Ex-Grüne rügt Baerbock

„Hart aber fair“ blickt in den Russland-Graben: Sind Ostdeutsche demokratiefeindlich oder besonders sensibel?

Zu Gast bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“: v.l.n.r. Antje Hermenau (Politikberaterin), Henry Maske (ehem. Boxweltmeister) und Jessy Wellmer (Journalistin).
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Zu Gast bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“: v.l.n.r. Antje Hermenau (Politikberaterin), Henry Maske (ehem. Boxweltmeister) und Jessy Wellmer (Journalistin).

Harter Wessi-Vorwurf bei „Hart aber fair“ – Publizist Fücks: „Warum kommt von Ostdeutschen so wenig Wertschätzung für Demokratie und Freiheit?“

Berlin – Warum Ost- und Westdeutsche den Krieg in der Ukraine unterschiedlich beurteilen – auf diese zentrale Frage der „Hart aber fair“-Ausgabe vom Montag hat der Historiker Stefan Creuzberger eine Antwort auf historischer Basis. Verlierer der Wiedervereinigung betrachteten die historische Freundschaft mit der Sowjetunion anders und hätten auch einen anderen Blick auf das heutige Russland als jene, die selbst einen Nutzen aus der Deutschen Einheit zogen. Anlass für den Publizisten Ralf Fücks, den „Ossis“ einen pauschalen Vorwurf zu machen. „Warum kommt von Ostdeutschen so wenig Wertschätzung für Demokratie und Freiheit, für die sie 1989 auf die Straße gegangen sind? Viele im Osten haben doch die Freiheiten für sich genutzt.“

Das Pauschalurteil lässt die ostdeutsche Politikberaterin Antje Hermenau nicht auf ihren Landleuten sitzen. Sie stellt klar, dass es gerade im Osten ein feines Gespür dafür gebe, wann der gesellschaftliche Zusammenhalt auf dem Spiel steht. Etwa durch gefährliche Äußerungen seitens der Politik. „Woher kommt denn dieser abgrundtiefe Hass?“, fragt Hermenau. Wenn die grüne Außenministerin Annalena Baerbock „Wir werden Russland zerstören“ sage, müsse man doch hellhörig werden. Auch die Russen seien eben nicht „100 Prozent nur Teufel“. „Ich kann nicht ein ganzes Volk in Sippenhaft nehmen.“ Schon aus eigenem Interesse müsse Deutschland die Sanktionen überdenken, weil „wir uns hier ins Knie schießen“.

Mit Indien, China und anderen Ländern formiere sich eine starke Allianz gegen den Westen, „die uns Schwierigkeiten bereiten wird“. Auch für diese Gefahr hätten Ostdeutsche eine Antenne, denn „die haben in den Neunzigern schon mal eine De-Industrialisierung durchgemacht. Die haben da einen gewissen Erfahrungsvorsprung.“

Antje Hermenau (Politikberaterin; Buchautorin „Ansichten aus der Mitte Europas: Wie Sachsen die Welt sehen“) zu Gast bei „Hart aber fair“.

„Hart aber fair“: Diese Gäste diskutierten mit Frank Plasberg:

  • Prof. Stefan Creuzberger (Historiker)
  • Ralf Fücks (Publizist)
  • Antje Hermenau (Politikberaterin)
  • Henry Maske (Ehemaliger Boxprofi)
  • Jessy Wellmer (ARD-Journalistin, Film „Russland, Putin und wir Ostdeutsche“)

Ex-Boxweltmeister Henry Maske erinnert sich, wie er als kleiner Junge erstmals in Kontakt mit russischen Soldaten kam, die Tomaten pflückten. Sie hätten ihn freundlich „in ihren Kreis aufgenommen und mir Weißbrot gegeben“. Mit der Anekdote appelliert er an die Zuhörerschaft, die menschliche Seite nicht zu vergessen. „Es gibt keinen Krieg, der erklärbar ist und der begründbar ist“, sagt Maske.

