Zauberstab vertreibt Zahnarztangst

Zwei Drittel der Deutschen haben Angst vor dem Zahnarztbesuch – jeder Siebte sogar krankhaft. Die Gründe dafür sind Scham, Bedenken aufgrund der Hilflosigkeit und Sorgen vor den vermeintlichen Schmerzen.

Viele gehen deswegen sogar nicht einmal mehr zur Kontrolluntersuchung. Dabei ist Zahnarztphobie heilbar und die Behandlung heutzutage völlig schmerzfrei. Selbst für Patienten mit Angst vor Spritzen gibt es eine gute Nachricht.

Herzrasen, Zittern, Schwindel, Übelkeit: Kirsten Krisch hat ihr ganzes Leben Angst vor dem Zahnarztbesuch gehabt. Selbst wenn sie sich ein Herz fasste, hat sie die Praxis meist ohne Behandlung wieder verlassen. Nachdem vor drei Jahren eine Operation nötig war, beschloss Krisch, gar nicht mehr zum Zahnarzt zu gehen – auch nicht mehr zu Kontrolle. „Ich habe mich dann nicht mehr getraut“, erzählt die 49-Jährige auf der Webseite Zahnarztangstratgeber.de. So wie Krisch ergeht es vielen Menschen.

Rund zwei Drittel der Deutschen haben laut Deutscher Gesellschaft für Zahnbehandlungsphobie (DGZP) Angst vor dem Zahnarztbesuch. Sechs bis 14 Prozent davon leiden unter einer ausgeprägten Zahnarztphobie. Das bedeutet, allein in Deutschland haben bis zu elf Millionen Menschen Zahnarztangst. Europaweit sollen es in den Industriestaaten zehn Prozent der Bevölkerung sein. Das Problem: Selbst bei guter Zahnpflege sind bei Phobiepatienten extrem viele und tiefe Sprünge in der Zahnsubstanz zu beobachten.

Die Ursachen für die Phobie sind vielschichtig. Drei Viertel der Menschen haben Angst vor dem Kontrollverlust, wenn sie auf dem Zahnarztstuhl liegen. 71 Prozent schämen sich, dem Experten ihre Zähne zu zeigen. Das verwundert nicht: Jeder Zweite wurde Studien der DGZP zufolge schon von Zahnärzten, deren Personal oder Angehörigen wegen seiner Zähne beleidigt. Manche Experten sehen die Gründe für die Angst auch in traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit oder sogar in der Kindheit. Und natürlich sind da noch die Schmerzen.

Besonders die Wurzelbehandlung löst bei sensiblen Patienten schon allein beim Gedanken daran Unbehagen aus. Das Aufbohren des Zahns wird nötig, wenn das weiche Gewebe im Inneren entzündet oder abgestorben ist. Andernfalls wird das Zahnmark ein Einfallstor für Karies und Bakterien, die Zahnschmerzen und Entzündungen auslösen. Im Extremfall können die Bakterien sogar über die Blutbahn ins Herz oder Gehirn gelangen. Die einzige Alternative wäre, den Zahn zu ziehen.

Die gute Nachricht: Zahnarztphobie ist behandelbar. Wer davon betroffen ist, sollte auf jeden Fall mit anderen Phobiepatienten oder einem Arzt über die Ängste sprechen. Professionelle Zahnmediziner werden die Sorgen ihrer Klienten nie herunterspielen. Wer ganz sicher gehen will, kannst sich auch an einen auf Angstpatienten spezialisierten Zahnarzt wenden. In der Praxis von Dr. Christoph Boeger und Dr. Martin Hoppe, die den Online-Zahnarztangstratgeber betreiben, sind rund 70 Prozent der Patienten von Zahnarztangst betroffen.

Die meisten Spezialisten setzen auf die sogenannte Drei-Termin-Therapie. In einem Vorgespräch reden die Patienten über ihre Ängste und bekommen sämtliche offenen Fragen beantwortet. Beim zweiten Treffen wird die genaue Vorgehensweise besprochen. Erst beim dritten Termin beginnt die eigentliche Behandlung. Angstpatienten erhalten davor auf Wunsch selbstverständlich eine Betäubung. So verläuft selbst eine Wurzelbehandlung schmerzfrei.

Bei der Betäubung gibt es verschiedene Möglichkeiten: Bei der Infiltrationsanästhesie wird das Schmerzempfinden durch eine Spritze direkt am jeweiligen Zahn ausgeschaltet. Sind mehrere Zähne betroffen, können bei der Leitungsanästhesie durch eine Injektion ganze Nervenbündel betäubt werden. Für Menschen, die neben der Zahnarztangst noch Angst vor Spritzen haben, bietet sich vorher eine Oberflächenanästhesie an. Dabei wird ein Spray direkt auf Haut oder Schleimhaut gesprüht, um den Einstichschmerz der nachfolgenden Betäubungsspritze zu unterdrücken.

Der neuste Trend für Angstpatienten ist „The Wand“, ein sogenannter Zauberstab. Bei der computergesteuerten Methode wird das betroffene Gewebe schon vor der eigentlichen Anästhesie punktgenau betäubt, in dem das Anästhetikum der Nadelspitze vorausfließt – quasi eine nadelfreie Injektion. Dadurch entfällt das unangenehme Gefühl der Spritze. Wer auf Nummer sicher gehen will, entscheidet sich für die Vollnarkose, bei der das Bewusstsein des Patienten vollkommen ausgeschaltet wird. Das bietet sich für Angstpatienten an, die nicht mitbekommen wollen, was der Zahnarzt gerade an ihrem Körper vornimmt.

Krisch hat sich für ihre Behandlung ebenfalls für eine Vollnarkose entschieden. Seit ihrem Besuch in der Angstpatientenpraxis von Boeger und Hoppe geht sie wieder regelmäßig zum Zahnarzt. Um bei der Behandlung nicht allein zu sein, hat sie ihren Partner mitgebracht. Das gab ihr Kraft. Bei der letzten Behandlung hat Krisch sogar freiwillig auf eine Narkose verzichtet, „Ich habe mir fest vorgenommen“, sagt sie, „dass ich auch in Zukunft halbjährlich meine Zähne reinigen lasse und auch zur Kontrolle komme.“

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa-tmn

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