Mindestens 30 Tote

Brand in London: Das Feuer ist aus, die Wut schwelt weiter

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Trauernde Menschen in London.

Hilflosigkeit am Grenfell Tower: Freunde und Angehörige suchen weiter nach Vermissten. Doch Polizei und Feuerwehr glauben kaum noch daran, weitere Lebende zu finden. Wer war Schuld an der Katastrophe?

London - Ein schwarzes Gerippe ragt in den tiefblauen Londoner Sommerhimmel. Das Feuer im Grenfell Tower ist am Freitagmittag gelöscht. Aber die Wut schwelt weiter. Wer für das Unglück verantwortlich ist, bleibt unklar. Brandstiftung schließt die Polizei zu diesem Zeitpunkt aus.

Vor dem ausgebrannten Sozialbau suchen Menschen mit Fotos und Aushängen verzweifelt nach Hinweisen auf Freunde und Angehörige. Ein Junge sucht seinen Mitschüler. Eine Mutter soll mit ihren sechs Kindern aus der Wohnung hoch oben geflohen - und mit nur vier Kindern unten angekommen sein. Viele Vermisste werden den katastrophalen Hochhausbrand im Londoner Stadtteil Kensington nicht überlebt haben. Die Flammen mögen nach Stunden gelöscht sein, doch dafür flammt in aller Verzweiflung Wut auf.

Mindestens 30 Tote

Mindestens 30 Menschen verloren ihr Leben. Etliche waren am Freitag noch im Krankenhaus, viele in kritischem Zustand. „Wir erwarten, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigen wird“, sagte Stuart Cundy von der Londoner Polizei.

Niemand weiß genau, wie viele Männer, Frauen und Kinder in dem 24-stöckigen Sozialbau waren, als in der Nacht zum Mittwoch das Feuer ausbrach. Berichten zufolge sollten dort zwischen 400 und 600 Menschen leben. Niemand weiß, wie viele es lebend raus schafften, wie viele drin blieben. Dass gerade Ramadan ist, könnte einigen das Leben gerettet haben. Sie waren zum Essen noch wach, als das Feuer ausbrach - und sollen auch Nachbarn aus dem Bett geholt haben.

Bilder: Trauer in Großbritannien nach Hochhausbrand in London

Nach dem Hochhausbrand in London
Nach dem Hochhausbrand in London © dpa
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Nach dem Hochhausbrand in London © dpa
Nach dem Hochhausbrand in London
Nach dem Hochhausbrand in London © dpa
Nach dem Hochhausbrand in London
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 © AFP
Nach dem Hochhausbrand in London
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Nach dem Hochhausbrand in London © dpa

Die Feuerwehr kann die oberen Stockwerke nicht gründlich durchsuchen. Die Ränder des quadratischen Turms sind instabil. Auch deshalb arbeiten die Rettungsteams mit Drohnen und Spürhunden. Die könnten schneller eine größere Fläche nach weiteren Opfern absuchen, hieß es. Es sieht aus, als könne die Fassade jederzeit bröckeln. Wochen werde die Arbeit noch dauern, kündigt Feuerwehr-Chefin Dany Cotton an. Hat Cotton Hoffnung, noch jemanden lebend zu finden? „Es wäre ein Wunder“, sagt die junge Frau.

Königin Elizabeth II. und Prinz William besuchten am Freitag eine Notunterkunft in einem Fitness-Center in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die „unglaubliche Großzügigkeit“ der freiwilligen Helfer gewürdigt.

Frage nach der Schuld

Anwohner und Angehörige stellen immer lauter die Frage nach Schuld. Wie konnte es passieren, dass das Haus wie eine Fackel rasend schnell in Flammen aufging? Welche Rolle spielte die Fassadendämmung? Reichen die britischen Brandschutzbestimmungen aus? Premierministerin Theresa May ordnet eine unabhängige Untersuchung an. Oppositionsführer Jeremy Corbyn demonstriert Gefühl: Es gebe viele Hochhaus-Bewohner im Land. „Jede einzelne Person wird sich heute fragen: Wie sicher bin ich?“

Die Flammen im Grenfell Tower hätten sich ungewöhnlich rasch ausgebreitet, berichtet Feuerwehr-Chefin Cotton. „So ein Feuer habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht gesehen.“ Doch zu den Gründen dafür könne man noch nichts sagen, betont sie.

Der mehr als 40 Jahre alte Apartment-Block mit 120 Wohnungen hatte keine Sprinkleranlage - obwohl er bis zum vergangenen Jahr noch renoviert wurde. Eigentlich wird Brandschutz in Großbritannien sehr ernst genommen. In neueren Hochhäusern sind Sprinkler Behördenangaben zufolge auch vorgeschrieben. Eine Pflicht zur Nachrüstung gibt es jedoch nicht.

