Corona

Impfpflicht-Gegner: Das denken die Menschen auf den Demos

Die Demonstranten zogen durch die Innenstadt. Die Impfpflicht sehen sie als rote Linie, die nicht überschritten werden dürfe.
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Die Demonstranten zogen durch die Innenstadt. Die Impfpflicht sehen sie als rote Linie, die nicht überschritten werden dürfe.

Hunderte wehren sich als „Solinger Widerstand“ gegen eine drohende Impfpflicht

Von Björn Boch

Solingen. „Ich weigere mich, dass man mich als Rechte hinstellt. Und ich wehre mich dagegen, dass mir die Entscheidungsfreiheit genommen werden soll.“ Die Frau, die das vor dem Rathaus auf der Demonstration des „Solinger Widerstands“ am Montagabend sagt, hat sich sofort bereiterklärt, mit der Presse zu sprechen. Die Frage nach ihrem Namen dagegen sorgt für ein längeres Zögern – und endet mit der Bitte, sich anonym äußern zu dürfen. Zu groß sei der Druck von Verwandtschaft und Arbeitskollegen, sich impfen zu lassen, sagt die Solingerin, die im Gesundheitswesen tätig ist. Später nennt sie den Druck, der ausgeübt wird, „asozial“.

Druck, sich impfen zu lassen: Ihn spüren viele, mit denen ich mich an diesem Abend, dem ersten Montag des Jahres 2022, unterhalte. Rund 500 Menschen stehen vor dem Rathaus, bereit für einen friedlichen Marsch mit Lichterketten durch die Innenstadt, der Regen hat rechtzeitig aufgehört. „Petrus ist auf unserer Seite“, heißt es. Maske trägt hier kaum jemand, es ist allerdings auch nicht vorgeschrieben. Die Botschaft der Demonstranten: Eine Impfpflicht darf es nicht geben. Die Botschaft werden sie auch heute in Ohligs verbreiten. Zudem ist am kommenden Montag wieder eine Demo durch die Solinger Innenstadt geplant.

Manche hier haben Angst vor der „Spaltung der Gesellschaft“ – und manche auch schlicht vor der Impfung. Immer wieder werden die Impfstoffe als schädigend für das Erbgut bezeichnet, es handele sich um „Technologie“ und einen „medizinischen Eingriff“, der mit dem Begriff „Impfung“ verharmlost werde. Die Inhaltsstoffe seien nicht alle bekannt, die Wirkung zu wenig erforscht. Das seien „Experimente an Menschen“.

Jeder kennt hier jemanden mit Impfschäden: das Rheuma der Nachbarin sei seit der Impfung viel schlimmer geworden, ein Freund habe nur noch Migräne, bei einer weiteren Person höre die Nase einfach nicht mehr auf zu bluten. Von „zahlreichen Impftoten“ ist die Rede. In der Telegram-Gruppe „Solinger Widerstand“ kam gar die Idee auf, „Opfer der Impfkampagne“ mit einem Mahnmal zu ehren.

Menschen, die an Corona gestorben sind oder unter den Folgen leiden, kennt hier kaum jemand. Und wenn, dann seien die Umstände dieser Fälle so speziell, dass daraus keinesfalls allgemeine Schlüsse gezogen werden könnten.

Auch die Solingerin aus dem Gesundheitswesen berichtet von „zu vielen Nebenwirkungen“ und zweifelt die Wirksamkeit der Impfungen an. Sie leugne Corona nicht, für manche könne die Krankheit gefährlich werden. Diese Menschen müsse man schützen. Jeder habe das Recht, sich impfen zu lassen. Aber eine Pflicht, beschlossen von der Politik? Keinesfalls. „Menschenrechte stehen über Mehrheitsrechten.“ Sie fände es aber schön, gäbe es „eine Impfung, die wirklich wirkt“.

Die Ablehnung der Impfung – oder zumindest der Impfpflicht – ist zur Nebenwirkung geworden: Von Wissenschaft, die sich immer wieder korrigieren muss, was angesichts eines neuartigen Virus verständlich ist, aber viele verunsichert. Und von Politik, die falsche Versprechungen macht und eine Impfpflicht lange kategorisch ausgeschlossen hatte.

Doch es gibt auch jene, die ganz andere Erklärungen haben – von Gen-Therapie ist dann die Rede, von Experten, die mundtot gemacht würden, von einem „Kartell aus Politik, Medien, Finanzwelt und Pharmaindustrie“. Je weitläufiger die Theoriegebäude werden, desto weniger kann ich sie nachvollziehen – und sage das auch. Was die weltweiten Börsenkurse mit Impfstoffkomponenten zu tun haben sollen, begreife ich nicht. Das wird dann freundlich belächelt.

