Vom provokanten Popstar zur Ikone der Selbstbestimmung
Um zu verstehen, was Skandale skandalös macht, muss man das Wort kurz aus dem Blitzlicht der Regenbogenpresse ins Dämmerlicht seiner sprachlichen Herkunft holen. Im Griechischen beschrieb „skándalon“ einst den Stein des Anstoßes, der beim Aufprall für Ärger sorgen könnte. Ob sich jemand daran stößt, hing allerdings schon in der Antike schwer davon ab, was gesellschaftlich als allgemein anstößig galt. Und das kann sich bekanntlich permanent ändern.
1903 zum Beispiel taugte es zum Skandal, wenn die Dame statt Röcke Hosen trug. Rund 60 Jahre später war letztere zwar selbst an Frauenbeinen normal, dafür sorgte es verlässlich für bürgerliche Schnappatmung, wenn ersterer zu hoch übers Knie reichte. 1983 dagegen bestand der Skandal umgekehrt eher darin, dass CSU-Bundestagspräsident Richard Stücklen der Grünen Petra Kelly ihr Beinkleid im Plenarsaal verbieten wollte. Während eine Geschlechtsgenossin nur Monate später durch den Fleischwolf des prüden Amerika gedreht wurde, weil sie ein Brautkleid getragen, sich darin „Like A Virgin“ auf der Bühne gerekelt hatte und obendrein so hieß wie eine Marienstatue.
Madonna mia!
Vom Mädchen aus Michigan zur Pop-Ikone
Es war der skandalumtosende Kickstart einer Künstlerin, die das erregungsökonomische Konzert nicht nur mitspielen, sondern dirigieren wollte. Und wie ihr das gelang, zeigt eine Dokumentation, die das Kalkül gewaltiger Popkarrieren bereits im Titel trägt: „Becoming Madonna“. Denn dass sie mit respektablem Abstand zu Taylor Swift und Rihanna die kommerziell erfolgreichste Solokünstlerin der Welt geworden, vor allem jedoch bis heute geblieben ist, war in erster Linie ihr eigenes Werk. Ein streng kalkuliertes, wie Regisseur Michael Ogden 90 Minuten lang glaubhaft macht. Aber aus tiefster Überzeugung.
Schon, als das Mädchen aus Michigan mit kaum 25 erstmals die Top 10 der amerikanischen Billboard-Charts stürmt, fragt es, wer „den größten Star Amerikas“ managt und verkündet: „Den will ich!“ Also kriegt Madonna Michael Jacksons Impresario Freddy Demann. Und nachdem sie zwei Jahre später bei den MTV Awards die amerikanische Prüderie im Brautkleid provoziert, springt „Like A Virgin“ tags drauf auf die 1. Welch ein Kontrast zu den Anfängen.
Zeitzeugenberichte gemischt mit Klatsch und Tratsch
Als Madonna Louise Ciccone aus dem verträumten Bay City ins schlaflose New York zieht, will die junge Tänzerin zwar bereits ganz nach oben; ihre Vorbilder heißen jedoch noch Blondie oder Lou Reed. Um im Indiepop jener kulturell richtungsweisenden Tage Fuß zu fassen, lernt die Minderjährige daher Schlagzeug und Gitarre. Neben unbekanntem Archivmaterial einer ganz gewöhnlichen Provinzjugend, das Michael Ogden zusammengetragen hat, zählen solche frühen Live-Auftritte zum Faszinierendsten, was Bandbiografien bislang gezeigt haben. Sie bleiben allerdings Episode.
Mithilfe zahlloser Zeitzeugen und Wegbegleiter – vom ersten Labelchef Seymour Stein über Ex-Managerin Camille Barbone oder Videoregisseurin Mary Lambert hin zu ihrem Entdecker Michael Rosenblatt – erleben wir den Werdegang einer globalen Ikone bis in die Niederungen unaufgeräumter Kinderzimmer und Backstagebereiche. Wirklich Fahrt nimmt das Porträt aber erst auf, als der Regisseur tonnenweise Klatsch und Tratsch hineinkippt. Allein die PR-taugliche Hochzeit vom Bad Girl Madonna mit dem Bad Boy Sean Penn belegt fast ein Fünftel der knappen Sendezeit.
