Anklage wegen versuchten Mordes

Schlafender Obdachloser angezündet - Prozess beginnt

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In der Nacht zum 25.12.2016 hatten an der U-Bahnstation Schönleinstraße Unbekannte versucht, einen auf der Bank schlafenden Obdachlosen anzuzünden.

Berlin - Das Entsetzen war groß Weihnachten 2016. Junge Männer zünden in einem Berliner U-Bahnhof ein Taschentuch an und werfen es auf einen wehrlosen Mann. Nun beginnt der Prozess wegen versuchten Mordes.

Der Obdachlose schlief in der Weihnachtsnacht zum 25. Dezember auf einer Bank in einem Berliner U-Bahnhof. Was dann geschah, löste deutschlandweit Entsetzen aus. Eine Gruppe junger Männer soll versucht haben, den Ahnungslosen anzuzünden. Rund vier Monate nach dem Angriff müssen sich nun sechs Verdächtige wegen versuchten Mordes sowie ein siebter Mann wegen unterlassener Hilfeleistung vor dem Berliner Landgericht verantworten. Der Prozess beginnt am Dienstag (9.15 Uhr).

Nur durch das Eingreifen von Fahrgästen einer kurz danach ankommenden U-Bahn konnte im Kreuzberger U-Bahnhof Schönleinstraße laut Staatsanwaltschaft Schlimmeres verhindert werden. Sie löschten demnach die Flammen, der Obdachlose aus Polen wurde gerettet.

Plan soll spontan gefasst worden sein

Sechs Verdächtige stammen nach Angaben von Ermittlern aus Syrien, einer aus Libyen. Die Jugendlichen und jungen Männer im Alter zwischen 16 und 21 Jahren sollen zwischen 2014 und 2016 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sein - mehrere als alleinreisende Minderjährige.

Als Haupttäter gilt ein 21-jähriger Syrer. Er soll das Taschentuch mit einem Feuerzeug angezündet und es auf den schlafenden Mann geworfen haben, der mit einer Decke über dem Kopf auf seinem Rucksack lag. Die jungen Männer sollen den Plan spontan und gemeinsam gefasst haben.

Anklage: „Heimtückisch und grausam versucht, einen Menschen zu töten“

Laut der Anklage nahmen die Täter in Kauf, dass der Mann Feuer fangen und qualvoll verbrennen würde. Als die Flammen auf den Rucksack und eine Plastiktüte übergriffen, flüchteten sie. Die Männer hätten die Ausbreitung des lodernden Feuers dem Zufall überlassen. In der Anklage wird ihnen vorgeworfen, sie hätten „heimtückisch und grausam versucht, einen Menschen zu töten“.

Die Tat war von einer Überwachungskamera gefilmt worden. Wegen der Schwere des Delikts hatte die Polizei die Fahndung mit Bildern der Männer nur Stunden nach der Tat beantragt, ein Richter genehmigte sie rasch. Bald danach stellten sich die Verdächtigen. Als Nebeneffekt fühlten sich die Unterstützer der Videoüberwachung bestärkt. Der Fall wird in der politischen Debatte um mehr oder weniger Videokameras in Berlin immer wieder als Beleg angeführt.

Unter Umständen ist eine lebenslange Haftstrafe möglich

Die sechs mutmaßlichen Haupttäter sitzen in Untersuchungshaft. Eine Jugendstrafkammer wird die Vorwürfe prüfen. Sechs der sieben Angeklagten können im Falle eines Schuldspruchs mit einer Strafe nach dem milderen Jugendstrafrecht rechnen.

Für den 21-Jährigen gilt das Erwachsenenstrafrecht. Danach wird versuchter Mord mit einer Strafe nicht unter drei Jahren Gefängnis bestraft. Unter Umständen könnte laut dem Landgericht sogar eine lebenslange Gefängnisstrafe verhängt werden.

Ob Obdachloser zum Prozess kommt ist unklar

Nach früheren Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft machten die Verdächtigen unterschiedliche Angaben zu ihrer Beteiligung. Demnach sollen sie gestanden haben, in der Nacht in dem U-Bahnhof gewesen zu sein. Dies wäre auch schwer abzustreiten gewesen, hieß es. Es sei auch zu „teilgeständigen Angaben“ gekommen. Der 21-Jährige soll damals erklärt haben, er sei betrunken gewesen und wisse nicht mehr, was passiert sei.

Wo sich der Obdachlose jetzt aufhält und ob er zum Prozess kommt, war unklar. Im Winter suchen viele Obdachlose aus Osteuropa Schutz in Berlin, weil das Hilfssystem in ihrer Heimat schlechter ist - oder es gar keines gibt.

Der Angriff auf den Obdachlosen war kein Einzelfall. Zuletzt wurde im April in Hamburg der Schlafsack eines 49-Jährigen unter freiem Himmel angezündet. Ebenfalls dort wurde im Februar die Schlafstätte von zwei wohnungslosen Männern in einem Parkhaus in Brand gesteckt. Im März hatte der grausame Tod eines 49-jährigen Obdachlosen im italienischen Palermo Entsetzen ausgelöst. Er war mit Benzin überschüttet und angezündet worden. Hier soll Eifersucht das Motiv gewesen sein.

dpa

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