Im Gräfrather Lichtturm

Die Mobilitätswende ist in vollem Gange

Stephan A. Vogelskamp begrüßte die Gäste im Gräfrather Lichtturm. Foto: Christian Beier
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Stephan A. Vogelskamp begrüßte die Gäste im Gräfrather Lichtturm.

Solingen. Experten gaben bei einem Symposium des Automotiveland NRW in Solingen spannende Einblicke.

Von Manuel Böhnke

Wir befinden uns auf einem Tanker. Das Schiff muss nicht nur an Eisschollen vorbeimanövriert, sondern gleichzeitig vollständig umgebaut werden. Mit diesem Bild verdeutlichte Stephan A. Vogelskamp am Mittwochabend die mit der Mobilitätswende verbundenen Herausforderungen. Das Cluster Automotiveland NRW, dessen Geschäftsführer Vogelskamp ist, hatte zu einem Symposium in den Gräfrather Lichtturm eingeladen. Zwei Experten gaben vor 25 Gästen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Verbänden Einblicke, wie die Mobilitätswende gelingen kann.

„Die Diesel-Thematik war das Beste, was dem Konzern passieren konnte.“

Dr. Ludwig Fazel, Strategieleiter Volkswagen Group Components

Ingo Wortmann wurde deutlich. „Wir reden viel über die Verkehrswende, sie ist aber nicht finanziert“, erklärte der Präsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Was er damit meint, verdeutlichte der gebürtige Wuppertaler am Beispiel der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), deren Vorsitzender der Geschäftsführung er ist. Die Politik der bayerischen Landeshauptstadt habe das Ziel ausgegeben, dass Fußgänger, Radfahrer und der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) bis 2030 80 Prozent des innerstädtischen Verkehrs ausmachen. Um diese Marke zu erreichen, müsste der ÖPNV-Anteil auf 30 Prozent steigen. „Unser System war vor Corona aber schon voll bis überlastet“, sagte Wortmann.

Deshalb gebe es Pläne, 40 zusätzliche U-Bahnen anzuschaffen, die Zahl der Tram-Bahnen von 110 auf 210 zu erhöhen. Gleichzeitig ist eine Verdopplung der Busflotte bei gleichzeitiger Umstellung auf Elektromobilität vorgesehen: von 560 auf 1030 Fahrzeuge. Die Neuanschaffungen verursachen Folgekosten. So brauche es etwa neue Betriebshöfe und mehr Platz im Straßenraum für zusätzliche Tram-Haltestellen und Busspuren.

„Wir haben kein Konzept-, sondern ein Umsetzungsproblem“, erklärte Ingo Wortmann. Die Ideen seien vorhanden, offene Fragen gebe es bei der Finanzierung. Derzeit komme die MVG auf einen Kostendeckungsgrad von 80 Prozent. Mit den beschriebenen Investitionen sinke er auf 50 Prozent. Die Stadt müsste den Fehlbetrag ausgleichen. Doch das sei selbst für finanzstarke Kommunen wie München nicht ohne Weiteres möglich, von den angeschlagenen Haushalten in Solingen, Remscheid und Wuppertal ganz zu schweigen. Bundesweit fehlen dem VDV-Präsident zufolge elf Milliarden Euro für die Verkehrswende im ÖPNV. Seine Forderung: „Wir werden diese Herausforderung ohne Geld von Bund und Land nicht finanzieren können.“ Für Städte wie im Bergischen sei eine vollständige Kostenübernahme für die Neuaufstellung des ÖPNV nötig – oder eine Lösung des Altschuldenproblems.

Von ähnlichen Problemen berichtete Dr. Ludwig Fazel. Er ist Strategieleiter bei der Volkswagen Group Components, der Komponenteneinheit der VW AG. Der Konzern geht davon aus, dass im Jahr 2030 rund 60 Prozent seiner markenübergreifend in Europa verkauften Neuwagen einen vollelektrischen Antrieb haben werden. Die Wolfsburger haben sich auf diese Technologie festgelegt, weil sie im Vergleich zu anderen Ansätzen auf die Lebensdauer eines Autos gesehen den geringsten Primärenergiebedarf vorweise.

Fazel: „Die Transformation zur Elektromobilität zu vollziehen, ist mit riesigem Aufwand verbunden.“ Dass dieser Wandel notwendig und möglich geworden ist, hänge nicht zuletzt mit dem Abgasskandal zusammen. „Die Diesel-Thematik war das Beste, was dem Konzern passieren konnte.“ Volkswagen habe sich auf den Weg gemacht, seine Produktion anzupassen. Sechs Fertigungsstandorte für Batteriezellen sind geplant, Verfahren zum Recycling der Energieträger in Arbeit. Der Prozess sei kompliziert, schließlich wird VW in den kommenden Jahren parallel weiterhin Verbrennungsmotoren produzieren. Und muss sich vor allem im Bereich Software, der angesichts immer intelligenterer Autos an Bedeutung gewinnt, gegen neue Konkurrenten durchsetzen. Einige davon sitzen in Fernost, der wohl größte in Kalifornien. Bei vielen internen Diskussionen seien längst nicht mehr Daimler oder BMW der Vergleichsmaßstab, sondern Tesla.

Automotiveland

Das Cluster Automotiveland NRW hat sich auf die Fahne geschrieben, die nordrhein-westfälische Automobilindustrie auf dem Weg zur automatisierten und elektrifizierten Mobilität zu unterstützen. Seinen Sitz hat der Verein an der Kölner Straße in Solingen.

www.automotiveland.nrw

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