Die Folgen des Ukraine-Kriegs

Lawrows „Kreml-Propaganda will uns in die Irre führen“: Hunger und Not wegen „Krise auf der Krise“

Wladimir Putin und sein Außenminister Sergej Lawrow / Hungernot in Ländern wie Somalia
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Hungernot in Ländern wie Somalia: Wladimir Putin und sein Außenminister Sergej Lawrow verbreiten derweil „Kreml-Propaganda“, sagt Renate Künast.

Russland will keine Hungerkrise aufgrund des Ukraine-Krieges sehen. Doch die Lage ist ernst, sagen Renate Künast (Grüne), Albert Stegemann (CDU) und Christoph Hoffmann (FDP).

Odessa - Derzeit scheint es einen Krieg um Getreide zu geben. Im eskalierten Ukraine-Konflikt spielen die Körnerfrüchte eine entscheidende Rolle. Der russische Außenminister Sergej Lawrow ist sogar in die Türkei gereist, um einen Getreide-Deal einzufädeln.

Lawrow nutzte die Gelegenheit, um den russischen Blick auf die globale Versorgungslage zu zeichnen. Putins Vertrauter warf dem Westen vor, die Probleme beim Export von ukrainischem Getreide als eine „Katastrophe“ inszenieren und eine Lebensmittelkrise heraufbeschwören zu wollen. Tatsächlich ist eine solche momentan in immer mehr Ländern zu beobachten. Agrarexperten von CDU, Grünen und FDP klären auf und greifen Russland gegenüber Merkur.de scharf an.

Ukraine-Krieg: Lawrows „Kreml-Propaganda“ - Hunger und Not als Folgen des Krieges

„Die Kreml-Propaganda will uns in die Irre führen“, meint die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne). „Lawrow versucht mit dieser Aussage, den Informationskrieg zu befeuern“, argumentiert der FDP-Politiker Christoph Hoffmann. „Das ist Teil der russischen Propaganda“, sagt der agrarpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Albert Stegemann.

Fakt ist: Sowohl Russland als auch die Ukraine zählen zu den größten Getreideexporteuren der Welt. Sie sind verantwortlich für rund 20 Prozent des Bedarfs an Mais, rund ein Drittel ist es beim Weizen, fast zwei Drittel beim Sonnenblumenöl. Beide Länder haben also auch in Kriegs-fernen Zeiten erheblichen Einfluss auf die weltweite Versorgungslage.

Im Ukraine-Krieg stockt jedoch der Export. Russland blockiert die Ausfuhr von ukrainischem Getreide. Insgesamt 20 Millionen Tonnen warten darauf, exportiert zu werden. Die meisten davon im Hafen von Odessa. Von der südukrainischen Hafenstadt aus geht es größtenteils nach Nordafrika und Asien – wo die ausbleibenden Lieferungen von Weizen, Sonnenblumenöl und anderen Gütern wie Dünger für große Probleme sorgen.

Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung

Am 24. Februar beginnt Russland mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus.
Bereits am ersten Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine werden die Gräuel des Krieges deutlich. Bomben gehen auf die Stadt Tschuhujiw nieder. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht schwer verletzt und notdürftig behandelt vor dem Krankenhaus der Stadt. © Aris Messinis/afp
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine.
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine. © Sergei Malgavko/dpa
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet.
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet. © Sergei Mikhailichenko/afp
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin.
Weltweit gehen die Menschen gegen den Ukraine-Krieg auf die Straßen. Eine Demonstrantin in Montreal (Kanada) macht deutlich, wen sie für das Leid in der Ukraine verantwortlich macht: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. © Andrej Ivanov/afp
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion.
Wolodymyr Selenskyj meldet sich mit einer nächtlichen Videobotschaft aus Kiew - während der russische Angriff auf die Hauptstadt läuft. Der Präsident wird im Verlauf des Kriegs zur Galionsfigur des ukrainischen Widerstands gegen die russische Invasion. © Facebook/afp
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden.
Die Verluste Russlands lassen sich vor allem auf die hohe Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung zurückführen. Diese Frau lässt sich in Lwiw an einem Sturmgewehr des Typs AK-47 ausbilden. © Daniel Leal/afp
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen.
Der Kampf um Kiew tobt vor allem in der Anfangsphase. Die Hauptstadt der Ukraine ist von den Angriffen Russlands schwer gezeichnet. Doch der Widerstand hält an. Putins Armee gelingt es nicht, Kiew einzunehmen. © Daniel Leal/afp
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen.
Ein sieben Jahre altes Mädchen aus der Ukraine hat es nach Moldawien geschafft. Laut dem UNHCR sind allein in den ersten drei Monaten des Krieges mehr als sechs Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. © Nikolay Doychinov/afp
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland.
Irpin, ein Vorort Kiews, wird von der russischen Artillerie unter Beschuss genommen. Yevghen Zbormyrsky, 49 Jahre alt, sucht vor seinem zerstörten Haus Schutz vor dem Angriff aus Russland. © Aris Messinis/afp
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg.
Blutspuren in einem Zug in Kramatorsk, der für die Evakuierung von Zivilisten genutzt wurde, zeugen von den Grausamkeiten im Ukraine-Krieg. © Fadel Senna/afp
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke.
Der Zusammenhalt zwischen der Armee und der Bevölkerung im Ukraine-Krieg ist beispielhaft. In Irpin helfen Soldaten bei der Evakuierung einer Frau über eine zerstörte Brücke. © Aris Messinis/afp
Mitten Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland.
Mitten im Krieg geben Valery (l.) und Lesya sich in einem Außenposten vor Kiew das Ja-Wort. Beide kämpfen in der Armee der Ukraine gegen Russland. © Genya Savilov/afp
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland.
Per Videoschalte hält Wolodymyr Selenskyj eine Rede im Deutschen Bundestag. Für seinen historischen Auftritt erhält der ukrainische Präsident Applaus - und im weiteren Verlauf die Zusage zur Lieferung von schweren Waffen aus Deutschland. © Michael Kappeler/dpa
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen.
Vitali Klitschko im von russischen Angriffen zerstörten Kiew. Der ehemalige Boxweltmeister ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt und organisiert dort den Widerstand gegen Russlands Armeen. © Sergej Supinsky/afp
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen.
Immer wieder nimmt Russland Kiew unter Beschuss. Bei einem Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum sterben mindestens sechs Menschen. © Aris Messinis/afp
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen.
Doch nicht nur Kiew, auch Charkiw ist zu Beginn des Krieges heftig umkämpft. Ein Mann flieht aus der Stadt, während im Hintergrund russische Raketen einschlagen. © Aris Messinis/afp
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind.
Russland muss im Ukraine-Krieg unerwartet hohe Verluste in Kauf nehmen. Davon zeugen etliche zerstörte Panzer und Militärfahrzeuge, deren Überreste auf einer Straße Richtung Butscha zu sehen sind. © Aris Messinis/afp
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest.
