Aufstand gegen die Amazons dieser Welt

„Die Weber“ im Verteilzentrum: (v. l.) Thomas Braus, Martin Petschan, Alexander Peiler, Yulia Yáñez Schmidt. Foto: Uwe Schinkel/Schauspiel
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„Die Weber“ im Verteilzentrum: (v. l.) Thomas Braus, Martin Petschan, Alexander Peiler, Yulia Yáñez Schmidt. Foto: Uwe Schinkel/Schauspiel

Premiere: Wuppertaler Schauspiel verlegt Hauptmanns „Die Weber“ in ein Verteilzentrum

Von Monika Werner-Staude

Wuppertal Jeff Bezos verdient in der Stunde 15 Millionen Dollar, einer seiner Arbeiter 15 Dollar. Der Unternehmer und Gründer des Online-Versandhandels Amazon ist der reichste Mensch der Welt. Die Deutschen tragen als zweitgrößter nationaler Markt dazu ein Gutteil bei. Zahlen, die erschrecken. Am Wochenende waren sie auf der Bühne des Opernhauses zu hören. Vorgetragen vom Kassierer Neumann, Protagonist in Hauptmanns Klassiker „Die Weber“. Eine radikale und konsequente Übertragung des Stoffs ins Hier und Jetzt. Und eine spannende und aufrüttelnde Schauspiel-Premiere zumal, der man mehr Zuschauer wünscht, als in Coronakrisenzeiten möglich sind.

Regisseur Martin Kindervater hatte den Auftrag, das naturalistische Stück von 1892 im Rahmen des Engelsjubiläumsjahres zu inszenieren. Hauptmann nahm den Aufstand der schlesischen Weber zum Vorbild, um die Not der durch den Kapitalismus ausgebeuteten Arbeiter darzustellen. Appell an das Gebot der Nächstenliebe und revoltierender Aufschrei, der nach seiner Uraufführung verboten wurde. Das ist lange her. Groß sollte die Wuppertaler Inszenierung sein, zu Orten und Menschen getragen werden. Die Corona-Pandemie funkte dazwischen, wurde nun selbst in die Inszenierung geschickt eingebaut: Weil der Online-Versandhandel gerade in der Krise boomt, Amazon ein Verteilzentrum in Wuppertal baut und der Mundnasenschutz, Symbol der Krise, vielseitig auf der Bühne eingesetzt werden kann: Als obligatorisches Kleidungsstück, das sich als Branding-Fläche eignet oder als Requisit.

Packende Inszenierung auf mehreren Ebenen

Die Nähmaschine ist eines der wenigen Dinge, die noch an die Vorlage erinnern, die bis auf ihren Kern, den Gegensatz von Arm und Reich, freigelegt ist. Neben dem Text, der in schlesischer Mundart vorgetragen wird. Manchmal mag er nicht so recht zur Szene passen, seine Bedeutung trifft jedoch exakt.

Kindervaters „Weber“ sind gehetzte und Hunger leidende Zusteller des XXX.Unternehmens. In gelber Sicherheitsweste, den Scanner um den Hals hängend hasten sie mit ihren Paketen durchs Logistikzentrum, dessen Regale die Bühne umstellen. Anne Manns (Bühne und Kostüme) hat das Opernhaus in ein mit Luftballons und Werbebannern („XXX. mit System. Relevant.“) geschmücktes Verteilzentrum verwandelt, das Programmheft ist ein Werbeflyer. Unternehmer Dreißiger ist eine Mischung aus Hipster und Engels – er hat sich eine Statue errichten lassen, die an jene im Engelsgarten erinnert.

Engels war nicht nur Kritiker der sozialen Missstände, sondern auch Unternehmer, der dem familiären Unternehmen in Manchester ungeheure Gewinne verschaffte. Allerdings steht sein Monument noch, während das auf der Opernbühne vom Sockel gerissen wird. So wie die Unternehmensvilla und das Verteilzentrum verwüstet werden.

Das alles geschieht auf mehreren Ebenen: auf der Bühne und immer wieder in Videoaufnahmen (hervorragend realisiert von Jan Krämer), die auf großer Leinwand am Bühnenkopf abgespielt werden. Hier weist ein Gute-Laune-Imagefilm für das Unternehmen den Weg ins Stück, hier erlebt der Zuschauer eine Abendgesellschaft, die angsterfüllt in Dreißigers Unternehmensvilla den Ansturm der Aufständischen erlebt – Hauptmanns 4. Akt als spannendes Reality-TV, das auf der Bühne fortgesetzt wird. Durch ein Schauspielkollektiv – ergänzt durch zwei Schauspielerinnen des inklusiven Schauspielstudios und einen hervorragenden Hans Richter – das ein großes Gesamtlob verdient. Es spielt Zerrissenheit und Not der Menschen glaubwürdig und spannend.

Der historische Aufstand der Weber wurde niedergeschlagen, Hauptmann ließ das Ende seines Stücks offen. Der Siegeszug des Kapitalismus hat sich fortgesetzt, ungebremster denn je. Auch bergische Amazon-Kunden tragen dazu bei.

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