Kemerowo in Sibirien

Feuerinferno in russischem Einkaufszentrum: 41 Kinder unter Opfern

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Das ausgebrannte Einkaufszentrum in Kemerowo.

Dutzende Menschen sterben bei einem Brand in Sibirien. Unter den Opfern sind auch 41 Kinder, wie sich jetzt herausstellte. Ein Wachmann hat offenbar den Feueralarm deaktiviert.

Update vom 27. März 2018

Nach der Brandkatastrophe im sibirischen Kemerowo mit mehr als 60 Toten haben Hunderte Menschen für eine Aufklärung der Brandursache demonstriert. Die Bewohner forderten von den Behörden eine Liste der Opfer, wie die Agentur Interfax am Dienstag meldete. Nach offiziellen Angaben waren bei dem Brand 64 Menschen ums Leben gekommen, darunter etwa 40 Kinder. Die Bewohner gehen jedoch davon aus, dass die Zahl weit höher liegen könnte.

Eine Bürgergruppe aus Angehörigen und Bewohnern bestätigte nach einem Besuch in einer Leichenhalle, dass 41 Kinder unter den Toten seien. Viele von ihnen seien noch nicht identifiziert, hieß es. Die Angaben der Behörden seien korrekt.

41 Kinder unter Todesopfern

Unter den 64 Todesopfern des Feuers in einem russischen Einkaufszentrum sind einem Medienbericht zufolge 41 Kinder. Die Namen von 41 Kindern stünden auf der Liste der Toten, zitierte die Nachrichtenagentur RIA Nowosti am Dienstag einen Vertreter der regionalen Rettungsdienste. Zuvor war von mindestens neun getöteten Kindern bei dem Unglück in der sibirischen Stadt Kemerowo die Rede gewesen.

Kemerowo - Nach dem tödlichen Feuerinferno in einem russischen Einkaufszentrum mit mehr als 60 Toten wurden nun entsetzliche Details bekannt. Ein Wachmann hat offenbar den Feueralarm deaktiviert. Das teilte das staatliche Ermittlungskomitee am Montag in der sibirischen Stadt Kemerowo mit. Der Mann habe den Alarm ausgeschaltet, nachdem er ein Signal über Feuer im Gebäude erhalten hatte. Warum er das tat, war zunächst nicht bekannt.

Das Feuer war im vierten Stock des Einkaufszentrums in der Stadt Kemerowo ausgebrochen. Foto: Danil Aikin/TASS

Das Feuer war am Sonntagabend im vierten Stock des Einkaufszentrums ausgebrochen. Es erfasste innerhalb kurzer Zeit eine Fläche von rund 1600 Quadratmetern. Zahlreiche Menschen galten in der Industriestadt rund 3000 Kilometer östlich von Moskau noch Stunden später als vermisst. Dutzende wurden bei dem Brand verletzt. Viele Menschen sind ersten Ermittlungen zufolge gestorben, weil sie die Flammen zu spät bemerkten und Notausgänge versperrt gewesen sein sollen.

Die Opferzahl liegt weit über den ersten Einschätzungen, wie der Leiter des Zivilschutzes, Wladimir Putschkow, sagte. Viele der bis zum Mittag 64 Opfer sind Kinder, die zunächst nicht identifiziert werden konnten. Eine Schulklasse aus der Provinz war zum Zeitpunkt des Brandes im Kino - acht von ihnen sollen nicht überlebt haben.

Papst spricht Mitgefühl aus

Papst Franziskus hat den Opfern der Brandkatastrophe in einem Einkaufszentrum in Russland sein Mitgefühl ausgesprochen. Vor allem die vielen Kinder, die ihr Leben verloren hätten, schließe der Papst in sein Gebet ein, teilte der Vatikan am Montag mit. Franziskus sei tief betroffen von der Katastrophe, hieß es in dem Beileids-Telegramm.