Wochenlang tobt die Schlacht um Mariupol. Die Hafenstadt im Osten der Ukraine gleicht einem Trümmerfeld. Ein russischer Soldat hält die Zerstörung mit seinem Handy fest. © Alexander Nemenov/afp
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes.
Raketenangriffe spielen im Ukraine-Krieg eine besonders große Rolle. Ein Soldat der Ukraine inspiziert die Überreste einer ballistischen Rakete aus russischen Beständen auf einem Feld nahe Bohodarove im Osten des Landes. © Yasuyoshi Chiba/afp
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben.
Anwohnerinnen und Anwohner aus Mariupol kommen in Saporischschja im Südosten der Ukraine an. Darunter befinden sich auch zahlreiche Personen, die fast zwei Monate in Schutzräumen des Asowstal-Stahlwerks ausgeharrt haben. © dpa
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol.
Die Kämpfer des Asowstahl-Stahlwerks in Mariupol werden in der Ukraine wie Helden gefeiert. Wochenlang hielten sie die russische Armee auf und der Belagerung stand. Am Ende und nach hohen Verlusten verkündet der Kreml aber die Einnahme des Stahlwerks und damit die Kontrolle über Mariupol. © Dmytro ‚Orest‘ Kozatskyi/afp
Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz in der Bundeswehr.
Am 21. Juni treffen die ersten schweren Waffen aus Deutschland in der Ukraine ein. Die Panzerhaubitze 2000 ist das modernste Artilleriegeschütz der Bundeswehr. Sie sieht aus wie ein riesiger Kampfpanzer und kann Ziele in 40 Kilometern Entfernung treffen.  © Sven Eckelkamp/Imago
bombardiert die russische Luftwaffe ein Einkaufszentrum in der ostukrainischen Stadt Krementschuk
Am 27. Juni bombardiert Russland ein Einkaufszentrum im 100 Kilometer von der Frontlinie entfernten Krementschuk. Zum Zeitpunkt des Angriffs befinden sich laut ukrainischen Angaben etwa 1000 Menschen in dem Gebäude, mindestens achtzehn Menschen werden getötet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnet die Attacke als „absoluten Horror“.  © STR/afp
Dieses Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt einen Überblick über die Schlangeninsel im Schwarzen Meer.
Nach wiederholten ukrainischen Angriffen zieht sich das russische Militär Ende Juni von der Schlangeninsel südlich von Odessa zurück. Russland spricht von einem „Zeichen des guten Willens“. Die Die Ukraine feiert die Rückeroberung dagegen als Sieg. „KABOOM! Keine russischen Truppen mehr auf der Schlangeninsel“, schreibt der Leiter des Präsidialamts, Andrij Jermak, auf Twitter. „Unsere Streitkräfte haben großartige Arbeit geleistet.“ © dpa
In der Nacht auf den 29. Juli brannte nach einer Explosion ein Gefängnis in Oleniwka, in der von pro-russischen Separatisten besetzten Donezk-Region, aus.
In der Nacht auf den 29. Juli kommen bei einem Angriff auf ein Gefängnis in Oleniwka in der Donezk-Region Dutzende ukrainische Kriegsgefangene ums Leben. Der ukrainische Generalstab beschuldigt Russland, damit Folter von Gefangenen und Hinrichtungen verschleiern zu wollen. Prorussische Separatisten hingegen bezichtigten die Ukraine, für den Angriff verantwortlich zu sein © afp
Auf dem Gelände des Militärflugplatzes Saki nahe Nowofjodorowka kommt es zu heftigen Explosionen.
Am 9. August erschüttern mehrere Explosionen eine russische Luftwaffenbasis auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim. Mehrere Flugzeuge werden zerstört. Eine Woche später detoniert auf der Krim ein russisches Munitionslager. Rusland spricht von einem „Sabotageakt“. © dpa
Dieses Satellitenbild von Planet Labs PBC zeigt das von russischen Truppen besetzte Kernkraftwerk Saporischschja.
Das Atomkraftwerk Saporischschja ist schwer umkämpft. Das Artilleriefeuer lässt international die Angst vor einer Atomkatastrophe steigen. Am 25. August wird das AKW erstmals in seiner Geschichte vom Stromnetz getrennt. Russland und die Ukraine werfen sich gegenseitig den Beschuss des Kraftwerksgeländes und der Umgebung vor. © Planet Labs Pbc/dpa
Rauch steigt über einem Feuer in einem Naturschutzgebiet in der Nähe der Stadt Mykolajiw nach einem Beschuss durch die Streitkräfte der Ukraine auf.
Am 29. August gelingt den ukrainischen Truppen an mehreren Stellen in der Oblast Cherson ein Vorstoß über feindliche Frontlinien. Das russische Verteidigungsministerium bestätigt eine ukrainische Offensive bei den von Russland besetzten Gebieten in der Oblast Cherson und der Oblast Mykolajiw. © Kherson Region Emergency Service/Imago
Einheiten der ukrainischen Streitkräfte sind in der Region Charkiw unterwegs.
Im September erobert die Ukraine im Zuge ihrer Gegenoffensive in der Oblast Charkiw die strategisch bedeutsamen Städte Kupjansk und Isjum von Russland zurück und durchbricht die Frontlinie an mehreren Stellen.  © Imago

