Experten:

Depression vor nahen Angehörigen kaum zu verbergen

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Mehrere Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen.

Berlin/Leipzig - Mehrere Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen. Nach außen hin wirken Kranke oft normal. Vor nahen Angehörigen lasse sich die Erkrankung aber nur schwer verbergen, meinen Experten.

Was kann das Verhalten des Germanwings-Copiloten erklären? Jetzt ist bekannt, dass der junge Flieger seine Ausbilder schon vor Jahren über eine „depressive Episode“ informierte. Doch kann diese Diagnose eine Erklärung sein? Schließlich ist kaum ein Krankheitsbild so vielschichtig.

Rund 10.000 Menschen nehmen sich pro Jahr in Deutschland das Leben, in 150.000 Fällen gibt es einen Versuch. Nach Ansicht der Stiftung Deutsche Depressionshilfe machen diese Zahlen deutlich, dass viele Depressive keine optimale Behandlung erfahren. Dabei ist die Erkrankung für nahe Angehörige kaum zu übersehen, wie Psychiatrie-Professor Ulrich Hegerl sagt. Er ist Vorsitzender der Stiftung und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig.

Wer über mehr als 14 Tage in gedrückter Stimmung sowie freud- und antriebslos ist, keinen Appetit hat, sich mit Schuldgefühlen im Bett wälzt und daran denkt, sich etwas anzutun, gilt als depressiv. „Bei Berufskollegen, wenn man nur oberflächlich kommuniziert - da kann es durchaus hinter einer Fassade verborgen werden“, meint Hegerl. „Aber nahe Angehörige merken dann schon, dass der Mensch nicht so ist, wie sie ihn kennen.“

Professionelle Hilfe sollte nach Ansicht der Psychotherapeutin Julia Scharnhorst geholt werden, wenn die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr in den Griff bekommen, überhaupt nicht mehr aufzuheitern sind und vor allem, wenn Selbsttötungsabsichten geäußert werden. „Laien tun es oft ab“, sagt Scharnhorst, man sollte so eine Äußerung aber auf jeden Fall ernst nehmen.

Wie Betroffene mit ihrem Leiden umgehen, sei allerdings sehr verschieden: Manche versuchten, sich selbst zu therapieren, viele griffen dabei zum Alkohol. Es komme auch vor, dass Menschen sich nichts anmerken ließen, erklärt die Leiterin der Sektion Gesundheitspsychologie im Bundesverband Deutscher Psychologen. Scharnhorst weiß von dem Fall einer 25-jährigen Frau, die heiraten wollte und sich kurz vor der Hochzeit das Leben nahm. Sie habe bis zuletzt gejoggt und gescherzt.

Medikamente und Psychotherapie

Behandeln lassen sich Depressionen mit Medikamenten und einer Psychotherapie. Anders als vielfach angenommen, machten Antidepressiva nicht abhängig, und wer sie einnehme, werde nicht „high“, betont die Deutsche Depressionshilfe. Während einer Depression ist nach Ansicht vieler Wissenschaftler der Stoffwechsel im Gehirn gestört. Antidepressiva beeinflussen die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Von denen sind entweder zu wenige im Gehirn vorhanden, oder die Übertragung funktioniert nicht richtig. Bei einer leichten Depression helfen mitunter bereits Tageslicht und sportliche Bewegung. Beides verbessert den Hormonhaushalt.

Bei einer akuten Suizidgefahr könne jedoch auch die Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie notwendig sein, sagt Scharnhorst. Eine Garantie für die Verhinderung von Selbsttötungen gebe es trotzdem nicht.

Suizidabsichten oder eine Depression kann man nach Ansicht von Hegerl nicht im Vorhinein mit einem psychologischen Test erkennen. „Es gibt keinen Depressionstest.“ Ärzte, die einen Menschen untersuchten, sollten aber so geschult sein, dass sie Anzeichen bemerken und nachhaken könnten.

