Neue Studie zur Wahl

Analyse zur Landtagswahl: Wie die Wählerwanderung Bayern umkrempelte

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Die Grafik zeigt die Wählerwanderungen der Bundestagswahl 2017 im Vergleich zur Landtagswahl in Bayern 2018.

Wie wurden die Grünen die Gewinner der Landtagswahl? Welche entscheidende Rolle haben Nichtwähler gespielt? Die Analyse der Wählerwanderung zeigt erstaunliche Hintergründe zur Wahl. 

München - Fast die Hälfte der SPD-Wähler wanderten bei der Landtagswahl in Bayern zu den Grünen ab. Dagegen konnte die CSU Stimmen von der AfD gewinnen. Zu diesen und noch mehr spannenden Erkenntnissen ist die „Universitätsstudie Bayernwahl 18“ (USBW 18) der Ludwigs-Maximillians-Universität München, der Universität Passau und der Universität Regensburg gekommen. 

Dafür haben die Forscher die Daten der aktuellen Wahl mit denen früherer Wahlen verglichen, um so die Wählerwanderungen zu veranschaulichen. Die vorläufigen Erkenntnisse der Studie zeigen, was hinter dem Ergebnis der Landtagswahl in Bayern 2018 steckt.

Landtagswahl in Bayern 2018: Grüne und Freie Wähler profitieren von der Wählerwanderung

Vor allem die Grünen profitieren laut der „USBW 18“-Studie von der Wählerwanderung. Besonders vorherige CSU- und SPD-Wähler haben sich bei der Landtagswahl 2018 in Bayern für diese Partei entschieden. Außerdem gelang es der Studie zufolge den Grünen, viele Nichtwähler zu mobilisieren. Die Partei erlangte bei der Wahl 17,2 Prozent und wurde so zweitstärkste Kraft im bayerischen Landtag.

Profitiert haben auch die Freien Wähler. Sie konnten Stimmen von Wählern erlangen, die bei der Landtagswahl 2013 die CSU, die SPD oder die FDP gewählt haben. Dadurch wurden die Freien Wähler drittstärkste Kraft im Landtag und verhandeln derzeit mit der CSU über eine Regierungskoalition.

Hier wird die Wählerwanderung bei der Landtagswahl in Bayern 2018 im Vergleich zur Landtagswahl 2013 grafisch dargestellt.

CSU und SPD verlieren durch Wählerwanderung bei der Landtagswahl in Bayern

Größter Verlierer der Landtagswahl 2018 war laut der Studie die SPD. Besonders an die Grünen haben die Sozialdemokraten einen Großteil der Stimmen verloren: Über 200.000 Wähler sind zu den Grünen abgewandert. Aber auch zu den Freien Wählern, der CSU und der Linken sind viele Wähler übergelaufen. „Die sozialdemokratische Partei erscheint im freien Fall“, heißt es in der Studie.

Die CSU verlor mit rund 300.000 Stimmen die meisten Wähler an die AfD. Auch zu den Grünen und den Freien Wählern liefen frühere CSU-Wähler bei der Landtagswahl 2018 über. Diese hohe Abwanderung konnte die CSU laut der „USBW 18“-Studie allerdings durch die Mobilisierung von Nichtwählern etwas dämpfen. So gewann die Partei rund 200.000 zusätzliche Stimmen.

Wählerwanderung bei der Landtagswahl in Bayern 2018 im Vergleich zur Bundestagswahl 2017

Die Studie untersucht außerdem die Wählerwanderung von der Bundestagswahl 2017 zur Landtagswahl in Bayern 2018. „Dieser Vergleich ist noch einmal besonders interessant“, sagt Prof. Dr. Helmut Küchenhoff, Leiter des Statistischen Beratungslabors der LMU München. Gegenüber ähnlichen Studien, die sich mit der Wählerwanderung beschäftigen, stelle dies nämlich eine Neuheit dar.

Wird die Landtagswahl 2018 mit den Ergebnissen der Bundestagswahl 2017 verglichen, hat laut der „USBW 18“-Studie die CSU weniger Stimmen verloren. Im Vergleich zur Bundestagswahl sind die vorherigen CSU-Wähler zu den Freien Wähler und zu den Grünen abgewandert. Außerdem haben rund 200.000 vorherige CSU-Wähler bei der Landtagswahl 2018 im Vergleich zur Bundestagswahl nicht gewählt. Dahingegen hat laut der Studie die CSU rund 80.000 Stimmen von der AfD gewinnen können

Die Grafik zeigt die Wählerwanderungen der Bundestagswahl 2017 im Vergleich zur Landtagswahl in Bayern 2018.