Das Feuer war am frühen Sonntagabend im vierten Stock des Einkaufszentrums ausgebrochen. Es erfasste innerhalb kurzer Zeit eine Fläche von rund 1600 Quadratmetern. Das Shopping-Center "Simnjaja Wischnja" (Winterkirsche), das wegen seines Kinos und eines Tiergeheges besonders bei Familien beliebt ist, war 2013 in der Industriestadt rund 3000 Kilometer östlich von Moskau eröffnet worden.

Korridore voller Rauch

Überlebende berichteten von dramatischen Szenen: Es habe keinen Feueralarm gegeben, die Eingangstüren des Kinos seien verschlossen gewesen. Mitarbeiter des Einkaufszentrums hätten kaum Maßnahmen zur Rettung ergriffen und die Notausgänge blockiert. Als die Türen aufgingen, seien die Korridore bereits voller Rauch gewesen.

Ein Mädchen rief Berichten zufolge aus dem brennenden Kinosaal noch seine Eltern an und verabschiedete sich mit den Worten: "Wir brennen. Ich liebe euch, macht's gut. Ich kann nicht atmen." Ein Elfjähriger sei auf der Flucht vor den Flammen aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen, sagte Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa, als sie das örtliche Krankenhaus besuchte. Seine Eltern und der jüngere Bruder überlebten das Feuer nicht.

Mehr als 500 Feuerwehrleute waren im Einsatz und retteten Dutzende Menschen aus dem Gebäude, als zwei der drei Kinosäle einstürzten. Sie brachten das Feuer weitgehend unter Kontrolle, die Flammen flackerten jedoch auch Stunden später immer wieder auf. 

Die Schadenssumme am Gebäude wird derzeit auf mehr als drei Milliarden Rubel (42,6 Millionen Euro) geschätzt.

Nach ersten Untersuchungen soll ein defektes Kabel den Brand ausgelöst haben. Die Ermittler folgten jedoch auch einer Spur, nach der eine Gruppe Teenager mit einem Feuerzeug gespielt und Sitzmöbel in Brand gesteckt haben soll. 

Bei der Suche nach der Brandursache kursierten Berichte über mangelhaften Brandschutz. Das Versagen aller Sicherheitsvorkehrungen sei eindeutig auf Schlamperei und Fahrlässigkeit zurückzuführen, sagte die Kinderbeauftragte der Regierung, Anna Kusnjezowa, dem Sender Rossija-24. Es gebe zwar eindeutige Bestimmungen, die jedoch in der Regel nicht eingehalten werden. "Der eigentliche Grund für diese Katastrophe ist nicht irgendein Kabel, sondern wie wir mit den Bestimmungen umgehen", sagte Kusnjezowa. "Es ist ein Signal: Wir müssen alle Einkaufszentren überprüfen."

Vier Verantwortliche festgenommen

Experten kritisierten auch Baumängel am Gebäude und die schlechte Qualität der Einrichtung im Einkaufszentrum, die zu schnell Feuer fangen könne. Wenige Stunden nach dem Brand wurden vier Verantwortliche festgenommen, unter ihnen der Direktor des Einkaufszentrums.

Immer wieder kommt es in Russland zu verheerenden Bränden, bei denen Dutzende Menschen wegen mangelnder Sicherheitsbestimmungen ums Leben kamen. Zu Jahresbeginn starben mehr als ein Dutzend Gastarbeiter in einer Schuhfabrik in Nowosibirsk. Vielen Russen ist auch die Tragödie von Perm aus dem Jahr 2009 noch in Erinnerung: Nach einer missglückten Feuershow in einem Nachtclub starben mehr als 150 Menschen - die meisten waren erstickt oder zu Tode getrampelt worden.

Zahlreiche Bewohner in Kemerowo brachten am Montag Blumen zum Rathaus und legten Stofftiere auf Parkbänke. Eltern klebten Bilder ihrer vermissten Kinder an die Wände. Um 16.00 Uhr Ortszeit legten Angehörige eine Schweigeminute ein. Die Behörden kündigten eine dreitägige Trauer an.

Kremlchef Wladimir Putin sprach den Familien sein Beileid aus, ebenso Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Sie teile "den Schmerz der Menschen in Kemerowo und spricht ihnen ihre tief empfundene Anteilnahme aus", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

dpa/AFP

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