Foreign Policy

Warum es höchste Zeit ist, sich auf Russlands Zusammenbruch vorzubereiten

Wladimir Putin auf der Rolltreppe - eine Aufnahme mit Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin
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Wladimir Putin auf der Rolltreppe - eine Aufnahme mit Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin

Könnte der Ukraine-Krieg Russlands Zusammenbruch provozieren? Diese Möglichkeit nicht einzuplanen, zeuge von gefährlichem Mangel an Vorstellungskraft, meint Alexander Motyl.

  • Droht Russland womöglich der Zusammenbruch? Diese These des US-Wissenschaftlers Alexander Motyl erregte im Januar einiges Aufsehen.
  • Wir dokumentieren Motyls Essay in voller Länge. Der Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 7. Januar 2023 das Magazin Foreign Policy.

New Brunswick – Seit Russlands Versuch, Kiew einzunehmen und eine Marionettenregierung zu installieren, in den ersten Tagen des Ukraine-Kriegs gescheitert ist, wird eine Niederlage des Kremls in der Ukraine immer wahrscheinlicher. Erstaunlich ist daher nach fast einem Jahr Krieg, dass unter Politikern, Entscheidungsträgern, Analysten und Journalisten so gut wie keine Diskussion über die Folgen einer Niederlage für Russland stattfindet. Das ist ein gefährlicher Mangel an Vorstellungskraft, wenn man bedenkt, wie groß das Potenzial für den Zusammenbruch und den Zerfall Russlands ist.

Tatsächlich steigert die Kombination aus gescheitertem Krieg im Ausland und brüchigem, überlastetem System im Inland die Wahrscheinlichkeit einer Implosion mit jedem Tag. Unabhängig davon, ob das für den Westen gut oder schlecht ist, sollten sich die politischen Entscheidungsträger auf dieses Ergebnis vorbereiten.

Russland vor dem Zusammenbruch? Mehrere Szenarien

Es gibt verschiedene Szenarien dafür, was in Russland passieren könnte, wenn die Niederlage in der Ukraine noch deutlicher wird. Am wahrscheinlichsten ist ein Rücktritt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, gefolgt von einem erbitterten Machtkampf mit folgenden Beteiligten: rechtsextreme Nationalisten, die den Krieg fortsetzen und die bestehende politische Hierarchie zerstören wollen, autoritäre Konservative, die am Erhalt des Systems interessiert sind, und eine wiederauflebende halbdemokratische Bewegung, die sich für die Beendigung des Krieges und die Reformierung Russlands einsetzt.

Wir wissen in diesem Szenario nicht, wer gewinnen wird, aber eins ist klar: Der Machtkampf wird das Regime schwächen und Russland von weiteren Kriegsanstrengungen ablenken. Ein geschwächtes Regime in Verbindung mit einer schlecht funktionierenden Wirtschaft wird wiederum Russen dazu veranlassen, auf die Straße zu gehen, vielleicht sogar mit Waffen. Einige der nicht-russischen politischen Einheiten, aus denen die Russische Föderation besteht, könnten sich ermutigt fühlen, eine größere Selbstverwaltung einzufordern. Dazu zählen Tatarstan, Baschkortostan, Tschetschenien, Dagestan und Sacha. Wenn Russland diese Turbulenzen überlebt, wird es wahrscheinlich zu einem schwachen Satellitenstaat Chinas. Überlebt es nicht, verändert sich die Karte Eurasiens maßgeblich.

Kriege als Gefahr für Staaten: Reiche Geschichten an Zusammenbrüchen

Angesichts der enormen Ausdehnung Russlands, der langen Geschichte unruhiger Regionen und der großen Zahl nicht-russischer Ethnien – alles ein Ergebnis jahrhundertelanger imperialer Eroberungen – ist der Zerfall der zentralisierten Kontrolle und das Auseinanderbrechen der Föderation ein Szenario, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Es gibt eine reiche Geschichte von Staatszusammenbrüchen nach Kriegen, Revolutionen, Systemzusammenbrüchen, Wirtschaftskrisen und anderen epochalen Ereignissen. Nach dem katastrophalen Marsch auf Moskau und der anschließenden Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig brach das Reich Napoleons zusammen. 1918 brachen das Osmanische Reich, das österreichisch-ungarische Reich, das Deutsche Reich und das Russische Reich durch militärische Niederlagen zusammen. Natürlich spielten Menschen, Entscheidungen und politische Maßnahmen eine Rolle, aber letztlich waren es der Krieg und die damit einhergehenden wirtschaftlichen und sozialen Krisen, die diese Staaten in politisches, oft auch gewaltgeprägtes Chaos stürzten.

Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks

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Der Krieg begann Ende Februar mit Angriffen Russlands auf zahlreiche Städte der Ukraine. Die Truppen aus Moskau nahmen frühzeitig auch Kiew, die Haupstadt des Landes, unter Raketenbeschuss. Eine der russischen Raketen wurde als Teil einer Ausstellung vor dem Nationalmuseum für Militärgeschichte platziert. Kurator Pavlo Netesov wollte nach eigener Aussage mit der Ausstellung der zerstörten Ausrüstung die Bewohnerinnen und Bewohner Kiews an die Straßenkämpfe erinnern, die in anderen Städte der Ukraine tobten, von denen die Hauptstadt aber verschont blieb. © Sergei Supinsky/afp
Wolodymyr Selenskyi in Donezk
Eine dieser Städte war Donezk. Im Mai 2022 besuchte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die einstige Millionenmetropole und hörte sich dort den Bericht von Frontsoldaten an. In Donezk tobt der Krieg zwischen Russland und der Ukraine bereits seit 2014. Seitdem herrscht dort ein von Moskau installiertes Regime, das sich selbst Volksrepublik Donezk nennt. Nach einigen vorübergehenden Waffenstillstandsabkommen ist die Stadt im Südosten nun wieder Ort erbitterterte Kämpfe. © Uncredited/dpa
Menschen suchen Deckung in Lyssytschansk
Es ist vor allem die Zivilbevölkerung, wie diese beiden Kinder und Seniorinnen in Lyssytschansk, die unter dem Ukraine-Krieg leiden. Die Großstadt liegt mitten im Donbass, die seit Kriegsausbruch am schwersten umkämpfte Region in der Ukraine. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht fliehen oder konnten, müssen nun regelmäßig Schutz vor Artilleriebeschuss suchen. © Aris Messinis/afp
Tschassiw Jar, Kleinstadt der Ukraine in der Nähe Lyssytschansk
Unweit von Lyssytschansk liegt die Kleinstadt Tschassiw Jar. Dort räumen Arbeiter die Trümmer eines Hauses von der Straße, das von einer russischen „Hurrikan“-Rakete getroffen wurde. Im Juli 2022 feierte Russland vor allem in der Donbass-Region militärische Erfolge. Zahlreiche Städte und Gemeinden wurden erobert. Die Truppen Wladimir Putins schienen die Ukraine im Sturm zu erobern. © Anatolii Stepanov/afp
brennendes Weizenfeld in der Region Saporischschja
Dieser Mann in Militäruniform ist in einem brennenden Weizenfeld in der Region Saporischschja, während russische Truppen Felder beschießen, um die örtlichen Landwirte an der Getreideernte zu hindern. Die Ukraine auszuhungern und die Ernte zu stehlen, war von Anfang an Teil der russischen Strategie © Uncredited/dpa
Das sechsmonatige Jubiläum im August war ein trauriger Abschnitt im russischen Angriffs-Krieg
Das sechsmonatige Jubiläum des UKraine-Kriegs im August war ein trauriger Abschnitt der russischen Invasion. Doch die ukrainischen Streitkräfte leisteten mit Herz und allen Mitteln weiter Widerstand und feierten ihre Nation, wie hier mit Drohne und ukrainischer Flagge über dem „Monument des Mutterlands“ in Kiew. © Dimitar Dilkoff/afp
Hier wurde im September in der Stadt Kupiansk in der Kharkiv Region eine Brücke bombadiert
Im September begannen die Truppen Wladimir Putins, die Infrastruktur der ukrainischen Städte unter Beschuss zu nehmen. In der Stadt Kupiansk in der Region Kharkiw bombardierte Moskau eine Brücke. An vielen anderen Städten versuchten die russischen Streitkräfte, die Energieversorgung zu stören. © Yasuyoshi Chiba/afp
Statt eines kurzen Angriffskriegs, den der russische Präsident Wladimir Putin geplant hatte, dauert der Krieg immer noch an.
Weil die Erfolge in der Ukraine ausblieben, benötigten die russischen Truppen immer mehr Rekruten für die Front. Präsident Wladimir Putin verkündete deshalb eine Teilmobilisierung im eigenen Land. Tausende junger Männer mussten sich wie dieser Mann in der Stadt Kineschma von ihren Müttern verabschieden und in den Ukraine-Krieg ziehen. © Vladimir Smirnov/imago
Hier sieht man Putin bei einer Ansprache auf einem großen Screen auf dem Roten Platz anlässlich der Annexion von vier Regionen der Ukraine, die von russischen Truppen im September besetzt waren
Im Osten der Ukraine schuf Wladimir Putin Ende September Tatsachen. Vier Regionen des Landes, die zuvor ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, wurden annektiert. Anlässlich der Gebietsgewinne richtete sich Putin in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung Russlands. Zumindest auf dem Roten Platz in Moskau wurde Putins Rede frenetisch bejubelt. © Alexander Nemenov/afp