Germanwings-Absturz: Chronologie der Ereignisse

Dienstag, 24. März: Die in Barcelona gestartete Maschine mit Ziel Düsseldorf stürzt in den französischen Alpen ab. © dpa
144 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder sterben, darunter 75 Deutsche. © dpa
An Bord sind auch 16 Schüler und 2 Lehrerinnen aus Haltern (NRW). Nach dem Absturz treten etliche Germanwings-Besatzungen ihren Dienst nicht an. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Mittwoch, 25. März: Frankreichs Präsident François Hollande fliegt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft über den Unglücksort. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Helfer bergen im abgelegenen Tal bei Seyne-les-Alpes erste Opfer. Die Staatsanwaltschaft Marseille ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Donnerstag, 26. März: Die Auswertung des Stimmenrekorders nährt einen ungeheuren Verdacht: © dpa
Laut Staatsanwalt Brice Robin hat Copilot Andreas L. (27) den Airbus wohl mit Absicht in die Katastrophe gesteuert. Der Pilot sei aus dem Cockpit ausgesperrt gewesen. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Angehörige gedenken erstmals nahe der Absturzstelle der Opfer. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Freitag, 27. März: Die Ermittler geben bekannt, dass bei dem Copiloten zu Hause zerrissene Krankschreibungen gefunden wurden, auch für den Absturztag. © 
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Bundespräsident Joachim Gauck kommt zu einem Gedenkgottesdienst in Haltern. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Lufthansa (hier CEO Carsten Spohr) sagt den Hinterbliebenen eine finanzielle Soforthilfe von jeweils bis zu 50 000 Euro zu. © AFP
Viele Airlines führen die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. © dpa
Samstag, 28. März: Germanwings eröffnet in der Nähe der Absturzstelle ein Betreuungszentrum für Angehörige. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Sonntag, 29. März: Berichte, der Copilot habe an starken psychischen Problemen gelitten, lösen eine Debatte über die ärztliche Schweigepflicht aus. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Montag, 30. März: Es wird offiziell bekannt, dass Lubitz Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft und in Psychotherapie war.  © Staatsanwaltschaft Düsseldorf
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
In der Düsseldorfer Soko „Alpen“ beschäftigen sich etwa 100 Ermittler mit dem Absturz. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Experten der französischen Gendarmerie stellen sich darauf ein, dass die Identifizierung der Opfer mehrere Monate dauern kann. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Dienstag, 31. März: Ein Versicherungskonsortium hat laut Lufthansa für die Kosten der Katastrophe 278 Millionen Euro zurückgestellt. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Ein Video aus dem Airbus, das Mitarbeitern der Bild“ und der „Paris Match“ eigenen Angaben zufolge vorgelegen habe, soll Bilder aus den letzten Sekunden des Flugs zeigen. Die Staatsanwaltschaft fordert die Herausgabe des Videos. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
Die Lufthansa gibt bekannt, dass ihre Verkehrsfliegerschule während der Ausbildung des Copiloten von einer früheren Depression wusste. © dpa
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
1. April: Nachdem die Gendarmerie die Bergung von Opfern an der Absturzzone abgeschlossen hat, konzentrieren sich die Experten auf die Suche nach dem zweiten Flugschreiber. © AFP
Absturz Germanwings-Flug 4U9525
In Haltern kommen erneut viele Menschen zu einem öffentlichen Gedenkgottesdienst zusammen. © AFP
Germanwings, Absturz
2. April: Einsatzkräfte finden den zweiten Flugschreiber der in den Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine. © dpa
Germanwings, Absturz
3. April: Die Auswertung der zweiten Blackbox bestätigt den Verdacht: Der Copilot der Germanwings-Maschine hat den Airbus bewusst in den Sinkflug gebracht und dabei beschleunigt, wie die Analyse des Flugdatenscheibers ergab. Dies teilte die französische Untersuchungsbehörde Bea mit. © AFP
Germanwings, Absturz
5. April: Vor dem Absturz wusste das Luftfahrtbundesamt nach eigener Darstellung nichts über Lubitz' medizinische Vorgeschichte. Die Lufthansa weist den Verdacht zurück, Informationen zurückgehalten zu haben. © dpa
Germanwings, Absturz
7. April: Der Deutsche Fliegerarztverband fordert strengere Untersuchungen von Passagierflugzeug-Piloten. © dpa
Germanwings, Absturz
9. April: Eine Frau soll sich als Angehörige eines Absturzopfers ausgegeben haben, um auf Kosten der Fluggesellschaft nach Südfrankreich zu fliegen. Es wird wegen Betrugsverdachts ermittelt. © dpa
Germanwings, Absturz
13. April: Der Weltpilotenverband Ifalpa kritisiert vorschnelle Schlüsse aus den bisherigen Unfall-Untersuchungen. © dpa

Ratlos macht die Experten ein sogenannter erweiterter Suizid - die Fälle, in denen Lebensmüde etwa mit ihrem Auto in den Gegenverkehr oder die eigene Familie töten. „Das kann man nicht nachvollziehen“, sagt Scharnhorst.

