Kuriose Geschichte

Der mysteriöse Flut-Grabstein schreibt Geschichte

Anja und Andreas Friedrich nehmen den Grabstein aus dem Morsbachtal mit nach Karlsruhe - für ihren Garten. Foto: Michael Mutzberg
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Anja und Andreas Friedrich nehmen den Grabstein aus dem Morsbachtal mit nach Karlsruhe - für ihren Garten.

Wuppertal. Anja Friedrich ist die Ur-Enkelin von Helene Götte, deren Stein in einem Garten angeschwemmt wurde. Für sie ist es kein Zufall.

Von Daniel Neukirchen

Anja Friedrich zupft nervös an der Maske in ihrer Hand. In kleinen Schritten tastet sie sich in Richtung Ufer des Morsbachs vor. Das Plätschern des Wassers wird lauter. Noch einmal hält Friedrich inne, atmet tief durch. Dann geht sie die letzten Meter. Schnell fixiert Friedrich mit den Augen eine Steintafel, die das Wasser ans Ufer gespült hat. „Ach, da liegt er ja“, sagt sie. Für diesen Moment ist die Karlsruherin vier Stunden mit dem Auto nach Wuppertal angereist. Auf dem Grabstein steht „Helene Götte“, 1899 geboren. Es ist Anja Friedrichs Ur-Großmutter.

Die kuriose Geschichte, um den angeschwemmten Grabstein begann in der Flutnacht im Juli 2021. Damals führten die starken Regenfälle auch dazu, dass der Morsbach für einige Stunden zu einem reißenden Fluss wurde. Dabei wurde die Traditionsgaststätte Wildschütz Aue im Morsbachtal unter Wasser gesetzt. Hinter dem Garten des Inhaber-Ehepaares Heidi und Axel Armborst, der durch den Morsbach begrenzt wird, tauchte plötzlich der mysteriöse Grabstein von Helene Götte auf.

„Ich hatte eine Gänsehaut.“

Heike Hartwich hat den Grabstein gefunden

Die Armborsts wunderten sich über dieses kuriose Treibgut. Aber Heike Hartwich zog der kiloschwere Stein in den Bann. Als die ehrenamtliche Fluthelferin von dem Fund erfuhr, war sie Feuer und Flamme. Sie sagte sofort: „Das ist kein Zufall.“ Ihre These: „Helene Götte will uns etwas sagen.“ Monatelang recherchierte Hartwich zum Namen Helene Götte (geb. Müller). Sie schrieb Wuppertals Einwohnermeldeamt an, mehrere Stadtarchive und Friedhöfe im Bergischen. Doch vergebens. In Wuppertal leben einige Familien mit dem Namen Götte, doch eine Verbindung ließ sich nicht herstellen.

„Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben“, sagt Hartwich. Doch dann wurde die Familie Friedrich aus Karlsruhe auf die Suche in Wuppertal aufmerksam gemacht. Sie selbst sind nämlich auf einem Portal für Ahnenforschung registriert. Anja Friedrichs Vater hatte die Familiengeschichte zurückverfolgt - bis zu einer Helene Götte.

Heike Hartwich erinnert sich an das denkwürdige Telefonat mit der Frau aus Karlsruhe. Als die Wuppertalerin von dem Grabstein berichtete und dann noch den Satz nachschob „Ich glaube, Helene will Beachtung“ sei es erst einmal totenstill am anderen Ende der Leitung geworden. Was Hartwich nicht wissen konnte: Für Anja Friedrichs war der Fund des Grabsteins ebenfalls nicht einfach ein bedeutungsloser Zufall. „Ich hatte eine Gänsehaut“, berichtet Friedrich. Hartwich hätte mit ihrer Theorie kaum auf fruchtbareren Boden stoßen können.

Grabstein findet einen Ehrenplatz im Garten

Ahnenforschung ist nämlich bei der Familie Friedrich eng mit ihrer Religion verknüpft. „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch“, sagt die 46-jährige Karlsruherin. Sie ist, genau wie ihr Mann Andreas, Mitglied in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. Sie glaube daran, dass sie auf ewig mit ihren Ahnen verbunden bleibt. Daher ist das Auftauchen des Grabsteins für die Karlsruherin auch eine klare Handlungsaufforderung ihrer Ur-Großmutter. Sie sagt: „Das soll mir sagen, dass ich die Ahnenforschung weiter betreiben soll.“ Ihr Vater habe den Stammbaum nur bis zu Helene Götte nachvollziehen können. Anja Friedrich will nun dort anknüpfen und im Wuppertaler Stadtarchiv weiter in der Vergangenheit ihrer Familie forschen.

Den Grabstein von Helene Götte haben sie und ihr Mann in den Kofferraum ihres Autos geladen. Er wird im Garten der Familie einen Ehrenplatz finden. „Eine Familienzusammenführung“, freut sich Heike Hartwich. Viel weiß Anja Friedrich nicht über ihre Ur-Großmutter mütterlicherseits. Sie ist bei ihrem Vater aufgewachsen, ihre Mutter ist vor einem Jahr verstoben.

Ein paar Besucher verfolgen, wie der Grabstein von Helene Götte das Ufer des Morsbachs nun verlässt. Plötzlich sagt jemand zum Scherz: „Da liegt auch schon der nächste Grabstein.“ Hartwich winkt locker ab. „Nein, das ist nur eine Steinplatte.“ Doch die Neugierde überwiegt. Mit etwas Kraft wird die Platte, die nun unweit des Götte-Steins am Ufer des Morsbachs liegt, umgedreht. Löcher und verblasste Buchstaben offenbaren sich. Aber das ist ein Rätsel für einen anderen Tag.

Die Theorie

Wie kam der Grabstein in den Morsbach? Eine Theorie ist, dass alte Steine in einem Garten gelagert wurden.

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