Nach der Explosion eines Lastwagens in der Nähe von Kertsch am 8. Oktober 2022 steigt schwarzer Rauch aus einem Feuer auf der Brücke von Kertsch auf
Nach der Explosion eines Lastwagens in der Nähe von Kertsch am 8. Oktober 2022 steigt schwarzer Rauch aus einem Feuer auf der Brücke von Kertsch auf. Sie ist die einzige Landverbindung zwischen Russland und der annektierten Krim-Halbinsel. Russland versprach, die Täter zu finden, ohne die Ukraine sofort zu beschuldigen. © Uncredited/afp
Ukrainische Artilleristen feuern eine 152-mm-Schleppgeschütz-Haubitze (D20) auf eine Stellung an der Frontlinie in der Nähe der Stadt Bakhmut in der ostukrainischen Region Donezk Ende Oktober während des russischen Einmarsches in die Ukraine
Ebenfalls im Oktober gelingt es der Ukraine, an vielen Frontabschnitten vorzurücken. Das gelingt den Streitkräften vor allem dank der Unterstützung aus dem Westen, die immer mehr schweres Gerät in den Konflikt liefert. Hier feuern ukrainische Artilleristen eine 152-mm-Schleppgeschütz-Haubitze (D20) auf eine Stellung an der Frontlinie in der Nähe der Stadt Bakhmut in der ostukrainischen Region Donezk ab. © Dimitar Dilkoff/afp
Ein Einwohner von Cherson hebt seinen Daumen zur Unterstützung der Ukraine auf dem Hauptplatz der Stadt nach der Befreiung von den russischen Besatzern
Mitte November gelingt den ukrainischen Truppen ein großer Erfolg. Sie können die Hafenstadt Cherson im Südosten des Landes zurückerobern. Die Millionenmetropole besitzt neben hohem strategischem auch symbolischen Wert im Kampf gegen Russland. Ein Bewohner feiert die Befreieung mit erhobenem Daumen im Zentrum der Stadt. © Celestino Arce Lavin/dpa
An diesem Tag hielt die Welt den Atem an: Eine Luftaufnahme zeigt den Ort, an dem am 15. November 2022 zwei Männer im ostpolnischen Dorf Przewodow, nahe der Grenze zur kriegszerstörten Ukraine, durch einen Raketeneinschlag getötet wurden
An diesem Tag hielt die Welt den Atem an: Eine Luftaufnahme zeigt den Ort, an dem am 15. November 2022 zwei Männer im ostpolnischen Dorf Przewodow, nahe der Grenze zur kriegszerstörten Ukraine, durch einen Raketeneinschlag getötet wurden. Russland attackierte die Ukraine mit einem massiven Angriff auf die zivile Infrastruktur, wodurch Millionen von Haushalten ohne Strom blieben. Unmittelbar nach dem Vorfall gab es Befürchtungen, dass es sich um eine neue Eskalation des Konflikts handeln könnte, doch am 16. November 2022 gab Polen bekannt, dass das Geschoss wahrscheinlich von der ukrainischen Luftabwehr stammte. Diese Theorie wurde dann auch von Washington bestätigt. © Wojtek Radwanski/Damien Simonart/afp
ein Werk des britischen Straßenkünstlers Banksy auf einer mit Schnee bedeckten Panzerabwehrkonstruktion
Auch Banksy besuchte die Ukraine inmitten des Krieges. Ein am 17. November 2022 aufgenommenes Foto zeigt ein Werk des britischen Straßenkünstlers auf einer mit Schnee bedeckten Panzerabwehrkonstruktion auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Ukraine sich auf einen Winter des Krieges einstellen wird müssen. © Sergei Supinsky/afp
Dmitri Schewtschenko, Mitarbeiter von Rosenergoatom, inspiziert einen Tank mit destilliertem Wasser, um den Betrieb des vierten Blocks des Kernkraftwerks Saporischschja zu gewährleisten
Weitere harte Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur. Sogar Kernkraftwerke werden zum Ziel russischer Raketen. Dmitri Schewtschenko, Mitarbeiter von Rosenergoatom, inspiziert einen Tank mit destilliertem Wasser, um den Betrieb des vierten Blocks des Kernkraftwerks Saporischschja zu gewährleisten, der durch Beschuss im Zuge der russischen Militäroperation in der Ukraine in Enerhodar beschädigt wurde. © Alexey Kudenko/imago
Eine Frau spielt Gitarre in einer Kneipe während eines Stromausfalls in Lemberg am 2. Dezember 2022
Kleine Momente des Glücks im Wahnsinn des Krieges: Eine Frau spielt Gitarre in einer Kneipe während eines Stromausfalls in Lemberg am 2. Dezember 2022, als die Stadt nach den jüngsten massiven russischen Luftangriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur von einem geplanten Stromausfall betroffen ist. © Yuriy Dyachyshyn/afp
Hier trifft sie auf den Heiligen Mykola (Heiliger Nikolaus) am 19. Dezember 2022 in Cherson, inmitten der russischen Invasion in der Ukraine
Für einen Augenblick darf dieses Mädchen einfach Kind sein. Hier trifft sie auf den Heiligen Mykola (Heiliger Nikolaus) am 19. Dezember 2022 in Cherson, inmitten der russischen Invasion in der Ukraine © Dimitar Dilkoff/afp

