Interview über Klimadebatte und Greta Thunberg

Umweltwissenschaftler von Weizsäcker: „Wir brauchen den Kohleausstieg“

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Ein Eisberg schwimmt im Südpolarmeer: Ernst Ulrich von Weizsäcker warnt vor den Folgen eines plötzlich ansteigenden Meeresspiegels. 93 Prozent der Erderwärmung finden laut dem Umweltwissenschaftler im Wasser statt. 

Ernst Ulrich von Weizsäcker warnt vor möglichen Folgen des Klimawandels. Wir sprachen mit ihm auch über die Fridays for Future-Proteste und Greta Thunberg.

Der Klimawandel stellt nicht nur die Natur vor Herausforderungen, sondern auch unsere Gesellschaft: Aktivisten stehen Leugnern gegenüber. Darüber sprachen wir mit Ernst Ulrich von Weizsäcker. 

Der Umweltwissenschaftler hält am Dienstag auf einer Konferenz in Witzenhausen einen Vortrag mit dem Titel „Landwirtschaft ist das neue Klimathema“.

Herr von Weizsäcker, wenn Sie heute Schüler wären, würden Sie dann mit den Fridays for Future-Demonstranten auf die Straße gehen?

Unbedingt. Weil die Erwachsenenwelt das Thema nicht ernst genug genommen hat. Weil es natürlich erhebliche Umstellungen erfordert. Und welche Gesellschaft macht schon gerne Umstellungen? Die Jugend macht auf deren Notwendigkeit aufmerksam.

Greta Thunberg, das Gesicht der Bewegung fordert, dass wir aufgrund des Klimawandels in Panik geraten sollten. Sollten wir das?

Ich halte das für einen sprachlichen Ausrutscher. Und ich habe Greta Thunberg ganz anders erlebt. Im Gespräch mit mir wirkte sie auffallend vernünftig und bescheiden, sie war sehr gut informiert. Und sie sagte, wir sollten den Wissenschaftlern zuhören, die die Tatsachen kennen und vielleicht Lösungen nennen können. Wir sollten den Klimawandel ernst nehmen und etwas dagegen tun.

Wieso ist das aus wissenschaftlicher Sicht nötig?

Ein Beispiel: 93 Prozent der globalen Erwärmung finden im Wasser statt, nur sieben Prozent in der Luft. Klimahistoriker sagen, dass der Übergang von niedrigem zu hohem Meeresspiegel unter Umständen plötzlich passiert. Jetzt stellen wir uns einmal vor, was es bedeuten würde, wenn das Grönland-Eis ins Meer rutscht. Oder die westantarktische Eisplatte.

Was sagen Sie in Richtung derer, die sich darüber beklagen, dass die Deutschen weniger fliegen sollen, während China weiterhin Kohlekraftwerke im Ausland baut?

Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Ich weiß – für Journalisten ist das Fliegen ein schönes Thema. Aber wir brauchen erstens natürlich den Kohleausstieg. Und zweitens müssen wir anderen reichen Ländern vormachen, dass Reichtum von CO2-Intensität abgekoppelt werden kann. Dabei halte ich Energieeffizienz für den schlafenden Riesen. Das Passivhaus etwa wurde in Darmstadt entwickelt (eine Gebäudeart, die unter anderem weitaus weniger Heizwärme verbraucht als Altbauten, Anm. d. Red.). Und im Oktober fand die erste internationale Passivhaus-Konferenz nicht in Europa, sondern in China statt. Die Chinesen wollen anscheinend im großen Stil Passivhäuser bauen. Das ist viel wichtiger als der Verzicht auf den nächsten Flug.

Trotzdem fühlen sich viele Menschen im Angesicht der Klimadebatte in ihren Freiheiten bedroht. Sie wollen weiterhin auf Kreuzfahrtschiffen fahren und so schnell wie möglich über die Autobahn.

Politisch gibt es diesbezüglich zwei Eingriffsmöglichkeiten: Das eine sind notwendige Verbote und Grenzwerte, und das andere sind Preissignale. Das Runtersubventionieren der Preise für fossile Brennstoffe ist ein kapitaler politischer Fehler. Das muss aufhören. Dann werden sich die Menschen in voller Freiheit anders entscheiden in Bezug auf ihre Prioritäten – und die Firmen, Ingenieure und Händler stellen sich genau darauf ein.

Haben wir es mit einer neuen gesellschaftlichen Spaltung zu tun? Zwischen Klimaaktivisten und Klimaleugnern?

Die Leugner gab es immer, sie sind eine kleine Minderheit. Eine sehr laute jedoch. Sie ist in den Medien in Relation zu den anderen, die das Richtige sagen, weitaus präsenter. Denn Medien sind begeistert, wenn sie von Streit berichten können.

Sind Sie zuversichtlich, wenn es um den Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel geht?

Was die Zukunft der Erde betrifft, bin ich sehr optimistisch. Bei der Zukunft der Menschheit nicht. Denn die Menschen sind von der Steinzeit an so geprägt, dass sie gerne an die nächste halbe Stunde denken, aber extrem ungern an das, was in 100 Jahren auf sie zukommt.

In Witzenhausen halten Sie einen Vortrag mit dem Titel „Landwirtschaft ist das neue Klimathema“. Wieso Landwirtschaft?

Es ist eine in der Wissenschaft relativ neue Sache: zu erkennen, dass die industrialisierte Landwirtschaft mit starker chemischer Bodenveränderung die Klimaprobleme vermehrt, während eine biologische Landwirtschaft mit gesunden Böden ein Klimafreund ist. Gesunde Böden können unter Umständen mehr CO2 absorbieren als Wälder. Die industrielle Landwirtschaft wiederum tötet sehr viele Bodenorganismen, die für diese Leistung der Böden so wichtig sind.

Veranstaltung: 27. Witzenhäuser Konferenz; Dienstag, 3.12., bis Samstag, 7.12. in Witzenhausen. Die Konferenz ist ausverkauft.

Zur Person: Ernst Ulrich von Weizsäcker

Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker (80) ist Umweltwissenschaftler und war SPD-Bundestagsabgeordneter. Der Neffe des Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizsäcker war Co-Präsident des Club of Rome und Präsident der Uni Kassel; laut eigenen Angaben ließ er in Witzenhausen die erste deutschsprachige Professur für ökologische Landwirtschaft einrichten.

In Madrid ist am Montag, 02.12.2019, der Klima-Gipfel gestartet: Die UN-Klimakonferenz dauert bis 13.12.2019, rund 29.000 Teilnehmer werden erwartet - darunter auch Greta Thunberg.

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