Ukraine-Krieg: „Eine Welle von Hunger und Armut“

„Die fehlenden Getreidelieferungen befeuern die angespannte Versorgungslage mit Lebensmitteln“, sagt CDU-Politiker Stegemann. Auch die Vereinten Nationen sind bereits alarmiert: „Für Menschen auf der ganzen Welt droht der Krieg in der Ukraine eine beispiellose Welle von Hunger und Elend auszulösen und ein soziales und wirtschaftliches Chaos zu hinterlassen.“

Zu spüren bekommt das etwa Somalia, wo die UN vor einer riesigen Hungerkatastrophe warnen. FDP-Mann Hoffmann, Vize-Vorsitzender im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sieht „eklatante Auswirkungen auf die weltweite Ernährungssicherheit“ und „eine Welle von Hunger und Armut“ in Jemen, Syrien, Afghanistan und vor allem in Afrika. „In der Maghreb-Region sind die Lebensmittelvorräte im Herbst aufgebraucht.“ Künast nennt das sehr auf Getreideimporte angewiesene Ägypten als Krisenverlierer. Hoffmann befürchtet „soziales und wirtschaftliches Chaos“ als Folge einer Hungerkatastrophe und meint: „Die drohende Instabilität belastet die sicherheitspolitische Lage weltweit, auch in Europa.“

Video: Vereinte Nationen warnen vor „beispielloser Welle von Hunger und Elend“

Ukraine-Krieg „als Krise auf der Krise“: Corona, Klima, Inflation

Die Gefechte in der Ukraine verschlimmern die weltweite Versorgungslage – sind dabei aber nicht der alleinige Faktor. „Der Ukraine-Krieg wirkt wie eine Krise auf der Krise“, sagt Stegemann. Ähnlich argumentiert Künast. Die Grünen-Politikerin sieht derzeit einen „perfect storm“ mehrerer Ereignisse, der alles andere als positiv sei. „Mit Corona, dem Angriff auf die Ukraine, der Klimakrise, dem massivem Verlust an Biodiversität und rapide steigenden Kosten in der Versorgungskette haben sich mehrere Krisen bedrohlich übereinander gelegt.“

Der Hunger grassiert seit Jahren. „2020 hungerten etwa 811 Millionen Menschen, angemessener Zugang zu Nahrung fehlte zusätzlichen 2,37 Milliarden Menschen“, sagt Künast. Neben dem Ukraine-Krieg trifft ärmere Länder dabei vor allem der Klimawandel, wie auch Stegemann schildert. „Indien, der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt, erwartet aufgrund der Hitzewelle schlechtere Ernten.“ Ein Problem, das weitere Probleme nach sich ziehe. „In der Folge hat Indien seine Weizenexporte gestoppt, was wiederum zu Unsicherheiten und weiteren Preisaufschlägen auf dem Weltmarkt führt.“

Albert Stegemann sitzt seit 2013 im Deutschen Bundestag. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Ernährung und Landwirtschaft sowie agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Die russische Invasion in der Ukraine muss beendet werden.

UN-Generalsekretär António Guterres

Laut Angaben der Vereinten Nationen leiden derzeit mindestens 1,6 Milliarden Menschen an einer vielschichtigen Krise aus Krieg, Corona und Klimawandel. Die Zahl der Menschen, die mangelhaft mit Nahrungsmitteln versorgt seien, habe sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, sagte UN-Generalsekretär António Guterres Anfang Juni. „Es gibt nur einen Weg, diesen aufziehenden Sturm zu stoppen: die russische Invasion in der Ukraine muss beendet werden.“

Ukraine-Krieg: Auswirkungen auch in Deutschland spürbar

Auch in Deutschland zeigen sich die Auswirkungen des Getreidestopps. Zum Beispiel beim Speiseöl. Auch wegen des Krieges sind die Preise so hoch. Aber: „Die Versorgung mit Lebensmitteln in der EU und in Deutschland ist derzeit nicht gefährdet“, wie es in einer Antwort des Grünen-geführten Landwirtschaftsministerium auf eine Anfrage der CDU/CSU-Fraktion heißt.

Deutschland ist nicht so stark abhängig von Importen aus Russland oder der Ukraine wie Entwicklungsländer. Die Bevölkerung spürt die Auswirkungen dennoch, etwa an der immer weiter steigenden Inflation. „Die Regale im Supermarkt sind weiter gefüllt“, sagt Künast. „Aber auch in Deutschland führen die steigenden Preise dazu, dass viele Menschen sich aus der vorhandenen Auswahl im Supermarkt immer weniger leisten können.“

Renate Künast war von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und von 2005 bis 2013 Fraktionsvorsitzende der Grünen.

Hunger und Not durch Ukraine-Krieg: Wie kann die Lage verbessert werden?