Spielt Hass eine Rolle? „Es ist sehr schwer, sich in diese Menschen mit ihrer Verzweiflung hineinzuversetzen“, sagt auch Hegerl. „Ich glaube eher, dass sie so auf das Negative eingeengt sind in ihrem Erleben, dass sie fast ausblenden und gar nicht so richtig wahrnehmen, was um sie herum vorgeht.“ Das Motiv, andere Menschen mit in den Tod zu reißen, passe absolut nicht zu Depressionen. „Das kann man nicht übertragen auf die zwei bis drei Millionen depressiven Kranken in Deutschland. Diese sind eher besonders verantwortungsvoll und fürsorglich, und nichts liegt ihnen ferner als anderen zu schaden.“

Das normale Auf und Ab des Lebens

Eine Depression kann durch einen Schicksalsschlag wie den Verlust des Arbeitsplatzes oder einen Trauerfall ausgelöst werden, aber auch durch etwas grundsätzlich Erfreuliches, wie eine bestandene Prüfung oder eine Beförderung. Sie sollte darum nicht mit einer akuten Belastungsreaktion verwechselt werden. Wer zum Beispiel in tiefer Trauer versinke, müsse nicht zugleich eine umfassende Sinn- und Freudlosigkeit empfinden oder gar die Gefühle gegenüber den geliebten Kindern verlieren. „Das wird leider oft vermengt“, sagt Hegerl. „Wir wollen auf keinen Fall das normale Auf und Ab des Lebens, das ja oft auch sehr schmerzhaft ist, psychiatrisieren.“

Und: Experten warnen davor, psychisch Kranke zu stigmatisieren. So sieht etwa Ulrich Krüger, Geschäftsführer der Aktion Psychisch Kranke (APK), die öffentliche Diskussion der vergangenen Tage mit Sorge: „Hier wird suggeriert, dass Menschen mit einem psychischen Leiden automatisch mit einer Gefährdung verbunden sind.“ Das könnte dazu führen, dass Betroffene es nicht mehr wagten, über ihre Erkrankung zu sprechen, sie sogar verheimlichten.

Hintergrund: Depressionen

Depressionen sind eine oft unterschätzte Krankheit. Das gilt sowohl für die Volkswirtschaft als auch für davon betroffene Menschen. Als Depression im medizinischen Sinn gelten nicht die depressiven Verstimmungen, die etliche Menschen zeitweise haben. Zu den vielfältigen Symptomen der psychischen Erkrankung zählen eine anhaltend gedrückte Stimmung, eine Hemmung von Antrieb und Denken und ein Interessenverlust. Hinzu kommen variierende körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit, Appetitstörungen oder auch Schmerzzustände.

In Deutschland leiden je nach Schätzung zwei bis vier Millionen Menschen aktuell an einer Depression. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Depression zu entwickeln, beträgt etwa zwischen 7 und 18 Prozent. Frauen sind rund doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Eine Depression entsteht in der Regel aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Eine genetische Veranlagung, neurobiologische Störungen sowie Entwicklungs- und Persönlichkeitsfaktoren sind von Bedeutung. Oft tritt die Erkrankung nach belastenden oder negativen Ereignissen wie dem Verlust eines Angehörigen oder Problemen mit nahen Bezugspersonen auf. Auch einschneidende Veränderungen wie die Pensionierung können ein Auslöser sein. Einfluss haben zudem körperliche, vor allem chronische Erkrankungen sowie bestimmte Medikamente und Drogen.

Bei der Behandlung setzen Mediziner und Psychologen auf Antidepressiva und psychotherapeutische Verfahren.

dpa

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