Landgericht Düsseldorf

Mordversuch oder Unfall? Richter rekonstruiert Tatort mit Bauklötzen

Im Prozess um einen beinahe tödlichen Fenstersturz hat der Vorsitzende Richter von Amts wegen in die Lego-Kiste gegriffen und ein Modell des Tatorts gebastelt. Fazit: Der Angeklagte kann mit einem Freispruch rechnen.

Düsseldorf - Von Amts wegen hat Richter Rainer Drees sogar in die Lego-Kiste gegriffen: Mit den bunten Bauklötzchen bastelte er ein möglichst maßstabsgetreues Modell des Tatorts nach, um den sich in Saal 1.120 des Düsseldorfer Landgerichts am Dienstag alles drehte. Seit Wochen sitzt dort ein 40-jähriger Albaner auf der Anklagebank und seit Monaten in Untersuchungshaft - unter dem Verdacht des versuchten Mordes. Er soll seine rumänische Freundin aus fast sieben Metern Höhe in die Tiefe gestoßen haben - aus einem Fenster im zweiten Stock.

Fest steht: Die inzwischen 25-Jährige wurde mit mehrfach gebrochener Wirbelsäule im Hinterhof des Düsseldorfer Hauses gefunden. Sie überlebte, leidet aber noch immer stark an den Folgen. Einen Tag später behauptete sie im Krankenhaus gegenüber Polizisten, der 40-Jährige habe sie in die Tiefe gestoßen, um zu verhindern, dass sie seine Drogengeschäfte der Polizei verrate. Als der Mann in der Klinik erscheint, klicken die Handschellen. Tatsächlich werden bei der fälligen Durchsuchung Drogen entdeckt.

Angeklagter beteuert Unschuld

Mit einem Lego-Modell wurde der Fall vor Gericht rekonstruiert.

Doch der Albaner beteuert seine Unschuld: Die kokainsüchtige Frau habe schon im Hinterhof gelegen, als er nach Hause gekommen sei. Sie habe ihm 1800 Euro gestohlen. Er habe das Geld noch im Hof eingesammelt. Vermutlich sei sie beim Versuch, sich vor ihm zu verstecken, abgestürzt.

Er habe sie an den Unterschenkeln gepackt und rückwärts aus dem Fenster gestoßen, behauptete dagegen die Schwerverletzte. Ein als Gutachter hinzugezogener Biomechanik-Experte äußerte Zweifel an dieser Version, weil die Frau mehr als zwei Meter von der Fassade entfernt aufgeprallt war.

Opfer nicht glaubwürdig

„Wir haben versucht, uns einen Reim auf die ganze Sache zu machen“, sagt Richter Drees. Deswegen auch dass Lego-Modell. Ergebnis: Die Darstellung des Opfers sei in mehreren Punkten „wenig plausibel“ und letztlich nicht belastbar. Meint: Die Frau, die regelmäßig als Prostituierte gearbeitet und Kokain konsumiert haben soll, ist nicht glaubwürdig.

So hatte sie ihren einstigen Freund nach dem Sturz noch gebeten, ihr im Hinterhof die Füße zu massieren, ihren Pyjama zu bringen und sie in eine bestimmte Klinik bringen zu lassen. Im Krankenwagen sei es ihr vor allem darum gegangen, dass ihre Handtasche mitkommt, weil sie darin viel Geld vermutet habe, berichteten die Rettungssanitäter.

Zudem hatte sie zunächst behauptet, beim Teppichklopfen aus dem Fenster gefallen zu sein - es fand sich aber weder Teppich noch Teppichklopfer.

Das Gericht habe zu viele Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers, lässt Drees durchblicken. Unabhängige Augenzeugen für das unmittelbare Geschehen am 17. April gibt es nicht. Auch der Staatsanwalt bekennt, dass ihn die Beweisaufnahme ins Grübeln gebracht habe. Am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt. Was übrig bleiben könnte von der Anklage ist der Vorwurf des Drogenhandels - immerhin fand die Polizei 18 Gramm hochreines Kokain in der Wohnung des Angeklagten.

dpa

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