Medizin-Hoffnung

Schlaganfall: Neue Therapie hilft Patienten

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Mit einem Mikrokatheter kann ein Neuroradiologe ein Blutgerinnsel bei der sogenannten endovaskulären Therapie mechanisch aus dem Gefäß entfernen. 

In Deutschland erleiden jährlich 260.000 Menschen einen ischämischen Schlaganfall. Etwa jeder dritte Patient bleibt danach dauerhaft behindert. Eine neue Therapie könnte das ändern.

Ein relativ neuer Eingriff bewahrt Ärzten zufolge viele Schlaganfallpatienten vor dauerhaften Behinderungen. Bei der sogenannten endovaskulären Therapie müsse man etwa vier bis sechs Patienten behandeln, um einem ein unabhängiges Leben zu ermöglichen, sagt Joachim Röther, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. „In der Medizin ist das ein unglaublich gutes Ergebnis.“

Bei der Therapie, die in Deutschland bereits durchgeführt wird, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter bis zum betroffenen Blutgefäß und zieht das entstandene Gerinnsel heraus.

Eine wenige Wochen vor dem „Tag gegen den Schlaganfall“ (10. Mai) in Glasgow vorgestellte Studie zeigt, dass mit dem neuen Eingriff nach 90 Tagen 60 Prozent der Patienten ohne funktionelle Beeinträchtigung waren. Bei herkömmlicher Therapie waren es nur 35 Prozent. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen unterschied sich kaum.

Blutgerinnsel wird mechanisch entfernt

In Deutschland erleiden jährlich etwa 260.000 Menschen einen ischämischen Schlaganfall. Dabei verschließt ein Gerinnsel ein Gefäß, dass das Gehirn versorgt. Die unterbrochene Blutversorgung lässt Nervenzellen absterben. Etwa jeder dritte Patient bleibt danach dauerhaft behindert - etwa durch Lähmungen oder Sprachprobleme.

Um das Gefäß wieder zu öffnen, setzen Mediziner bisher darauf, den Blutpfropf durch Medikamente zu lösen. Doch bei Blutgefäßen, die große Hirnareale versorgen, reicht das meist nicht aus. In solchen Fällen, bei großen Schlagadern im vorderen Hirnkreislauf, kann zusätzlich ein Katheter-Eingriff entscheidend helfen.

Bei dem Eingriff, der in Deutschland bereits durchgeführt wird und meist etwa 30 bis 45 Minuten dauert, schiebt ein Neuroradiologe einen Mikrokatheter von der Leiste durch die Aorta bis in das betroffene Blutgefäß. Dann sticht er durch das Gerinnsel hindurch, wobei er das Vorgehen auf einem Monitor verfolgt. Aus dem Katheter entfaltet sich ein Geflecht aus feinem Draht nach außen und verhakt sich am Blutpfropf. Den kann der Mediziner aus dem Gefäß zurückziehen und aus dem Körper entfernen.

Wenn alles gut geht, wird das Hirngewebe danach durchblutet. „Es ist ein Rennen gegen die Zeit“, erläutert Tudor Jovin von der Universitätsklinik Pittsburgh. „Je früher man den Blutfluss im Gehirn wiederherstellt, desto mehr Gehirn rettet man und desto höher ist die Chance für einen guten Ausgang.“

Beim Schlaganfall zählt jede Sekunde

Bei der Swift Prime-Studie erhielten 196 Patienten per Losentscheid entweder nur Medikamente oder zusätzlich den Katheter-Eingriff. Mit dieser Kombination waren nach 90 Tagen 60 Prozent der Patienten ohne funktionelle Beeinträchtigung, bei herkömmlicher Therapie waren es nur 35 Prozent. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen unterschied sich kaum von der bisherigen Standard-Therapie.

Für das Verfahren infrage kommen in Deutschland jährlich etwa 20.000 Menschen mit ischämischem Schlaganfall, sagt der Neuroradiologe Jens Fiehler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dies seien gerade jene Patienten, bei denen große Hirngefäße verstopft sind und denen daher besonders schwere Behinderungen drohen.

Wird ein Patient zu einer der bundesweit über 260 Stroke Units - Schlaganfall-Zentren - gebracht, weisen drastische Beeinträchtigungen wie Sprachverlust oder schwere Lähmungen darauf hin, dass er für die neue Therapie infrage kommt. Abgeklärt wird der Verdacht durch eine sogenannte CT-Angiographie. 60 Zentren haben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie die Expertise für die neue Therapie. Patienten aus kleineren Kliniken müssen möglichst schnell in solch ein Zentrum gebracht werden.

Joachim Röther von der Asklepios-Klinik Altona, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft, betont, dass die Behandlung bereits in die europäischen Leitlinien zur Schlaganfall-Therapie aufgenommen wurde. Nach Gesamtlage der Studien müsse man etwa vier bis sechs Patienten behandeln, um einem ein unabhängiges Leben zu ermöglichen, sagt Röther. „In der Medizin ist das ein unglaublich gutes Ergebnis.“

Auch finanziell rechnet sich das Verfahren. Zwar ist der Eingriff kostspielig, „aber damit kann man einen Patienten davor bewahren, lebenslang bettlägerig und pflegebedürftig zu sein“, sagt Fiehler. „Die endovaskuläre Therapie ist eines der kosteneffizientesten Verfahren, das man sich vorstellen kann.“

So erkennen Sie einen Schlaganfall

Schlaganfall Symptome
Diagnose Schlaganfall – je eher er entdeckt wird, umso besser sind die Heilungs- und Überlebenschancen für den Patienten. Es gibt vier typische Symptome, mit denen Ärzte, aber auch Angehörige prüfen können, ob jemand kurz zuvor einen Schlaganfall erlitten hat. © picture-alliance / dpa
Lächeln: Schlaganfall-Patienten können oft nicht mehr richtig lachen, der Mund wird schief.
Lächeln: Schlaganfall-Patienten können oft nicht mehr richtig lachen, der Mund wird schief. © dpa
Sprechen: Wer einen Schlaganfall erlitten hat, kann meistens keine zusammenhängenden Sätze mehr formulieren. Wer also stottert und sprachliche Probleme hat, hat möglicherweise einen Schlaganfall.
Sprechen: Wer einen Schlaganfall erlitten hat, kann meistens keine zusammenhängenden Sätze mehr formulieren. Wer also stottert und sprachliche Probleme hat, hat möglicherweise einen Schlaganfall. © dpa
Arme: „Heben Sie doch einmal beide Arme nach oben!“ Wer einen Schlaganfall erlitten hat, kann meist nicht mehr selbstständig beide Arme in die Höhe strecken.
Arme: „Heben Sie doch einmal beide Arme nach oben!“ Wer einen Schlaganfall erlitten hat, kann meist nicht mehr selbstständig beide Arme in die Höhe strecken. © picture alliance / dpa
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Zunge: „Zeigen Sie mal Ihre Zunge.“ Das Herausstrecken funktioniert nicht mehr richtig, die Zunge ist gekrümmt und wandert von einer Seite zur anderen. © dpa
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Schlaganfall
Faktoren, die sich naturgemäß nicht beeinflussen lassen, sind das Alter, Geschlecht (Männer sind gefährdeter) und schlicht die Veranlagung. © dpa

dpa

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