Wirklich jede Auslegung?

Merkels Satz zum Islam stößt auf breite Kritik

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Lale Akgün (SPD) befürchtet eine Ausbreitung des streng konservativen Islam in Deutschland.

Berlin - "Der Islam gehört zu Deutschland" hatte kürzlich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont. Doch diese Aussage ist vielen zu unpräzise. Man müsse differenzieren, finden sie. 

Die SPD-Politikerin Lale Akgün sagte, sie möchte bestimmte Ausrichtungen des Islam "hier nicht haben". Sie sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger" vom Freitag, Merkel sei sich hoffentlich der Tragweite ihrer Worte bewusst. Wenn sie den Satz ernst nehme, werde sie "den Islamverbänden alle Rechte zugestehen müssen, die heute die christlichen Kirchen in Deutschland genießen".

Die frühere Bundestagsabgeordnete warnte vor diesem Hintergrund vor der Ausbreitung eines streng konservativen Islam in Deutschland mit "muslimischen Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern". So wie die Islamverbände derzeit aufgestellt seien, geriete Deutschland "geradezu automatisch unter den Einfluss des politischen Islam", sagte Akgün, die in Istanbul geboren wurde. Die Türkei repräsentiere einen "Islam, den ich hier nicht haben möchte". Akgün plädierte für einen reformierten Islam und verwies auf eine große Zahl von liberalen Muslimen, die sich durch die Verbände nicht repräsentiert sähen.

Merkel hatte bei einem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu in Berlin kürzlich in Erinnerung an eine Äußerung des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) gesagt: "Der Islam gehört zu Deutschland - und das ist so, dieser Meinung bin ich auch." Später räumte sie ein, dass sich viele Menschen in Deutschland mit ihrer Aussage schwertäten.

Unions-Konservative sowie die AfD hatten ebenfalls Kritik an Merkels Aussage geübt, die CSU hatte das christliche Erbe Bayerns herausgestellt.

Bedford-Strohm: Nicht jede Ausprägung des Islam gehört zu Deutschland

Der Islam gehört aus Sicht des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, nicht uneingeschränkt zu Deutschland. „Man muss präziser werden“, forderte Bedford-Strohm am Freitag im Münchner Presseclub. „Ein fundamentalistischer Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber ein menschenrechtsverbundener Islam gehört zu Deutschland.“ Die Toleranz zwischen den Religionen ende dort, wo Menschenrechte verletzt werden.

Der Islam müsse darin gefördert werden, sich selbstkritisch und wissenschaftlich mit seinen Traditionen auseinanderzusetzen. „Es ist richtig, dass es islamisch-theologische Fakultäten gibt, die jetzt aufgebaut werden“, sagte Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist.

Gauland: Islam frühestens in 200 Jahren integriert

Die Abkehr von eigenen Traditionen ist nach Ansicht des AfD-Politikers Alexander Gauland ein Grund für die Sorge vieler Europäer vor wachsendem islamischen Einfluss. „Wir in Europa schätzen unsere Identität, unsere Tradition nicht mehr hoch, deshalb empfinden wir den Angriff einer starken fremden Macht als bedrohlich“, sagte der stellvertretende AfD-Vorsitzende dem Magazin „Focus“. Der Islam stehe „für den Versuch, eine Staatsordnung aufzubauen“, führte Gauland aus. In der islamischen Welt habe es nie eine Reformation gegeben, es gebe auch keine Trennung von Kirche und Staat.

Eine Integration „des Islam“ in die deutsche Gesellschaft sei derzeit kaum denkbar, sagte Gauland. „Ehe ich sagen kann „Der Islam gehört zu Deutschland“, werden noch 200 Jahre vergehen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte diesen Satz, den Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2010 geprägt hatte, kürzlich wiederholt und damit eine hitzige Debatte in der Union ausgelöst.

afp/dpa

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