Massenproteste nach Hochhausbrand in London

Wütende Demonstranten vor dem Rathaus von Kensington. Foto: Yui Mok
Wütende Demonstranten vor dem Rathaus von Kensington. Foto: Yui Mok © Yui Mok
Die Demonstration stand unter dem Motto "Justice for Grenfell!" (Gerechtigkeit für Grenfell). Foto: Tim Ireland
Die Demonstration stand unter dem Motto "Justice for Grenfell!" (Gerechtigkeit für Grenfell). Foto: Tim Ireland © Tim Ireland
Blick durch ein Fenster am ausgebrannten Grenfell Tower in London. Foto: Rick Findler/PA Wire
Blick durch ein Fenster am ausgebrannten Grenfell Tower in London. Foto: Rick Findler/PA Wire © Rick Findler
Im ausgebrannten Grenfell Tower wird vorerst nicht weiter nach Vermissten gesucht, weil das Gebäude nicht mehr stabil ist. Foto: Rick Findler
Im ausgebrannten Grenfell Tower wird vorerst nicht weiter nach Vermissten gesucht, weil das Gebäude nicht mehr stabil ist. Foto: Rick Findler © Rick Findler
Der ausgebrannte Grenfell Tower: Wie viele Menschen sich noch in dem 24-stöckigen Gebäude befinden, ist weiter unklar. Foto: Rick Findler
Der ausgebrannte Grenfell Tower: Wie viele Menschen sich noch in dem 24-stöckigen Gebäude befinden, ist weiter unklar. Foto: Rick Findler © Rick Findler
Der ausgebrannte Grenfell Tower in London: Wie brandsicher war das Gebäude? Foto: David Mirzoeff
Der ausgebrannte Grenfell Tower in London: Wie brandsicher war das Gebäude? Foto: David Mirzoeff © David Mirzoeff
Erschöpfte Rettungskräfte machen am Rande des ausgebrannten Hochhauses eine Pause. Foto: Frank Augstein
Erschöpfte Rettungskräfte machen am Rande des ausgebrannten Hochhauses eine Pause. Foto: Frank Augstein © Frank Augstein
Brandschutz-Experte Jon Hall nannte den Brand einen Unfall, wie er in der "Dritten Welt" vorkomme. Foto: Tolga Akmen
Brandschutz-Experte Jon Hall nannte den Brand einen Unfall, wie er in der "Dritten Welt" vorkomme. Foto: Tolga Akmen © Tolga Akmen
Der Rettungseinsatz wird nach Angaben der Polizei noch mehrere Tage dauern. "Wir bleiben hier, bis die Arbeit getan ist", sagte ein Sprecher der Londoner Feuerwehr. Foto: Victoria Jones
Der Rettungseinsatz wird nach Angaben der Polizei noch mehrere Tage dauern. "Wir bleiben hier, bis die Arbeit getan ist", sagte ein Sprecher der Londoner Feuerwehr. Foto: Victoria Jones © Victoria Jones
Nach Angaben einer Augenzeugin war es unmöglich, den um Hilfe schreienden Menschen zu helfen. Foto: Ray Tang
Nach Angaben einer Augenzeugin war es unmöglich, den um Hilfe schreienden Menschen zu helfen. Foto: Ray Tang © Ray Tang
Der Grenfell-Tower brannte wie eine Fackel. Foto: Guilhem Baker
Der Grenfell-Tower brannte wie eine Fackel. Foto: Guilhem Baker © Guilhem Baker
Dunkler Rauch steigt aus dem Grenfell Tower auf. Foto: Victoria Jones
Dunkler Rauch steigt aus dem Grenfell Tower auf. Foto: Victoria Jones © Victoria Jones

„Der Feueralarm ist nicht angegangen, deshalb sind so viele jetzt tot“, äußert Bewohner Sitalih schwere Vorwürfe. Er habe es lebend aus dem 15. Stock geschafft, weil seine Frau das Feuer früh gerochen habe. Das Haus sei nicht sicher gewesen. Sitalih berichtet von offenen Leitungen und falschen Installationen. „Die Firma muss dafür bezahlen“, fordert er. „Sie haben diese Menschen umgebracht.“

Die 51-jährige Sonja Edwards sagt, alle hätten gesehen, dass das Haus nicht sicher sei. „Aber die Firma hat es nicht interessiert. Die wollte es einfach nur von außen schön machen. Das hat jetzt viele Menschen das Leben gekostet.“

Polizei und Feuerwehr warnen vor Spekulationen

Polizei und Feuerwehr warnen eindringlich vor Spekulationen. Doch auch ihnen machen viele Vorwürfe. Sie hätten Bewohner aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben und nasse Handtücher unter die Türen zu legen statt zu fliehen.

Waren das Fehler? Kann man irgendjemandem die Schuld geben für Tod und Leid? Und warum brach das Feuer aus? Antworten wird es - vielleicht - in einigen Wochen geben. Die Bilder von verzweifelt winkenden, vom Feuer eingeschlossenen Menschen, von Kindern, die aus dem Fenster gehalten und irgendwann einfach fallen gelassen werden, von einem verkohlten Gerippe im Londoner Sommerhimmel, die werden so schnell nicht aus den Köpfen der Anwohner und Helfer verschwinden.

dpa

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