Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Studie: Fluglärm erhöht Spiegel an Stresshormonen

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Fluglärm führt einer neuen Mainzer Studie zufolge zu Gefäßschäden und langfristig zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wie schädlich ist Fluglärm? Diese Frage stellen sich nicht nur Anwohner von Flughäfen, sondern auch Mediziner. Mainzer Forscher haben nun eine neue Studie vorgelegt.

Fluglärm führt einer neuen Mainzer Studie zufolge zu Gefäßschäden und langfristig zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu diesem Schluss kommt ein Team um den Kardiologen Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz.

Das Thema ist emotional und politisch aufgeladen. Anwohner und Flughafen-Betreiber streiten seit Jahren über Gesundheitsrisiken durch Fluglärm. Münzels Arbeit steht in einer Reihe von teils widersprüchlichen Studienresultaten. Er selbst ist von Fluglärm betroffen und ein erklärter Gegner davon. Die wichtigsten Antworten zu der neuen Untersuchung:

Um was geht es?

2013 wiesen Forscher aus Mainz und Pennsylvania (USA) unter der Leitung von Münzel nach, dass simulierter Nachtfluglärm die Konzentration des Stresshormons Adrenalin im Körper erhöht und die Funktion der Gefäße beeinträchtigt. 

Nun erklären Münzel und 15 weitere Wissenschaftler im "European Heart Journal", über welche Mechanismen die Gefäßschäden zustande kommen. Ihre Erkenntnisse beruhen auf Tierversuchen.

Was haben die Forscher genau gemacht?

Die Wissenschaftler simulierten im Mäusestall über mehrere Tage hinweg die Geräuschkulisse, die durch Flugzeuge entsteht. Der Fluglärm erreichte dabei eine Lautstärke von bis zu 85 Dezibel. Dabei untersuchten die Forscher, wie die Mäuse darauf im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die keinem Fluglärm ausgesetzt war, reagierten.

Was kam dabei heraus?

Bereits nach einem Tag habe Fluglärm eine Gefäßstörung (endotheliale Dysfunktion) ausgelöst und den Pegel von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortison steigen lassen, berichtete Münzel. Dies führe zu Bluthochdruck. Die Hormone aktivieren laut Studie die Innenschicht der Gefäße, was für eine höhere Durchlässigkeit von Entzündungszellen sorge. Zugleich würden unter anderem zwei Enzyme aktiv, die große Mengen freie Radikale bildeten - das sind Molekülteilchen, die Zellen schädigen können. Bei der Kontrollgruppe seien diese Effekte nicht aufgetreten.

Was heißt das für diejenigen, die von Fluglärm betroffen sind?

Die Forscher halten es für möglich, dass körperliches Training oder Herzmedikamente wie etwa Blutdrucksenker in der Lage sind, die Schäden einer solchen Gefäßfunktion durch Fluglärm zu korrigieren oder künftige Schäden sogar zu verhindern. Das müsse aber noch getestet werden, sagte Münzel. Das Wichtigste sei jedoch, Fluglärm zu reduzieren.

Gab es früher schon Untersuchungen zu Fluglärm und Erkrankungen?

Die Mainzer Studie von 2013 - Vorläufer der neuen Untersuchung - zeigte, dass sich die Gefäßschädigung durch Fluglärm mit Vitamin C korrigieren lässt. Im gleichen Jahr ergaben Studien im Auftrag des Umweltbundesamtes zum Nachtflugverkehr am Airport Köln/Bonn unter anderem ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 2014 veröffentlichte die Mainzer Uniklinik eine Studie, nach der Fluglärm bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung oder einem hohen Risiko dafür zu deutlichen Gefäßschäden und erhöhtem Blutdruck führt.

Gibt es auch Studien, die zu einem anderen Schluss kommen?

2015 kam die Untersuchung NORAH (Noise-Related Annoyance, Cognition and Health) im Auftrag des Landes Hessen heraus. Sie ergab: Fluglärm erhöht das Depressionsrisiko, hat aber keinen Effekt auf den Blutdruck, ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehe eher bei Bahnlärm.

Wer sind die Autoren der neuen Mainzer Studie?

Leiter Münzel forscht seit Jahren über den Zusammenhang von Fluglärm und Erkrankungen. Er ist Betroffener des Lärms, der im Zuge neuer Flugrouten und der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen zugenommen hat. Münzel ist sehr aktiv im Kampf gegen Fluglärm.

