Biologin fordert mehr Achtsamkeit

Die Fauna im Neandertal leidet

Ursula Ripke hat mehrere Barrieren aus Totholz in einer Schneise errichtet, die durch Forstwirtschaft mit Baggern entstand. So sollen Mountainbiker und Spaziergänger die Rückegassen nicht als Abkürzung nutzen. Foto: Stephan Köhlen
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Ursula Ripke hat mehrere Barrieren aus Totholz in einer Schneise errichtet, die durch Forstwirtschaft mit Baggern entstand. So sollen Mountainbiker und Spaziergänger die Rückegassen nicht als Abkürzung nutzen.

Mettmann/Haan. Die studierte Biologin Ursula Ripke fordert mehr Achtsamkeit im Umgang mit den empfindlichen Pflanzen.

Von Sandra Grünwald

Da sie mit ihren Hunden regelmäßig im Neandertal unterwegs ist, fallen ihr hier nicht nur die seltenen und weniger seltenen Gewächse ins Auge – sondern auch die Folgen der Forstwirtschaft, den der Einsatz von schweren Maschinen auf die Flora der Naturschutzgebiete hat. So sieht sie ihre Spaziergänge mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Eigentlich möchte ich einfach nur die Natur genießen und mich an all den schönen Dingen erfreuen“, sagt Ursula Ripke.

„Das Neandertal erlebt durch Corona einen enormen Freizeitdruck.“

Ursula Ripke

Doch so mancher Missstand lässt sich einfach nicht übersehen. Zum Beispiel fallen bei umfangreicheren Fällarbeiten den Maschinen oft zarte Pflänzchen zum Opfer. Beispielsweise oberhalb des Ausweichparkplatzes für das Neanderthal Museum an der Mettmanner Straße. Hier wurden rund 40 Lärchen entnommen und am Rand des Naturschutzgebietes gelagert, ausgerechnet auf einer Fläche, auf der der Rote Pestwurz gedeiht. „Ich habe schon befürchtet, dass er durch die Lagerung plattgemacht wurde“, sagt Ursula Ripke. Ganz zu ihrer Freude haben einige Pflanzen überlebt und stehen nun in voller Blüte. „Das ist sehr ungewöhnlich, dass der Pestwurz hier gedeiht. Normalerweise wächst er an Flussufern.“

Wanderung durchs Tal bringt Freud und Leid zum Vorschein

Eine Wanderung mit der Biologin durch das Neandertal bringt Freud und Leid zum Vorschein. So stellt sie die zierlichen Buschwindröschen mit ihren zarten weißen Blüten vor, die violetten Veilchen und den gefleckten Aronstab. „Hier wächst normalerweise eine heimische Orchideenart“, erzählt sie und zückt das Tablet, um ein Foto der blühenden Schönheit zu zeigen. Da diese aber dicht am Wegesrand wächst, besteht bei jeder Fahrt mit dem Traktor oder Tieflader die Gefahr, dass die seltene Pflanze zerstört wird.

Am Höhenweg breitet sich eine große Wiese aus, die zur Heuernte genutzt wird. „Früher war hier mal ein Stacheldrahtzaun“, erinnert sich Ursula Ripke. Durch den Zaun wurden die Wiesenränder und damit auch die Kräuter neben dem Weg vor den regelmäßigen Wegbereinigungen geschützt. „Hier wird regelmäßig gemäht“, sagt sie. „Pflanzen wie die Wiesenplatterbse vertragen das nicht.“

In einem von Sträuchern bewachsenen Stück wurde achtlos Stacheldraht entsorgt. An dem können sich nicht nur Wildtiere, sondern auch Hunde und Kinder verletzen. „Hier wird die Verkehrssicherungspflicht nicht so ernst genommen“, bemängelt die Biologin. Gleich daneben wächst ein äußerst seltener Pilz – der Zinnoberrote Kelchbecherling – ein kurios geformter knallroter Schlauchpilz.

Totholz soll Natur helfen, die Rückegassen zurückzuholen

Werden Bäume gefällt, wird oft auch eine Rückegasse angelegt. Leider werden diese nach getaner Arbeit sich selbst überlassen. Das hat mehrere Nachteile. „Das Neandertal erlebt durch Corona einen enormen Freizeitdruck“, weiß Ursula Ripke. Und – so seltsam es klingt – der Mensch neige dazu, obwohl er sich in der Natur bewegen möchte, den kürzesten Weg zu wählen, auch wenn es kein öffentlicher Weg ist. Damit sich die Natur die Rückegassen wieder zurückholen kann, schichtet Ursula Ripke zusammen mit Freunden Totholz auf diese Gassen, um Spaziergänger und Fahrradfahrer fern zu halten.

Auch sieht die Biologin die Aussage der Forstbehörde kritisch, die Natur hole sich das schon wieder zurück. „Aber wie degradiert ist es dann?“, fragt sie. „Es sind vor allem schnellwachsende Pflanzen, die sich ausbreiten.“ Die seltenen oder langsamer wachsenden Pflanzen, die vielleicht durch die Maschinen zerstört wurden, haben dann keine Chance mehr, sich zu erholen.

Der aus Gründen der Sicherheit Ende 2020 vollzogene Kahlschlag zwischen Bracken und Winkelsmühle hat das Gesicht des Düsseltals in diesem Abschnitt total gewandelt und ebenso die Lichtverhältnisse. Auch das Abmähen der Äste am Wegesrand werde ausschließlich mit Maschinen durchgeführt. „Das ist Körperverletzung für die Pflanzen“, sagt Ursula Ripke. Das zeigt sie am Beispiel einer ebenfalls seltenen Mispel, die hinter einer Bank ihre Äste ausbreitet. Alles, was über die Bank hinauswächst, wurde radikal abgesägt. „Es wird nur gemacht, was maschinell gemacht werden kann“, kritisiert Ripke. Sie wünscht sich mehr Achtsamkeit im Umgang mit den zarten Pflanzen.

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