Dass Medien durchaus über Probleme rund um die Impfstoffe berichtet haben, überzeugt hier niemanden. Es werde nur das zugegeben, was nicht mehr zu verheimlichen sei. Dass alle anerkannten Wissenschaftler Impfungen als einzigen Weg aus der Pandemie sehen und die Krankheit wesentlich riskanter ist, passt für die Demonstrierenden auch perfekt ins Bild: Die öffentliche Meinung ist orchestriert. Genau deswegen sind sie ja hier: Weil ihre Meinung in der breiten Öffentlichkeit und „den Medien“ keine Resonanz findet. Diese betreiben „Gehirnwäsche“, „bewusste Desinformation“, „Fake News“ – kurzum: sie lügen. Eine besonders engagierte Demonstrantin berichtet von einer „Elite“, die in der Pandemie daran arbeite, die Grundbausteine der Gesellschaft zu zerstören. „Aber das dürfen Sie ja sicher wieder nicht schreiben.“

Auch sie möchte anonym bleiben, hat Angst um ihren Job beim Roten Kreuz. Um ihre Gesundheit oder das Corona-Virus macht sie sich keine Sorgen. Seit 2015 besuche sie Heilpraktiker, gebe 100 bis 150 Euro im Monat für Vitamine aus und sei gesund. Auch ihr Mann habe so den Krebs besiegt. Der sagt auf meine Frage, ob denn die Alternative zur Impfung sei, die Pandemie einfach laufen zu lassen „um zu sehen, wer durchkommt“, überraschend schnell und laut: Ja. Es sei fatal, sagt seine Frau noch, „in eine Pandemie hinein zu impfen“ – dann suche sich das Virus Ausweichmöglichkeiten, um zu überleben.

In den Virusvarianten sehen manche ein Ablenkungsmanöver, ein junger Mann bezeichnet die Mutationen als „ausgedacht“ und bezweifelt, dass es überhaupt möglich sei, Varianten zu bestimmen. Es werde zu vertuschen versucht, dass die Impfstoffe nicht wirken, sondern nur Schaden anrichten.

Erneut frage ich nach der Alternative zur Impfung: Es gebe ein Medikament, sagt der junge Mann. Das habe Donald Trump erhalten, als er US-Präsident war und an Covid-19 erkrankt. Das sei so wirksam, dass „Big Pharma“ kein Interesse an der Verbreitung habe. Auch diese These höre ich heute nicht zum ersten Mal.

Ob sich die Menschen diese Geschichten erzählen oder ob sie dieselben Videos und Postings in den sozialen Medien konsumieren und sich dann endgültig bestätigt fühlen, wenn sie aufeinandertreffen, ist eine Frage, die heute nicht beantwortet werden kann.

Immerhin scheint Solingen tatsächlich kein Problem mit einer Unterwanderung des Protests durch Rechtsextreme zu haben. Auch Gewalt ist kein Thema, bedroht fühle ich mich an diesem Abend mitten unter den Impfpflicht-Gegnern nie. Sie nehmen wohlwollend zur Kenntnis, dass jemand zuhört und das Gespräch sucht. Manche Nachfragen belächeln sie ungläubig – ich zöge die falschen Schlüsse oder wolle es nicht begreifen. Verständnisvoll werde ich, schon allein wegen meiner FFP2-Maske, „als Opfer“ von Panikmache und Desinformation gesehen.

Zur Entstehung dieses Textes

Termin: Der RGA plante, vor der Demo mit Melanie zu sprechen. Ob das ihr richtiger Name ist, wissen wir nicht, sie heißt so bei Telegram. Sie gehört zu den Organisatoren beim „Solinger Widerstand“ und wollte – mit „einem anderen netten Menschen aus der Bewegung“ – erläutern, warum sie und ihre Mitstreiter gegen die Impfpflicht demonstrieren. Sie schrieb, dass sie sich an der pauschalen Einordnung der Bewegung als „Impfgegner“ störe. Und dass die Menschen weder rechts noch links seien und nicht in politische Ecken gedrückt werden sollten.

Absage: Zum Gespräch kommt es nicht – die Gruppe stößt sich an einem „vorurteilsbehafteten“ Kommentar von RGA-Chefredakteur Stefan Kob, der unter anderem den Namen „Solinger Widerstand“ kritisiert hatte (aufgrund von Parallelen zum Widerstand gegen das NS-Regime) sowie die geballten Fäuste im Logo. Die Veranstalter wollten sich der Presse gegenüber „daher erst einmal nicht äußern“. Wir werden ermuntert, mit Teilnehmern zu sprechen.

Vor Ort: Der RGA hat sich in den Gesprächen offen zu erkennen gegeben, wie es journalistischer Standard ist. Eine von den Veranstaltern gewünschte Akkreditierung widerspricht dem Recht auf freie Berichterstattung bei einer öffentlichen Demonstration, wir sind dem Wunsch nicht nachgekommen.

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