Handball

System entschlüsselt? – „In keiner Weise!“

Fabian Gutbrod hat in dieser Saison mit Schulterproblemen zu kämpfen. Aktuell kann der Kapitän gar nicht spielen. Foto: Christian Beier
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Fabian Gutbrod hat in dieser Saison mit Schulterproblemen zu kämpfen. Aktuell kann der Kapitän gar nicht spielen.

Kapitän Fabian Gutbrod hat 2021 einen BHC am Leistungslimit gefolgt von einem Abwärtsstrudel gesehen.

Das Gespräch führte Günter Hiege

Rückraumwunder, doppelte Quarantäne, sich ankündigende Personalwechsel, Hallenpläne und Depression mit zehn Spielen ohne Sieg nach gutem Saisonstart: Mit Fabian Gutbrod blicken wir auf ein bewegtes Jahr 2021 bei Handball-Bundesligist Bergischer HC zurück.

Was wird Ihnen im Rückblick auf das BHC-Jahr 2021 vermutlich am meisten in Erinnerung bleiben?

Fabian Gutbrod: Ich glaube schon die aktuelle Phase, weil sie für uns als Mannschaft, aber auch den Verein sehr anstrengend und frustrierend ist. Weil wir in eine Situation gekommen sind, die wir sicherlich teilweise mit verschuldet haben, mit der man aber nicht rechnen konnte.

Sie sind jetzt neun Jahre beim BHC, wo würden Sie das gesamte Jahr hier einordnen, auch wenn die letzte Phase sehr prägend ist?

Gutbrod: Als Sportler tut man sich schwer, ein ganzes Jahr zusammenzufassen. Aber trotz der Phase aktuell glaube ich, dass wir, wie in den zwei Jahren zuvor, die Entwicklung des ganzen Vereins vorangetrieben haben. Nicht nur, was die Ergebnisse angeht, sondern es wird unglaublich viel an den Strukturen gearbeitet. Es wird versucht, einen Kern der Mannschaft dabei zu halten, die eine Identität nach außen tragen. Mit dem Trainingszentrum, mit Severin Feldmann als Physiotherapeut – da gibt es ganz viele Dinge, die man zur positiven Entwicklung, die der Club in den vorigen Jahren genommen hat, dazuzählen kann.

Vor der WM-Pause im Frühjahr ist der BHC in der Bundesliga die Mannschaft mit den meisten Rückraumtoren gewesen, das gab es zuvor noch nie. Wie haben Sie das erlebt?

Gutbrod: Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass wir David Schmidt verpflichtet haben, der unheimlich viel Torgefahr ausstrahlt. Dann haben wir jemanden wie Linus Arnesson, der aus neun Metern gut werfen kann. Lukas Stutzke, Alex Weck und ich gehören auch dazu. Da haben wir uns einfach sportlich in einer sehr guten Phase befunden, sowohl als Team als auch individuell.

Macht man sich da Hoffnungen auf einen Europapokal-Platz?

Gutbrod: Das ist nur zum Teil beeinflussbar. Auch zu dem Zeitpunkt wussten wir, dass wir in der guten Phase sind. Wie das im Sport so ist, kommt dann meistens eine Phase, die nicht so gut ist. Natürlich wäre es toll gewesen, wenn wir uns für Europa qualifiziert hätten, aber es wurde nie ernsthaft thematisiert oder als Ziel ausgegeben.

Es folgte die doppelte Quarantäne. Welchen Anteil hatte die aus Ihrer Sicht am weiteren Saisonverlauf? Der BHC hat nach der zweiten Quarantäne gleich Essen mit 32:22 geschlagen, war nach Verlustpunkten Fünfter, doch dann folgten 6:20-Zähler, was am Ende Rang zwölf bedeutete.

Gutbrod: Die Quarantäne kam für uns zum denkbar schlechten Zeitpunkt, weil wir körperlich als auch spielerisch sehr gut waren. Dann darf man nicht vergessen, dass ein Großteil der Mannschaft auch krank war mit Covid. Es liegt in der Natur der Sache, dass das schwächt. Und wir haben ja dann im Prinzip fünf Wochen während der laufenden Saison nicht trainieren können. Vor dem Spiel in Essen hatten wir eine Trainingseinheit und die noch ohne Trainer Sebastian Hinze. Da stand der Vater von Alex Weck im Tor. Das ist symbolisch dafür, wie mühsam es war, als Mannschaft wieder in die Spur zu finden. Wir hatten auch danach kaum Zeit, zu trainieren, weil die Spiele so eng getaktet waren, viele Spiele nachgeholt werden mussten. Man hat gar keine Zeit gehabt, an seiner körperlichen Verfassung zu arbeiten. Du hattest im Prinzip nur die Zeit, dich auf den Gegner vorzubereiten, nicht aber taktische Dinge einzustudieren.

Im April kam die Nachricht, dass Trainer Hinze nach zehn Jahren zum Ende der Saison 2022 zu den Rhein-Neckar Löwen geht. Was macht das mit der Mannschaft, was hat es mit Ihnen gemacht?

Gutbrod: Bei mir ist das zweigeteilt. Auf der einen Seite ist das Profisport, und da passiert es immer wieder, dass Spieler und Trainer sich für eine andere Mannschaft entscheiden, das ist ihr gutes Recht. Das hat mich nicht umgeworfen. Persönlich finde ich es schade, weil ich immer ein gutes Verhältnis zu Sebastian hatte und überzeugt von seiner Qualität als Trainer bin. Für die gesamte Mannschaft gilt das ähnlich. Ich weiß, dass es keinen Bruch zwischen Team und Trainer gegeben hat, seit die Entscheidung publik wurde.