Denken Sie auch an die Auflösung der Sowjetunion. Dieses Ergebnis, hatten sich nur wenige Russen gewünscht oder auch nur vorgestellt, als Michail Gorbatschow 1985 als Vorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion die Macht übernahm. Noch Anfang 1991 stimmte eine Mehrheit der Sowjetbürger in einem Referendum für den Erhalt ihres Landes. Es stimmt, dass alle Republiken, einschließlich Russlands, 1990 ihre Souveränität erklärten, und alle, mit Ausnahme Russlands, erklärten nach dem gescheiterten Hardliner-Putsch von 1991 ihre volle Unabhängigkeit.

Das System brach jedoch vor allem deshalb zusammen, weil Gorbatschow beschloss, die Sowjetunion zu verjüngen, indem er ihre zentralen Merkmale, den Totalitarismus und die zentrale Planung, abschaffte und damit politische, soziale und wirtschaftliche Kräfte in Gang setzte, die die meisten Republiken schließlich dazu zwangen, vor dem Chaos in Autonomie und Unabhängigkeit Zuflucht zu suchen. Es war die Perestroika – Gorbatschows charakteristische Politik der wirtschaftlichen und politischen Umstrukturierung – die die Sowjetunion ungewollt zu Fall brachte.

Putins Russland ist fragiler, als es die Prahlerei vermuten lässt

Wenn das heutige Russland in die Fußstapfen dieser Länder tritt und zusammenbricht, hat das wenig mit dem Willen der russischen Elite oder der westlichen Politik zu tun. Es sind größere strukturelle Kräfte am Werk. Putins Russland leidet unter einer Reihe von sich gegenseitig verstärkenden Spannungen, die einen Staat hervorgebracht haben, der weitaus fragiler ist, als seine Prahlerei vermuten lässt.

Dazu gehören die militärische, moralische und wirtschaftliche Niederlage im Ukraine-Krieg, aber auch die Brüchigkeit und Ineffektivität von Putins hyperzentralisiertem politischem System, der Zusammenbruch seines Macho-Persönlichkeitskults angesichts von Niederlagen, Krankheit und sichtbarem Alter, die grobe Misswirtschaft der russischen Petrostaat-Wirtschaft, die ungehemmte Korruption, die alle Gesellschaftsschichten durchdringt, und die enormen ethnischen und regionalen Spaltungen im letzten unbelehrbaren Imperium der Welt. Auch wenn heute nur wenige die Auflösung Russlands wünschen, ist es nicht allzu schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem die wachsende politische, wirtschaftliche und soziale Instabilität die einzelnen Einheiten Russlands irgendwann dazu zwingen wird, sich in die Unabhängigkeit zu begeben.