Lärm macht krank

  • 40 Dezibel (dB), etwa durch Flüstern, stören bereits den Schlaf. 
  • 60 dB, wie beim Überflug einer Verkehrsmaschine in 1500 Metern Höhe, ein Gespräch oder leises Radio, stören die Konzentration und verursachen erste Belastungsreaktionen. 
  • 80 dB entsprechen dem Lärm des Düsentriebwerks eines startenden Jets in 300 Metern Entfernung, dem Geräuschpegel an einer Hauptverkehrsstraße, in einem Klassenzimmer oder bei Kirchenglocken in 200 Meter Entfernung. Das sorgt bei Dauerbelastung für ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko. 
  • 100 dB wie in einer lauten Fabrikhalle, von einer Kreissäge oder einem Presslufthammer können bei jahrelanger Belastung Gehörschäden zur Folge haben. 
  • 120 dB wie beim Überschallknall eines Flugzeugs in 100 Metern Höhe, auf einem Rockkonzert, neben einem Martinshorn oder einer Vuvuzela können Ohrenschmerzen verursachen. 
  • 140 dB entsprechen dem Startgeräusch eines Flugzeugs in 40 Metern Entfernung oder einer Trillerpfeife und machen Gehörschäden schon nach kurzer Zeit möglich. 
  • 160 dB etwa bei einem Gewehrschuss in Mündungsnähe können Gehörschäden schon bei einmaliger Einwirkung zur Folge haben.

Der Wohnort hat einen Einfluss auf das Demenzrisiko, sagen Forscher.

So schützen Sie Ihr Ohr: Die wichtigsten Tipps

Das Ohr ist ein Sinnesorgan. Zu viel Lärm, eine Beschallung ab 85 Dezibel, kann zu einem Hörschäden führen. Schützen Sie Ihr Gehör. Bei Konzerten (etwa 100 dB) können Ohrstöpsel und ein ausreichender Abstand zur Geräuschquelle Gehörschäden vermeiden.
Das Ohr ist ein Sinnesorgan. Zu viel Lärm, eine Beschallung ab 85 Dezibel, kann zu einem Hörschäden führen. Schützen Sie Ihr Gehör. Bei Konzerten (etwa 100 dB) können Ohrstöpsel und ein ausreichender Abstand zur Geräuschquelle Gehörschäden vermeiden. © dpa
Beim Musikhören über Kopfhörer die 60/60 Regel beachten: täglich nicht länger als 60 Minuten Musik über Kopfhörer hören und dabei nicht über 60 Prozent des Maximalvolumens des Gerätes aufdrehen.
Beim Musikhören über Kopfhörer die 60/60 Regel beachten: täglich nicht länger als 60 Minuten Musik über Kopfhörer hören und dabei nicht über 60 Prozent des Maximalvolumens des Gerätes aufdrehen. © dpa
Zur Regeneration bewusst akustische Pausen einlegen und alle Lärmquellen (Radio, Fernsehen etc.) abschalten. Dies gilt vor allem nach Diskobesuchen, der Arbeit in einem lauten Umfeld etc. – hier sollte man den Ohren mindestens 10 Stunden Ruhe gönnen.
Zur Regeneration bewusst akustische Pausen einlegen und alle Lärmquellen (Radio, Fernsehen etc.) abschalten. Dies gilt vor allem nach Diskobesuchen, der Arbeit in einem lauten Umfeld etc. – hier sollte man den Ohren mindestens 10 Stunden Ruhe gönnen. © dpa
Gehör regelmäßig durch einen Hörgeräteakustiker oder spezialisierten Arzt überprüfen lassen. © dpa
Falls es doch passiert und Symptome wie ein Druckgefühl im Ohr, ein dumpfer Höreindruck oder anhaltende Ohrgeräusche auftreten, sollten man dem Gehör dringend Ruhe gönnen, viel Flüssigkeit zu sich nehmen und schnellstmöglich einen HNO-Arzt aufsuchen. © dpa
Bereits eine dauerhafte Lärmeinwirkung über 85 dB kann zu einem irreparablen Hörverlust führen. Das entspricht etwa einem elektrischen Rasenmäher. © dpa
Bei einem Lärmpegel von etwa 100 dB – wie sie bei Konzerten oder bei maximal aufgedrehtem MP3-Player erreicht werden – riskiert man schon bei 20 Minuten Beschallung pro Tag eine spätere Hörminderung. © dpa

dpa

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