Wirtschaft

Habecks historische Herausforderung: Wann Deutschland frei von Russlands Gas sein will

Mit einem Anteil von 55 Prozent war Deutschland bisher extrem abhängig von russischen Gasimporten.
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Mit einem Anteil von 55 Prozent war Deutschland bisher extrem abhängig von russischen Gasimporten.

Deutschland kauft aus keinem Land so viel Erdgas wie aus Russland und für Flüssigerdgas aus anderen Staaten fehlt die Infrastruktur. Wir analysieren, wie der Ausstieg trotzdem gelingen soll.

Frankfurt – Ganze 55 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammt bislang aus Russland. Der andauernde Ukraine-Konflikt* zeigt jedoch die Nachteile dieser enormen Abhängigkeit: Indirekt unterstützt Deutschland damit die russische Regierung und Präsident Wladimir Putin*. So schnell wie möglich will Deutschland daher aus russischem Gas aussteigen. Zuletzt stammten 46 Milliarden Kubikmeter des deutschen Jahresverbrauchs aus Russland – ein Volumen in etwa so groß wie sämtliches Wasser im Bodensee. Wie kann Deutschland diese Menge ersetzen?

Dieser Artikel zu Erdgas ist der zweite Teil unserer datenjournalistische Serie zu russischen Energie-Importen. Angesichts des Ukraine-Kriegs* sucht die Bundesregierung für Erdöl, Gas und Kohle händeringend nach alternativen Energiequellen.

Zwei Alternativen zu russischen Importen bieten sich an: Zum einen kann Deutschland Pipeline-Gas aus anderen europäischen Ländern kaufen – wie etwa aus Norwegen. Schon im Jahr 2020 bezogen die deutschen Energiekonzerne rund 30 Prozent des benötigten Gases aus Norwegen, wie im Jahresbericht Erdgas der Firma BP steht. Diese Quote könnte möglicherweise gesteigert werden.

Energie-Krise: LNG gilt als wichtige Alternative zu russischem Pipeline-Gas

Eine weitere Alternative zu russischen Importen ist Flüssigerdgas aus anderen Ländern, also LNG. Mithilfe von Liquified Natural Gas kann Deutschland die Ressource auch aus weiter entfernten Ländern wie Nordamerika oder Katar importieren. Dafür wird es im Herkunftsland verflüssigt. Schiffe transportieren das Flüssigerdgas an sogenannte Regasifizierungs-Terminals. Diese Anlagen befinden sich meist direkt in einem Hafen und wandeln das LNG wieder in Gas um. Pipelines transportieren den Brennstoff dann weiter.

Spezielle Tanker transportieren Flüssigerdgas um die Welt.

Das Problem an Flüssigerdgas ist jedoch: Die Terminals in den Häfen können nicht beliebig LNG aufnehmen. In der EU gibt es außerdem nur 21 davon. Insgesamt können die EU-Anlagen rund 158 Milliarden Kubikmeter pro Jahr wieder in Gas umwandeln – nicht einmal die Hälfte des EU-Verbrauchs von rund 400 Milliarden Kubikmetern. Um es beispielhaft zu machen: In einer 80-Quadratmeter-Wohnung verbraucht ein Haushalt laut Eon im Schnitt für Heizen und Warmwasser rund 1.300 Kubikmeter Gas pro Jahr.

Deutschland hat bisher kein einziges eigenes LNG-Terminal und kann Flüssigerdgas daher nur in Nachbarländern kaufen. Für den Import nach Deutschland kommen aktuell vier Terminals in Belgien, der Niederlande, Frankreich und Polen infrage. Denn nur von diesen Anlagen führen Pipelines für den Weitertransport nach Deutschland. Sie haben insgesamt eine Kapazität von rund 41 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Das wäre selbst bei vollständiger Abnahme dieser Menge bei weitem nicht ausreichend. für den deutschen Bedarf

Gas aus Russland: Für LNG aus anderen Ländern fehlt die Infrastruktur

In Deutschland sind aktuell drei Terminals an der Nordseeküste in Planung: Die Anlage in Brunsbüttel soll 2026 in Betrieb gehen. Zwei weitere Terminals in Stade und Wilhelmshaven werden folgen. Wann diese beiden betriebsbereit sind, ist jedoch noch offen. Am Ende sollen alle gemeinsam eine Jahreskapazität von 30 Milliarden Kubikmetern haben. Fossiles Erdgas kann schon alleine wegen der Klimakrise nur eine Zwischenlösung sein. Deswegen werden die Flüssigerdgas-Terminals laut Wirtschaftsministeriums so gebaut, dass sie zukünftig auch nicht-fossile Gase wie Wasserstoff importieren können.

