Als Autistin erkennt sie keine Gefahren

Alicia liebt Hunde - Ein ganz besonderer könnte ihr zu mehr Lebensqualität verhelfen

Alicia liebt Hunde. Ein ganz besonderer könnte ihr zu mehr Lebensqualität verhelfen.

Die kleine Lauffenerin hat frühkindlichen Autismus. Und den schätzen viele völlig falsch ein.

Heilbronn - Eine Geschichte von echo24.de*, die bewegt: Alicia schreit laut auf, als sie in den Aufzug steigt. Im Fahrstuhl dreht sie sich für zwei Stockwerke wild im Kreis. Ihre langen braunen Haare fliegen um sie. Ihr lilafarbener Rock wirbelt hoch. Es sieht nach Spaß aus. Was genau Alicia an der Fahrt nach oben so genießt, kann sie nicht erklären. Vielleicht ist es das Gefühl von Freiheit. Alicia ist Autistin. Frei sein, das scheint sie unbedingt zu wollen. Doch Freiheit bedeutet für die sechsjährige Lauffenerin auch Gefahr. Ihre Eltern wollen das unbedingt ändern. Und Alicia ein Stück Freiheit schenken. Ein Grundbedürfnis, das in diesem Fall viel Geld kostet. Zu viel?

Was ist denn Alicias Inselbegabung?" - diese Frage bekommt Angela Mayer-Geiger oft gestellt. Filme wie Rain Man haben die außergewöhnlichen Begabungen in speziellen Teilgebieten als Merkmal von Autisten in den Fokus gerückt. Doch nur die wenigsten sind - wie von Dustin Hoffmann gespielt - Zahlengenies. Alicia jedenfalls nicht.

Sie hat sogenannten frühkindlichen Autismus. Ihr Gehirn ist gesund. Vermutlich gibt es irgendwo einen Gendeffekt. Wissenschaftlich gesichert ist das bislang nicht. Er hindert Alicia aber an Kommunikation, verbannt sie in eine eigene Welt. Sie spricht nicht, kann sich nicht selbstständig anziehen. Beim Laufen nutzt sie nur die Zehen. Doch immerhin: dass sie überhaupt gehen kann, war hartes Training. Mehrere Therapien haben ihr diese Selbstständigkeit ermöglicht.

Für Alicias Eltern ist es Fluch und Segen zugleich, obwohl sie selbst es so nicht formulieren. Mayer-Geiger: "Eigentlich muss sie ständig an der Hand sein, sie würde sonst auf eine volle Straße laufen. Oder auch mit jedem mitgehen." Während ihre Mutter spricht, bleibt Alicias Vater ständig in Reichweite seiner Tochter. Im geschlossenen Raum zieht die silber-glänzende Türklinke die Sechsjährige immer wieder magisch an. Doch draußen warten neben Alltagsgefahren auch allzu oft Unverständnis und Ablehnung.

Alicia bei einem ihrer vielen Arztbesuche.

"Viele glauben, sie sei schlecht erzogen. Natürlich gehen wir trotzdem immer wieder mit ihr raus. Sie gehört doch auch zur Gesellschaft dazu", erklärt Mayer-Geiger. Nicht jeder sieht das so: "Warum geben Sie sie nicht weg?" Eine Frau hat dies einmal beim Bäcker gefragt. Als ob Alicia einfach austauschbar wäre. "Sie ist unser Diamant, so etwas bricht einem das Herz." Trotzdem wäre ein bisschen mehr Selbstständigkeit, ein bisschen mehr Freiheit für Alicia genauso wichtig wie für ihre Eltern.

Auch beim neuesten Projekt: einem Therapie- und Assistenzhund. 30.000€ Kosten entstehen vom Welpenkauf bis zur Prüfung nach der Ausbildung. Doch Mayer-Geiger will es schaffen. Mit der Hilfe von Spenden. Auch wenn wieder viele den Kopf schütteln werden. "Ich sehe welche Fortschritte Alicia gemacht hat. Vielleicht wird sie eines Tages sprechen."

Fünf Minuten die Füße hochlegen können. Entspannt ein Wasser trinken, ohne das Glas minutiös im Auge behalten zu müssen. Hand in Hand schlendern. Für Alicias Eltern beinahe undenkbar. Mayer-Geiger: "Ich wünsche mir, dass Alicia einmal selbstständig wohnen kann. Dass sie alleine äußern kann, wenn sie Hilfe braucht. Ich möchte nicht sterben mit dem Gedanken, dass Alicia in einem Heim leben muss, in dem sie niemand versteht."

Alicia und ihr Stoffhund.

Fortschritte und Freiheit. Das sind die Ziele der Mayers für ihr Kind. Dafür führen Sie eine Spenden-Website, berichten auf Facebook und schreiben sich nachts die Finger wund. Die eigenen finanziellen Möglichkeiten sind längst ausgeschöpft. Doch Angela Mayer-Geiger will nichts unversucht lassen. "Wir bekommen immer wieder auch Ablehnung zu spüren, dann denke ich darüber nach, alles einfach zu lassen." Doch der Blick auf Alicia treibt sie immer wieder an. "Sie ist es einfach wert, dass wir für sie kämpfen."

Ein Hund würde Alicia jedenfalls ein bisschen mehr Selbstständigkeit schenken. Genau wie ihren Eltern Entlastung. Mit einer sogenannten Autismushundleine würde er sie vor Gefahrenquellen warnen, sie notfalls davon fernhalten. Und dennoch könnte sie ihren Weg wählen. Er wäre ihr ständiger Begleiter - sogar beim Arzt oder im Krankenhaus. Er würde sie aus ihrer Welt locken können. Oder eben mit in ihre schlüpfen. Er wäre da - bedingungslos. Momentan muss diese Rolle neben ihren Eltern Alicias Stofftier ausfüllen. Den kleinen Hund hat sie zur Einschulung geschenkt bekommen. "Ich mag dich", schallt es aus dem Inneren des Kuscheltieres. Alicia schaut abwesend ins Licht der Fenster. Sie lächelt. Ob sie die Worte des Hundes verstanden hat, ist nicht klar.

Vielleicht würde Alicia mit einem Assistenzhund enorme Fortschritte machen. Jedes Wort verstehen, antworten können. Vielleicht auch nicht. Vorhersagen kann das niemand, auch wenn Ärzte und das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum daran glauben. Das kleine Stück ersehnte Freiheit würde sie in jedem Fall bekommen. Und dafür lohnt sich schon der Versuch.

Julia Fischer

*echo24.de ist Teil des bundesweitenIppen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Kommentare

Meistgelesen

Zeitumstellung 2017 auf Winterzeit: Wann wird die Uhr wieder umgestellt?
Zeitumstellung 2017 auf Winterzeit: Wann wird die Uhr wieder umgestellt?
Reformationstag 2017: Über diesen zusätzlichen Feiertag freut sich ganz Deutschland
Reformationstag 2017: Über diesen zusätzlichen Feiertag freut sich ganz Deutschland
Witzige Anzeige geht wieder rum: „Junge Familie sucht 1 schöne Wohnung“
Witzige Anzeige geht wieder rum: „Junge Familie sucht 1 schöne Wohnung“
Freitag, der 13.: Was ist eigentlich dran am Aberglauben?
Freitag, der 13.: Was ist eigentlich dran am Aberglauben?
Auf Polizisten geschossen: Ehemaliger Mister Germany dreht durch
Auf Polizisten geschossen: Ehemaliger Mister Germany dreht durch