Die AfD hat ihr Ergebnis der Bundestagswahl von 12,6 Prozent im Vergleich zur Landtagswahl 2018 nicht halten können. Obwohl zudem vor allem der Absturz der SPD nach der Landtagswahl diskutiert wird, wie Merkur.de* berichtet, zeigt sich in den Ergebnissen der „USBW 18“-Studie, dass die Linke und die FDP prozentual gesehen im Vergleich zu ihren Ergebnissen bei der Bundestagswahl tatsächlich mehr Wähler verloren haben.

Die Wählerwanderungen in München, Regensburg und Passau im Detail

Zusätzlich zu der bayernweiten Befragung führten die Forscher der „USBW 18“-Studie auch detaillierte Befragungen in den drei Städten München, Regensburg und Passau durch. Dabei wurden die Wähler beim Verlassen des Wahllokals gebeten, an der Befragung teilzunehmen. Die Auswahl der Städte ergab sich aus der Kooperation der drei Universitäten in München, Passau und Regensburg. 

Die zehn untersuchten Stimmbezirke in Regensburg und Passau wurden per Zufall ausgewählt. Die 16 Stimmbezirke, die in München ausgewertet wurden, sind dieselben wie die bereits 2013 untersuchten Stimmbezirke. So möchte die Studie auch den zeitlichen Verlauf von Wählerwanderungen festhalten. In München und Passau nahmen jeweils rund 60 Prozent der Befragten teil, in Regensburg rund 70 Prozent.

Die Wählerwanderung in München bei der Landtagswahl in Bayern 2018

Besonders in München profitierten die Grünen von den Wählerwanderungen. Laut der „USBW 18“-Studie kommen fast die Hälfte aller Grün-Wähler von der SPD. Generell weise München seit längeren ein deutlich anderes Wahlverhalten auf als die ländlichen Gebiete, was bisher der SPD zugute gekommen sei. Mit der Landtagswahl 2018 haben sich die politischen Kräfte jedoch verschoben. „Die Grünen lösen die SPD als urbane Opposition ab“, heißt es in der Studie. Mit Siegen der Direktkandidaten in fünf von neun Münchner Stimmkreise setzten sich die Grünen in München durch, wieMerkur.de* berichtet.

Die Grafik zeigt die Wählerwanderung in München bei der Landtagswahl in Bayern 2018 im Vergleich zur Landtagswahl 2013.

Die CSU hat im Vergleich zur Landtagswahl 2013 auch in München vor allem an die Grünen und an die AfD Stimmen verloren. Im Kontext der Bundestagswahl sieht dies allerdings anders aus. Zwar wanderten ebenfalls viele CSU-Wähler zu den Grünen ab, dennoch konnte die CSU in diesem Kontext Stimmen von der AfD gewinnen. 

Landtagswahl in Bayern 2018: Die Wählerwanderung in Passau

In Passau konnten die Grünen auf ihre Stammwähler zählen: Rund 74 Prozent wählten nach der Landtagswahl 2013 erneut diese Partei. Außerdem konnten die Grünen Stimmen von allen anderen Parteien außer der AfD gewinnen. 

Die Grafik zeigt die Wählerwanderung in Passau bei der Landtagswahl in Bayern 2018 im Vergleich zur Landtagswahl 2013.

Die AfD konnte dafür im Vergleich zur Landtagswahl 2013 die meisten Nichtwähler mobilisieren. Sie profitierte außerdem ebenfalls von ihren Stammwählern. Rund 70 Prozent, die bei der Bundestagswahl 2017 die AfD gewählt haben, entschieden sich auch bei der Landtagswahl 2018 für diese Partei. Auf ihre Stammwähler zählen konnte dagegen mit rund 67 Prozent ansonsten nur die CSU - die SPD, FDP und die Linke verloren im Vergleich mit der Bundestagswahl Stimmen an die anderen Parteien.

