Prozess

Angeklagte gestehen Überfälle auf Geldtransporte

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Fast genau zehn Jahre ist es her, dass damals noch unbekannte Räuber einen Geldtransport auf der Hossenhauser Straße überfielen. Als der Fahrer des Wagens Gas gab, trafen 13 Schüsse den Transporter. 

HAGEN Ihnen werden 14 Taten, darunter eine in Solingen, zur Last gelegt. Prozess gegen Bande steht vor dem Ende der Beweisaufnahme.

Von Hans-Peter Meurer

Die Beschuldigten haben hohe Strafen zu erwarten: Bereits im fünften Monat läuft vor dem Schwurgericht des Hagener Landgerichts der Prozess gegen eine fünfköpfige Bande von brutalen Räubern. Zwei Angeklagte kommen aus Haan, je einer aus Solingen, Hilden und Wuppertal. 70 Seiten umfasst die Anklageschrift, in der der Bande 14 bewaffnete Überfälle auf Geldtransporte und dazu mehrere Mordversuche zur Last gelegt werden. Nach den Berechnungen der Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten bei den Überfällen zwischen 1997 und 2017 mindestens 5,9 Millionen Euro erbeutet haben. Die Beweisaufnahme in dem Prozess steht nach 35 Verhandlungstagen und der Anhörung von mehr als 70 Zeugen kurz vor dem Abschluss. Die Urteile würden noch in diesem Jahr erwartet, sagte die Hagener Gerichtssprecherin Inga Papajewski.

Kalaschnikows, Panzerfaust-Attrappen, rücksichtslose Schüsse auf einen wehrlosen Pförtner und auf die Besatzungen von Geldtransportern – all das steht für schweren Raub und versuchten Mord. Begangen von scheinbar netten, unauffälligen Familienvätern mit soliden Handwerksberufen wie Elektriker, Fliesenleger, Schlosser, Dachdecker und Lkw-Fahrer. Bei den Angeklagten handelt es sich um Deutsche mit polnischen Wurzeln.

Mindestens 14 Überfälle auf Geldtransporter ordnet die Anklagebehörde den fünf Männern sicher zu, darunter auch den versuchten Raub auf einen Geldtransporter in Solingen auf der Hossenhauser Straße vor fast zehn Jahren.

Um die bürgerliche Fassade der Bande einzureißen, war am 27. September vergangenen Jahres ein Großaufgebot an Polizisten nötig. 200 Beamte, darunter mehrere Spezialeinsatzkommandos, durchsuchten zeitgleich 17 Objekte in Solingen, Wuppertal, Haan und Hilden – von Täterwohnungen, Werkstätten bis zu Garagen.

13 Schüsse trafen den Geldtransporter am Hossenhaus

Als Kopf der Bande gilt ein Elektriker (48) aus Haan. Auch er lebte in der Nachbarstadt ein bodenständiges Leben. Sein Bruder (49) wurde in Wuppertal verhaftet, zwei Mittäter, 53 und 54 Jahre alt, in Haan und Hilden. Das jüngste Bandenmitglied, ein 31-jähriger Solinger, wurde in seiner Walder Wohnung festgenommen. Er soll damals einen weiteren Überfall auf einen Geldtransport bereits minuziös geplant haben.

Die älteste Tat der Bande reicht laut Anklage 20 Jahre zurück und soll in Essen verübt worden sein. Im März 2000 eröffneten maskierte Männer das Feuer auf einen Geldtransporter vor einem Verbrauchermarkt in Neuss und zwangen den Fahrer, den Wagen zu öffnen. Beute: 359 000 Euro. 2001 und 2002 folgten zwei ähnliche Überfälle im westfälischen Werl. Dabei geriet auch der Pförtner eines Möbelhauses unter Beschuss. Die Täter flohen mit 880 000 Euro.

Auch der Überfall auf einen Geldtransporter in Solingen vom 1. Dezember 2008 von der Hossenhauser Straße soll auf das Konto der Bande gehen. Ein mit russischen Schnellfeuergewehren bewaffnetes Gangster-Duo hatte den Geldtransporter einer Recklinghauser Sicherheitsfirma bei einem Kurz-Halt auf der Hossenhauser Straße – der Beifahrer (27) hatte austreten müssen – ausrauben wollen.

Nur weil damals der 25-jährige Fahrer des gepanzerten Wagens, der eine sechsstellige Eurosumme transportierte, geistesgegenwärtig Gas gab und in die Solinger City flüchtete, kamen die Räuber nicht an ihre Beute. Dabei ließ sich der Fahrer auch nicht von Schüssen auf sein gepanzertes Fahrzeug abhalten.

Sogar Reifen des Transporters waren durchschossen. Insgesamt sollen laut Anklage 13 Schüsse aus russischen Schnellfeuergewehren auf den Transporter und den Fahrer abgegeben worden sein.

Kurz nach dem Überfall ging vor der abgelegenen Unterführung der Viehbachtalstraße zwischen den Hofschaften Dahl und Hübben ein grüner, gestohlener Audi in Flammen auf. Demnach mussten die Täter mit dem Audi den nahezu unbekannten, engen Schleichweg über den Nacker Weg zur Mangenberger Straße genommen haben. Dies ließ früh die Vermutung aufkommen, dass sich die Täter bestens in Solingen ausgekannt haben müssen.

Bei den Wohnungsdurchsuchungen der Tatverdächtigen wurden neben Sturmgewehren und anderen scharfen Waffen auch Nachtsichtgeräte, teure Uhren und Motorräder sowie 125 000 Euro Bargeld beschlagnahmt. Dazu wurden mehrere Häuser und unbebaute Grundstücke – auch in Solingen – gepfändet. Insgesamt bewegen sich die Pfändungswerte bei den einzelnen Tatverdächtigen zwischen 300 000 und 1,7 Millionen Euro.

STRAFGESETZ

SCHWERER RAUB Hierauf sieht das Gesetz eine Haftstrafe zwischen 5 und 15 Jahren vor.

MORDVERSUCH Wie der vollendete Mord wird auch ein Mordversuch mit lebenslanger Haft bestraft. Das Gericht kann die Strafe mildern. In diesem Fall beträgt die Haftstrafe 3 bis 15 Jahre.

Zwei Angeklagte haben inzwischen vor Gericht ihre Tatbeteiligungen eingeräumt, weitere zwei legten zumindest Teilgeständnisse ab. Eine Mordabsicht bei den Schüssen auf Geldtransport oder Überfallopfer streiten jedoch alle ab.

In der kommenden Woche werden vor Gericht psychologische Gutachter gehört. Sie sollen Fragen zur Schuldfähigkeit der Angeklagten klären helfen. Drei Angeklagte hatten angegeben, unregelmäßig Drogen zu konsumieren.

Außerdem steht die Frage im Raum, ob die Angeklagten im Falle eines Schuldspruchs wegen ihrer Gefährlichkeit nach Verbüßung ihrer Haftstrafe in Sicherungsverwahrung genommen werden.

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