Beim Blick auf die Zahlen des jährlichen weltweiten Handel und Verbrauch von Gas wird die Bedeutung russischer Importe nach Deutschland deutlich. Mit 233 Milliarden Kubikmetern und einem Anteil von 17 Prozent am Weltmarkt ist Russland der größte Gasexporteur überhaupt. Zugleich ist Deutschland mit einem Weltmarktanteil von 12 Prozent wiederum der größte Erdgas-Importeur. Als wichtiger Zwischenhändler verkaufen deutsche Energieunternehmen rund die Hälfte davon wieder weiter. Dennoch lag Deutschland zuletzt weltweit auf Platz acht der Erdgasverbraucher.

Bis 2024 soll der Anteil russischer Importe auf 10 Prozent sinken

Um unabhängig von russischem Gas zu werden, muss zugleich aber auch der Verbrauch sinken. Laut Wirtschaftsministerium sollen bis 2024 alle neu eingebauten Heizung zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Außerdem will die Bundesregierung den Austausch von Gasheizungen durch Wärmepumpen fördern.

Der Ausstieg aus russischem Gas soll zwar deutlich länger dauern als der Ausstieg aus russischem Öl. Dennoch strebt Robert Habecks* Ministerium noch in diesem Jahr bereits eine Senkung an und plant weitere Schritte bis Sommer 2024. Durch mehr Flüssigerdgas und Importe aus Norwegen und den Niederlanden soll der Anteil russischer Gasimporte auf noch 40 Prozent fallen. Den nächsten Sprung auf 30 Prozent sollen der Wechsel von Gas auf Strom sowie Energieeinsparungen ermöglichen. Mit Wasserstoff-Technologie und erneuerbaren Energien plant das Ministerium den Anteil auf 10 Prozent weiter zu senken. Wann Deutschland aber vollständig unabhängig von russischem Gas sein wird, kann das Wirtschaftsministerium aktuell auch auf Nachfrage nicht benennen. (Luisa Billmayer) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Unsere Daten, Quellen und Methoden

Das Bundeswirtschaftsministerium nannte vor Kurzem Zahlen zu aktuellen russischen Gasimporten. Die Bodensee-Wasserversorgung gibt an, wie viel Wasser der See fasst. Der statistische Bericht der Weltenergie des Konzerns BP dokumentiert für das Jahr 2020 Daten zu internationalen Gas-Handelsströmen. Laut BR bezieht sich auch das Bundeswirtschaftsministerium auf diesen Bericht. Daten zu LNG-Terminals und deren Jahreskapazitäten bietet die europäische Organisation Gas Infrastructure Europe. Den Jahresverbrauch der EU hält die Europäische Kommission in Quartalsberichten zum europäischen Gasmarkt fest. Eon gibt Durchschnittswerte für den Gasverbrauch in Haushalten an. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) dokumentiert in der Energiestudie 2021 internationale Importe, Exporte und Zahlen zum Verbrauch. Außerdem zogen wir den Fortschrittsbericht Energiesicherheit, die FAQ Liste – Notfallplan Gas und die FAQ-Liste LNG-Terminal in Deutschland des Bundeswirtschaftsministeriums heran.

Hinweis: Keine deutsche Behörde dokumentiert offiziell den jährlichen Gasbedarf. Das Bundeswirtschaftsministerium ging zuletzt von einer Summe von 95 Milliarden Kubikmetern aus. Die BGR nennt 91 Milliarden für 2020, der Energiekonzern BP 87 Milliarden. Um die Zahlen international zu vergleichen, verwenden wir die Angaben der BGR.

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