Gibt es einen Ausweg aus der Krise? Kurzfristig könnte ein Wiederaufnehmen des ukrainischen Exports zumindest für kleine Entspannung sorgen. „Doch darauf können wir uns angesichts des unberechenbaren Verhaltens des Kreml nicht verlassen“, sagt Künast. Ein weiteres Problem: Viele Anbauflächen sind zerstört. Wie viele, ist unklar. Vom Bundeslandwirtschaftsministerium heißt es: „Ukrainische Quellen gehen von einer Reduzierung der Weizen- und Sonnenblumenernte um mehr als ein Drittel und bei Mais um rund die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr aus.“ Die gesamte Frühlingssaat könne so nur auf 70 bis 80 Prozent der Agrarfläche erfolgen.

Auch nicht vom Krieg zerstörte Felder sind teilweise unbrauchbar. Denn für die Landwirtschaft existenzielle Betriebsmittel wie Treibstoff, aber auch Saatgut und Dünge- und Pflanzenschutzmittel sind rar. „Infolgedessen ist damit zu rechnen, dass sich die Lage nächstes Jahr noch deutlich verschärft“, sagt FDP-Mann Hoffmann.

Nicht an Landwirtschaft zu denken: In der Ukraine sind viele Ackerflächen wie hier in Cherson unbrauchbar.

Künast zum Ukraine-Krieg: „Ansonsten sind die Ärmsten der Armen massiv von Hunger bedroht“

Um die globale Lebensmittellage zu verbessern, müsse man sich aber auch von der Ukraine lösen und den Blick erweitern, argumentieren die Agrarexperten von CDU, Grünen und FDP. Stegemann spricht von einer „agrarpolitischen Zeitenwende“, die sich laut Künast auch im massiven Senken der Lebensmittelpreise widerspiegeln muss. „Ansonsten sind die Ärmsten der Armen massiv von Hunger bedroht.“

Die Bundesregierung will insgesamt 430 Millionen Euro gegen Ernährungskrise bereitstellen. Davon fließen 42 Millionen Euro als zusätzlicher deutscher Beitrag zum Welternährungsprogramm. Künast fragt sich, „ob sich das Welternährungssystem nicht in einer Schieflage befindet, wenn das Ausfallen einer Exportregion zu so massiven Problemen auf der ganzen Welt führt.“ Ziel müsse es sein, dass sich von Importen abhängigen Länder künftig selbst ernähren können. „Das wird auch bei uns eine effizientere Nutzung der Flächen bedeuten, schließlich landet der überwiegende Teil unseres Getreides in Trog und Tank, nur knapp ein Fünftel auf dem Teller. Die Devise sollte doch heißen: Teller first.“

Mittel- und langfristig brauche es auch „eine bessere Nahrungsmittelsouveränität der gefährdeten Staaten“, sagt Hoffmann. „Akute Hilfe kann auch die Vermeidung von massiven Nachernteverlusten in Entwicklungsländern leisten, indem Deutschland Säcke bereitstellt, die luftdichtes Einschweißen von Getreide ermöglichen.“

Christoph Hoffmann sitzt seit 2017 im Deutschen Bundestag. Er ist Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie der Parlamentariergruppe Ukraine.

Ukraine-Krieg: CDU-Mann entlarvt Lawrows Getreide-„Propaganda“

Zurück zu Lawrow. Er argumentierte in Ankara, dass der Anteil von ukrainischem Getreide im Weltmarkt bei weniger als einem Prozent liege. Dies führe sicherlich nicht zu einer Lebensmittelkrise. Stegemann findet das perfide und einen Versuch von Lawrow, „die alleinige Schuld Russlands an diesem Angriffskrieg und seinen Folgen für die Ukraine und die Welt von sich zu weisen sowie gleichzeitig die Blockade der ukrainischen Häfen durch russische Kriegsschiffe aufrechtzuerhalten“.

Es sei richtig, dass die Ukraine bei der weltweiten Weizenproduktion im niedrigen einstelligen Bereich liegt. „Aber die Produktion sagt wenig aus, denn die größten Produktionsländer erzeugen hauptsächlich für den Eigenbedarf. Die Ukraine aber nicht. Sie beliefert dutzende von Ländern mit Getreide. Nur rund ein Drittel der Getreideproduktion wird überhaupt in der Ukraine abgesetzt.“ Heißt: Der Ukraine-Krieg hat sehr wohl enorme Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung, gerade in Entwicklungsländern. Auch, oder gerade weil man das im Kreml anders sieht. (as)

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