Erzbistum Köln

Gutachten deckt zahlreiche Missbrauchsfälle auf: Kardinal zieht Konsequenzen - zwei Beschuldigte entlassen

Am Donnerstag (18.03.) wurde ein bisher einmaliges Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs vorgestellt. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Köln - Der Strafrechtler Björn Gercke hat am Donnerstag (18.03.) sein 800 Seiten umfassendes Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln* mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs vorgestellt. In dem Gutachten wurden Hinweise auf 202 Beschuldigte festgestellt. Es handle sich um das erste Gutachten dieser Art, in dem ungeschwärzt die Namen von Verantwortlichen genannt würden. Gercke hat gemeinsam mit weiteren Personen in den vergangenen Monaten die Kirchenakten des Bistums Köln von 1975 bis 2018 ausgewertet.

Es wurde festgestellt, dass die Opfer mehrheitlich Jungen waren. 63 Prozent der Beschuldigten seien Priester gewesen. In etwa 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt und in knapp 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen festgestellten Fälle lassen sich Gercke zufolge unter Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen zusammenfassen.

Gutachten zu sexuellem Missbrauch: erhebliche Vorwürfe gegenüber Erzbistum Köln

Darüber hinaus hat Gercke die Aktenführung des Bistums als äußerst mangelhaft kritisiert. „Wir haben erhebliche Mängel im Hinblick auf die Organisation des Aktenbestands sowie der Aktenführung im Erzbistum festgestellt“, so Gercke. Bei einigen Akten hätten er und sein Team den Eindruck gewonnen, dass Aktenbestandteile fehlten, da die Verfahrensführung nicht nachvollziehbar gewesen sei. Das Gutachten hat ergeben, „dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen“.

Ein erstes Gutachten einer Münchner Kanzlei wurde vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki unter Verschluss gehalten. Als Grund führte der Kardinal rechtliche Bedenken an. Dieses Verhalten hatte eine Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum ausgelöst und für zahlreiche Kirchenaustritte gesorgt. Das Gutachten von Gercke hat Woelki jedoch weitgehend entlastet. Es seien keine Pflichtverletzungen bei Woelki feststellbar gewesen, sagte der Strafrechtlicher Björn Gercke. Auch das unter Verschluss gehaltene Gutachten aus München und der Vatikan seien zu derselben Einschätzung gekommen.

Täter namentlich genannt: Kardinal Joachim Meisner und Joseph Höffner

Allerdings wurden schwere Vorwürfe gegen den Hamburger Erzbischof Stefan Heße erhoben, der früher in Köln tätig und lange Personalverantwortlicher war. Bei der Aktendurchsicht konnten in Bezug auf Heße insgesamt elf Pflichtverletzungen feststellen lassen. Bei sieben der Pflichtverletzungen handelt es sich um nicht ordnungsgemäß bearbeitete Missbrauchsfälle. Insgesamt konnten auf der Grundlage der Akten zwischen 1975 und 2018 75 Prflichtverletzungen festgestellt werden, die von acht lebenden oder verstorbenen Verantwortlichen begangen worden seien.

Die schwersten Vorwürfe wurden gegen dem 2017 verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner erhoben. Diesem seien 24 Pflichtverletzungen und damit fast ein Drittel aller festgestellten Fälle vorzuwerfen. Darüber hinaus seien dem 1987 verstorbenen Kardinal Joseph Höffner Pflichtverletzungen vorzuwerfen.

Kardinal Woelki zieht Konsequenzen: zwei Mitarbeiter entlassen

Kardinal Rainer Maria Woelki hat nach der Vorstellung des Gutachtens direkt mit der vorläufigen Entlassung zweier Mitarbeiter reagiert. Seine Aussage diesbezüglich war eindeutig: „Daher möchte ich auch aus der Situation der Stunde heraus und auch auf der Grundlage dessen, was ich hier gerade gehört habe, die gerade Genannten, Weihbischof Schwaderlapp und Herrn Offizial Assenmacher, mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Aufgaben entbinden“. (Astrid Theil/dpa/afp) *Merkur.de ist ein Angebot der IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Marcel Kusch/dpa

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