Eine Ikone des Empowerment
Dieser boulevardeske Zuschnitt könnte, ebenso wie das Dreschen billiger Phrasen („Sie hat das gewisse Etwas“), ein überhasteter Ritt durch die letzten 25 Jahre ihrer epischen Laufbahn (mit sechs weiteren Top-1-Alben bis 2019) oder der Umstand, dass Madonna selbst leider nicht persönlich zu Wort kommt (dafür in Dutzenden älterer Interviews) ein Makel dieser gut recherchierten Fernanalyse sein – würde die als „Showmance“ diskreditierte Liaison zweier Superstars ihrer Zeit weniger Wissenswertes übers Showgeschäft, seine handelnden Akteure und vor allem Madonna selbst aussagen. Die ist schließlich nicht nur das Role Model weiblichen Empowerments ihrer patriarchalen Branche schlechthin, sondern ein dezidiert politischer Popstar, ohne den mehrere Fortschrittsbewegungen weitaus träger flößen.
Egal, ob sich das „Material Girl“ 1984, wie zuvor bereits Cindy Lauper, mit hedonistischer Lebensfreude dazu bekennt, dass Mädchen mitunter halt auch einfach nur Spaß wollen, zwei Jahre später für „Penthouse“ und „Playboy“ auszieht oder im millionenfach verkauften Bildband „Sex“ zur LP „Erotica“ das Selbstbestimmungsrecht weiblicher Erotik propagiert: Durch die Wirkmacht ihrer Popularität macht Madonna in jeder Karrierephase alle eigenständiger, deren Gefühlshaushalt unter Kuratel der herrschenden, meist männlichen Moral steht. Und das sind beileibe nicht nur Frauen, sondern andersartige Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Identität.
Madonna und ihr Kampf für LGBTQ+-Rechte
Spätestens, als ihr schwuler Freund und Vertrauter Martin Burgoyne mit 23 Jahren an AIDS stirbt, engagiert sich Madonna auch auf offener Bühne für die Rechte Homosexueller. 1989 dann folgt der Affront, im Video zum nachdenklichen „Like A Prayer“ einen schwarzen Jesus zu küssen. Beides macht sie zwar mehr denn je zur Zielscheibe evangelikaler Rechtspopulisten, die unter Präsident Reagan nicht weniger als unter Donald Trump jede Abweichung vom heteronormativen Mainstream verteufeln. Vor allem aber wird Madonna so zur Ikone nahezu sämtlicher Zuflüsse, die heutzutage unter dem Sammelbegriff LGBTQ+ firmieren.
Kurz, bevor die renitenten Riot Grrrls der späten Achtziger im Folgejahrzehnt zu Spice Girls werden, die Repräsentation und Selbstermächtigung eher materialistisch als emanzipatorisch auffassen, macht die „Blond Ambition Tour“ Madonna 1990 also endgültig zur antirassistischen Queer-Aktivistin. Oder wie sie selbst es ausdrückt: „Ich habe mich mit den Augen eines heterosexuellen Machos angeschaut und gemerkt: Ich kann auch ganz anders.“
Ihre Häutungsprozesse, die auch danach noch Moden und Stile in aller Welt beeinflussen, frühstückt Michael Ogdens Porträt zwar etwas zu fix ab. Am Ende seiner Zeitreise aber blickt man klarer auf ein Selbstvermarktungsgenie, das die Grenzen seiner Prinzipien zur PR und umgekehrt seit jeher selbst zieht und sich damit länger als jedes andere im Aufsichtsrat der Aufmerksamkeitsindustrie hält. Nur eines braucht Madonna Louise Ciccone, geboren am 16. August 1958 in Bay City, längst nicht mehr, um 41 Jahre nach „Like A Virgin“ wohl auch ihr 16. Album in die Top-3 der US-Charts zu bringen: Skandale.
Becoming Madonna, 90 Minuten, ab 9. August in der ZDF-Mediathek und am 23. August in 3sat