Welchen Anteil hatten die Verletzungen, die es ja auch in der Endphase der vergangenen Saison reichlich gegeben hat, am späteren Abschneiden.

Gutbrod: Man sieht, dass jeder Spieler wichtig ist. Wenn Leute wegbrechen, haben wir eben nicht die Breite, um das zu kompensieren.

Man hatte nicht den Eindruck, dass das Team nach dem Sommer, als es in der Vorbereitung intensiv arbeiten konnte, die Verletzten zurück waren und ja auch nur zwei Neue zu integrieren waren, wieder so weit war wie zu Jahresbeginn. Sehen Sie das auch so?

Gutbrod: Es ist schwierig, das pauschal zu beantworten. Fakt ist wohl, dass eine BHC-Mannschaft noch nie davor und danach so gut funktioniert hat, wie in der angesprochenen Phase. Ich weiß nicht, ob das immer der Gradmesser sein muss.

Dennoch ist der BHC mit 9:7-Punkten ja recht erfolgreich gestartet. Was war die Ursache für den Bruch danach mit bis Montagabend 2:16-Punkten?

Gutbrod: Wenn ich den wüsste, hätte man viel früher einen Lösungsansatz finden können. Ich glaube, es ist ein Mix aus vielen Faktoren. Ich erinnere mich an das Erlangen-Spiel, wo wir viel besser sind, aber nur einen Punkt mitnehmen und danach in einen Abwärtsstrudel kommen, anfangen unser System zu verlassen. Dann kommt etwas Spielpech dazu, dann die Verletzungen, die uns extrem wehgetan haben. Wir haben auch viel mehr individuelle Fehler gemacht als zuvor. Das ist schwer zu kompensieren, wenn man kaum noch Wechseloptionen hat.

Dass der Trainer nach der Saison geht, ist eine Sache, dann weiß man aber nach recht kurzer Zeit, dass auch sechs Spieler gehen werden. Zuletzt kam die Nachricht von David Schmidt. Spielt das eine Rolle?

Gutbrod: Darüber möchte ich mir keine Gedanken machen oder machen müssen. Ich gehe davon aus, dass jeder, der beim BHC ist, bis zum letzten Tag alles in die Waagschale wirft. Also nein – das spielt überhaupt keine Rolle.

Als Team haben Sie es wieder nicht geschafft, in Düsseldorf den ersten Heimsieg zu landen. In vier Spielen 2021 gab es einen Punkt gegen die Rhein-Neckar Löwen. Wie gern spielt man in der Halle?

Gutbrod: Ich spiele da gerne. Nach einem Spiel, bei dem zwar Zuschauer erlaubt gewesen, aber nicht so viele gekommen waren, habe ich mit meiner Partnerin gesprochen. Die meinte, dass die Stimmung nicht so doll war. Doch da musste ich widersprechen, weil die Stimmung, die unten auf dem Feld ankommt, scheinbar deutlich besser ist, als man es auf den Rängen wahrnimmt. Ich würde mir nur wünschen, dass wir schnellstmöglich da zwei Punkte holen, damit diese ewige Nachfragerei nach dem Düsseldorf-Fluch aufhört.

Wie verfolgt man als Mannschaft die Diskussion um eine neue Halle, die ja nun in Solingen gebaut werden soll?

Gutbrod: Schon sehr interessiert. Für den Verein ist das einfach ein limitierender Faktor und mittelfristig ein Wettbewerbsnachteil, keine Arena zu haben. Alle Spieler, die in den nächsten Jahren beim Verein unter Vertrag stehen, hoffen, dass es so schnell wie möglich in Angriff genommen wird.

Ein Ausblick: Warum glauben Sie, dass der BHC mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben wird?

Gutbrod: Weil wir jetzt Stück für Stück zu alter Stärke finden werden. Vor allem mental glaube ich, dass uns die bevorstehende Winterpause sehr gut tun wird, um die zurückliegenden zwei Monate aus dem Kopf zu bekommen und im Januar eine Art Neustart hinzulegen. Damit wir es wieder schaffen, in jedem Spiel unser System durchzudrücken.

Sie meinen also nicht, dass das System eventuell entschlüsselt ist?

Gutbrod: In keiner Weise! Wenn wir das wieder kontinuierlich über 60 Minuten auf die Platte bringen, werden wir zwangsläufig wieder erfolgreich sein.

Was ist Ihr Ziel mit der Mannschaft für 2022?

Gutbrod: So schnell wie möglich diese Phase zu überstehen und dann vielleicht in eine Euphorie zu kommen, wie wir sie hier schon hatten.

Und im Sommer gibt es ja dann auch neue Kollegen...

Gutbrod: Vor allem wenn man sieht, wer alles zum BHC kommt, müssen wir uns über mangelnde Qualität keine Sorgen machen. Das ist aber wirklich ein Ausblick, der viel zu weit geht. Bis dahin ist noch so viel für uns und auch für Sebastian zu tun. Wenn wir das erledigt haben, können wir gern über die neue Saison sprechen.

Persönlich

Seit 2013 ist Fabian Gutbrod beim Bergischen HC, das Amt des Kapitäns übernahm er im Sommer 2020. Aktuell ist der 33-Jährige allerdings Teil des großen Lazaretts. Eine Schulterverletzung setzt ihn vorerst außer Gefecht.

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