Die Wählerwanderung in Regensburg zur Landtagswahl in Bayern im Detail

Obwohl die CSU zwar an fast alle Parteien Wähler verloren hat - vor allem an die Grünen und an die AfD - konnte die CSU dennoch Stimmen von der FDP und den Freien Wählern gewinnen. Außerdem gelang es der Partei laut der „USBW 18“-Studie mit 16,5 Prozent, Nichtwähler „in einem beachtlichen Ausmaß“ zu mobilisieren.

Großer Gewinner der Wählerwanderung sind auch in Regensburg die Grünen. Vor allem von der SPD, der FDP, der Linken und den Freien Wählern konnte die Partei Stimmen gewinnen. Auch in Regensburg konnten sich die Grünen zudem auf ihre Stammwähler stützen: Rund 77 Prozent haben diese Partei bereits bei der Landtagswahl 2013 gewählt. 

Die Grafik zeigt die Wählerwanderung in Regensburg bei der Landtagswahl in Bayern 2018 im Vergleich zur Landtagswahl 2013.

Auch die AfD konnte im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 einen Großteil ihrer Wähler halten. Verloren haben dagegen erneut die SPD, die FDP und die Linke. Zum Beispiel haben nur 36 Prozent der Wähler, die bei der Bundestagswahl 2017 die SPD gewählt haben, bei der Landtagswahl 2018 wieder die Sozialdemokraten gewählt. Die Freien Wähler konnten dagegen die Hälfte ihrer Stammwähler mobilisieren.

„USBW 18“-Studie zur Landtagswahl in Bayern 2018: Endgültiges Ergebnis in sechs Monaten

An der Studie des Lehrforschungsprojekts „Universitätsstudie Bayernwahl 18“ nahmen bisher rund 18.000 Menschen in ganz Bayern teil. Sie wurden vor und nach der Wahl entweder per Fragebogen und Telefon befragt.

Bei den bisher veröffentlichten Daten der Studie handelt es sich alleridngs zunächst um vorläufige Ergebnisse. Die endgültigen Ergebnisse der Studie erwartet Prof. Dr. Helmut Küchenhoff in den nächsten sechs Monaten. „Da es sich um ein Lehrforschungsprojekt handelt, fangen wir gerade mit einem zugehörigen Seminar an“, sagt er. 

Mithilfe von Studenten werden so noch weitere Daten ausgewertet. Zum Beispiel kommen noch Daten aus Gemeinden in den Regionen Oberpfalz und Niederbayern hinzu. Außerdem werden die Ergebnisse einer bayernweiten Online-Nachwahlbefragung, die noch bis voraussichtlich Sonntag, 28. Oktober, läuft, und die Frage, welche Gründe die Wählerwanderungen haben, untersucht. Wie genau die einzelnen Stimmkreise in Bayern gewählt haben, können Sie auf Merkur.de* nachlesen.

Studie zur Landtagswahl in Bayern 2018: Verzerrungen bei den Ergebnissen sind möglich

Bezüglich der vorläufigen Studienergebnisse ist zu beachten, dass es bei der statistischen Erhebung von Daten auch zu Verzerrungen kommen kann. Gründe hierfür seien zum Beispiel die Teilnahmeverweigerung von Wählern, falsche Angaben und das Fehlen der Briefwähler. Außerdem könne auch die zufällig getroffene Auswahl der Stimmbezirke das Ergebnis beeinflussen.

Auch dass die Befragungen jeweils vor und nach der Wahl durchgeführt wurden, bringt laut Prof. Dr. Küchenhoff Probleme mit sich. „Vor der Wahl sind viele Wähler noch unentschlossen, nach der Wahl kennen die Leute das Ergebnis und passen ihre Antworten möglicherweise daran an“, erklärt er. Trotzdem findet er es bemerkenswert, dass die Ergebnisse der Studie mit den amtlichen Wahlergebnissen so gut zusammenpassen.

Wer Interesse an den Details der Studie hat, findet ein PDF mit den ersten Forschungsergebnissen im Detail auf der Internetseite des Statistischen Beratungslabors der LMU München.

In wenigen Tagen findet außerdem die Landtagswahl in Hessen statt. Auch dort werden laut aktuellen Umfragen zur Wahl Abstürze von der CDU und der SPD erwartet.

sch

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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