nie wieder so werden, wie es war.“

Kundgebung in Solingen

Demo: Eine Gruppe engagierter Solinger ruft für kommenden Freitag, 9. Dezember, ab 17 Uhr zu einer Solidaritätskundgebung für die Menschen im Iran auf dem Solinger Neumarkt auf.

Beteiligte: Unter anderem werden Ali Samadi Ahadi vom Verein „Transparency for Iran“ und Shabnam Arzt, eine Solingerin mit iranischen Wurzeln, ein paar Worte an die Teilnehmer richten. Zusammen mit Mitgliedern des Dorper Chors soll das Lied „Baraye“ gesungen werden, das zur weltweiten Hymne der Proteste wurde.

fraulebenfreiheit-solingen.de

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