Journalistin Jessy Wellmer, deren Dokumentarfilm direkt vor der Talkrunde gezeigt wurde, sieht hingegen einen Riss in der Gesellschaft und in den Familien. Sie hat festgestellt: „Je älter die Befragten, desto russlandfreundlicher“ seien sie. Einige würden sogar die Online-Seite des russischen Außenministeriums aufrufen. „Dieses Internet“ sei allerdings weniger verbindend als auf Disput ausgerichtet. „Haben wir was falsch gemacht?“, fragt Moderator Frank Plasberg besorgt, doch Wellmer winkt ab: „Viele gucken diese Talkshows gar nicht mehr. Wir müssen uns alle mehr bewegen, auch in meiner Generation. Das wächst sich nicht von alleine raus.“

„Hart aber fair“: Warum gibt es Unterschiede zwischen Ost und West? Maske weist These zurück

Maske gibt zu bedenken, dass es in Deutschland zwischen Ost und West noch immer eklatante Unterschiede gebe. Weniger Gehalt, weniger Vermögen, der Osten sei auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer nicht gleichgestellt. Fücks erklärt das mit durchweg geringerer Produktivität. Die Firmen im Osten seien nicht so leistungsstark wie im Westen.

Hermenau schüttelt den Kopf: „Nee, stimmt nicht.“ Und Maske geht noch einen Schritt weiter. Auch das Verhältnis zu den USA müsse man überdenken. Der Amerikaner sei den Westdeutschen immer „als großer Partner“ dargestellt worden, „und am Ende ist er es vielleicht doch nicht“. Hermenau erinnert daran, dass auch Wladimir Putin anfangs versucht habe, „Russland mit Europa zusammenzubringen“.

Creuzberger beklagt einen Mangel an Solidarität. „Was triggert das Verhalten der Leute?“, fragt er. Auf die strukturschwachen Gebiete hätte man mehr Rücksicht nehmen müssen. Und bei der Wiedervereinigung sei es Michail Gorbatschow gewesen, „dem wir sehr viel zu verdanken haben“. Maske wirft mit süffisantem Unterton ein: „Wo ist der her?“. Creuzberger antwortet irritiert: „Aus der Sowjetunion“. Maske lacht: „Na, der Russe war doch wohl nicht so schlecht.“ Creuzberger fährt fort: „Um Himmels willen, darum geht es doch gar nicht.“ Es gehe um drei große Persönlichkeiten: George Bush Senior, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. „Das sind die drei entscheidenden Figuren mit Blick auf die Deutsche Einheit. „Absolut“, sagt Maske. Und eben auch ein Gorbatschow habe „der ganzen Welt ausgesprochen gutgetan.“

Ukraine-Krieg und die Folgen: „Situation, die in Berlin offenbar noch nicht so ganz angekommen ist“

Hermenau, die jüngst in Grimma auf einer Handwerker-Demonstration gegen die Energiepolitik der Regierung sprach, muss sich Plasberg gegenüber verantworten. Wenn dort auch Demonstranten mit Reichsflaggen zu sehen seien, „warum geht man dann nicht nach Hause?“ Hermenau weist diese Kontaktschuld von sich: „Da waren vor allem ganz normale Leute.“ Es müsse doch möglich sein, miteinander zu reden. Ebenso oft sei sie bereits auf Demonstrationen in einem schwarzen Antifa-Block geraten.

Fücks schlägt in eine ähnliche Kerbe. Man müsse als Bürger seinen Abgeordneten „sensibilisieren für eine Situation, die in Berlin offenbar noch nicht so ganz angekommen ist“. Aber das „Klischee der abgehobenen Parlamentarier“ treffe nicht zu. „Wir im Westen hatten das Glück, Demokratie länger üben zu können.“ Wellmer wirft ein, dass es den Ostdeutschen so pauschal gar nicht gebe: „Der Satz begegnet mir immer häufiger, auch im Westen: Das ist nicht mein Krieg.“

Fazit des „hart aber fair“-Talks:

Die Unterteilung in Ossis und Wessis ist von gestern und hat in der heutigen Gesellschaft nichts mehr zu suchen, darüber war sich die Runde bei „Hart aber fair“ am Montag einig. Dennoch hatte sie selbst Mühe, sich daran zu halten. Das lag auch am Titel der Sendung, der eben diese Grenze klar zog. (Michael Görmann)

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