Russland und Putin geschwächt – ein Funke könnte genügen

Als der ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanow Anfang Januar seinen Geburtstag mit einer Geburtstagstorte feierte, auf der Russland in mehreren Stücken abgebildet war, handelte es sich natürlich um eine unübersehbare Provokation. Aber die Idee, die hinter dem Bild auf dem Zuckerguss steckt, scheint gar nicht so abwegig zu sein.

Unter den heutigen Bedingungen reicht möglicherweise schon ein kleiner Auslöser, um das System zum Zusammenbruch zu bringen. Ein gescheiterter Krieg mit der Ukraine, der die Schwäche Putins und seines Staates offenbaren würde, könnte sehr wohl der Funke sein, der das ausgefranste Gebälk der russischen Institutionen in Brand setzt. Natürlich sind Funken unberechenbar, und Russland könnte die derzeitige Krise überstehen und in seiner jetzigen Form überleben, sei es unter Putin oder einem Nachfolger. Aber selbst wenn dies der Fall ist, wird das Land als Staat stark geschwächt sein, und alle strukturellen Spannungen bleiben bestehen. Putin könnte sogar genau darauf bauen. In seiner Neujahrsansprache 2023 wies er darauf hin, welche potenzielle Bedrohung der Krieg für die Unabhängigkeit Russlands bedeuten könnte – etwas, das er bisher noch nie gesagt hat.

Die Geschichte lehrt uns, dass der Zusammenbruch eines Imperiums zwar oft chaotisch für die zusammenbrechenden Länder ist, das Ergebnis aber nicht immer schlecht für ihre Nachbarn oder den Rest der Welt ist.

Alexander J. Motyl

Aber wenn der Funke zündet: Würde ein wahrscheinlicher russischer Zusammenbruch zwangsläufig destabilisierend und gewalttätig sein, vielleicht bis hin zum Bürgerkrieg? Die Historikerin Marlene Laruelle, Direktorin des Instituts für europäische, russische und eurasische Studien an der George Washington University, ist davon überzeugt. „Ein Zusammenbruch würde mehrere Bürgerkriege nach sich ziehen“, sagt sie, da „neue Zwergstaaten miteinander um Grenzen und Wirtschaftsgüter kämpfen würden“. In der Zwischenzeit würden die Moskauer Eliten „mit Gewalt auf jede Sezessionsbestrebung reagieren“.

In ähnlicher Weise argumentiert der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger, dass „die Auflösung Russlands oder die Zerstörung seiner Fähigkeit zur strategischen Politik sein elf Zeitzonen umfassendes Territorium in ein umkämpftes Vakuum verwandeln könnte“. Russische Gruppen könnten sich gegenseitig bekämpfen und Gewalt anwenden, während externe Mächte versuchen könnten, ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. „All diese Gefahren würden durch die Tausenden von Atomwaffen noch verstärkt“, schreibt Kissinger. Am besten sei es, Russland nicht „durch den Krieg ohnmächtig zu machen“, sondern es in einen „Friedensprozess“ einzubinden, dessen Einzelheiten und Durchsetzbarkeit noch unklar sind.

Russland im Ukraine-Krieg: Untergang von Imperien war nicht immer negativ

Laruelles und Kissingers Prophezeiungen sind Worst-Case-Szenarien, die mit sehr viel Vorsicht zu genießen sind. Die Geschichte lehrt uns, dass der Zusammenbruch eines Imperiums zwar oft chaotisch für die zusammenbrechenden Länder ist, das Ergebnis aber nicht immer schlecht für ihre Nachbarn oder den Rest der Welt ist. Der Untergang Napoleons leitete eine Ära des relativen Friedens in Europa ein. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns kam es zunächst zu Kämpfen, auch zwischen Polen und Ukrainern, doch die Lage stabilisierte sich nach einigen Jahren. Selbst der Zusammenbruch der Sowjetunion verlief bemerkenswert friedlich – höchstwahrscheinlich, weil die neuen unabhängigen ehemaligen Sowjetrepubliken und die neuen souveränen europäischen Satellitenstaaten alle anerkannte Grenzen, funktionierende Verwaltungen und eigene Eliten hatten, die bereit waren, Staaten aufzubauen.

Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches führte zu schrecklichen Kämpfen zwischen Türken und Griechen, der Zusammenbruch des Russischen Reiches führte zu Konflikten von der Ostsee bis zum Pazifik, und der Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Jahr 1918 führte wohl direkt zum Zweiten Weltkrieg.

Welcher dieser Wege könnte bei einem Zusammenbruch Russlands eingeschlagen werden? Niemand – Laruelle und Kissinger eingeschlossen – weiß das, und die Geschichte der Imperien zeigt, dass sowohl relativ friedliche Übergänge als auch gewaltsame Auseinandersetzungen möglich sind.

Putin und der Westen können nicht viel tun: Russlands wahrscheinliches Drama entfaltet sich bereits

Pessimisten verweisen auf die Wahrscheinlichkeit, dass ein Rumpf-Russland Kriege mit allen abtrünnigen Staaten führen würde. Optimisten würden entgegnen, dass die russischen Streitkräfte nach einer Niederlage in der Ukraine geschwächt und nicht in der Lage sein werden, an mehreren Fronten zu kämpfen. Pessimisten könnten argumentieren, dass neue nicht-russische Staaten im Nordkaukasus oder anderswo sich gegenseitig bekämpfen würden – während Optimisten sagen würden, dass die nicht-russischen Länder über administrative Grenzen, bestehende regionale Regierungen und reichliche wirtschaftliche Ressourcen (die jetzt von Moskau abgezogen werden) verfügen, die es ihnen ermöglichen würden, Konflikte mit ihren Nachbarn zu vermeiden. Optimisten könnten sagen, dass es im Vergleich zu dem völkermörderischen Krieg, den Russland führt, nicht schlimmer werden kann. Pessimisten würden entgegnen, dass es noch viel schlimmer kommen könnte, und verweisen auf Russlands Atomwaffenarsenal. Der einzige Punkt, in dem sich Pessimisten und Optimisten einig sind, ist, dass ein Rumpf-Russland ein wahrscheinlicher Kandidat für einen Bürgerkrieg wäre, nicht zuletzt wegen der Existenz großer und gut bewaffneter Privatarmeen.

Unterm Strich ist es unerheblich, ob man Optimist oder Pessimist ist – wir können nur beobachten, wie sich das Drama des wahrscheinlichen Zusammenbruchs Russlands entfaltet. Weder die westliche Politik noch Putin selbst können viel tun, um diese Entwicklung aufzuhalten. Das liegt daran, dass Russland bereits von tief verwurzelten institutionellen Krisen heimgesucht wird, die durch den Mann, der Russland brüchig und instabil gemacht und den wahrscheinlichen Funken für seinen Untergang gelegt hat, noch verschärft wurden: Putin.

Putins Imperium vor dem Ende? Russlands Nachbarn wären der Schlüssel zum Frieden

Das heißt aber nicht, dass der Westen dem Niedergang Russlands tatenlos zusehen sollte. Es ist unerlässlich, sich auf einen möglichen Zerfall vorzubereiten. Laruelles und Kissingers unwahrscheinliche Worst-Case-Szenarien sollen die politischen Entscheidungsträger dazu bringen, das Beste zu hoffen, das Schlimmste zu erwarten, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich auf Eventualitäten vorzubereiten. Sie sollten es vermeiden, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, wie etwa den Versuch, einer offensichtlich sterbenden Sowjetunion zum Überleben zu verhelfen und den Bedürfnissen Russlands Vorrang vor denen seiner Nachbarn einzuräumen.

Die Länder an Russlands Grenzen – von den baltischen Staaten bis nach Zentralasien – werden, wenn es ihnen gelingt, stabil zu bleiben und eine Art Sperrgürtel zu bilden, der Schlüssel zur Eindämmung jeglicher Instabilität innerhalb Russlands sein. Sie werden auch eine Schlüsselrolle dabei spielen, den neuen unabhängigen Nachfolgestaaten der Russischen Föderation zu helfen, sich zu stabilisieren und sich gemäßigt zu verhalten. So gesehen ist die anhaltend starke Unterstützung des Westens für die Ukraine – und schließlich für ein freies Belarus und Schlüsselländer wie Kasachstan – die beste Garantie dafür, dass die Nachbeben minimiert werden, wenn Putins Imperium zu Ende geht.

Von Alexander J. Motyl

Alexander J. Motyl ist Professor für Politikwissenschaft an der Rutgers University Newark.

Dieser Artikel war zuerst am 7. Januar 2023 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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