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So muss et sein: Jörg Musset ist mit sich im Reinen

Nach einer schweren Erkrankung im vergangenen Jahr ist Jörg Musset wieder der Alte. Er freut sich auf das, was da so kommt.
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Nach einer schweren Erkrankung im vergangenen Jahr ist Jörg Musset wieder der Alte. Er freut sich auf das, was da so kommt.
  • Andreas Dach
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An der frischen Luft mit Jörg Musset – Der Sportliche Leiter aus Born kann nicht vom Fußball lassen.

Wie tickt jemand, von dem man sagt, dass er in sich ruht? Oder anders ausgedrückt: der mit sich im Reinen ist? Jörg Musset ist so ein Typ, den diese Attribute mit Blick von Außen seit jeher begleiten. Man sagt ihm nach, dass ihn nichts so leicht aus der Fassung bringt. Dass er im Beruf und im Sport die nötige Gelassenheit mitbringt. Ein gemeinsamer Spaziergang um die Talsperre soll Einblicke gewähren. Auf geht´s! Bei strahlendem Sonnenschein, aber eher frischen Temperaturen.

Der 49-jährige gebürtige Remscheider zieht den Reißverschluss seiner Jacke bis ganz nach oben. „Ganz schön kühl hier“, sagt er. Man sieht dem Sportlichen Leiter des SSV Bergisch Born nicht an, dass er im vergangenen Jahr sehr krank gewesen ist. „Ich habe schon an die Tür geklopft“, berichtet er mit ernstem Gesicht. Will sagen: Es stand so schlimm um ihn, dass man sich ernsthaft um ihn sorgen musste.

Los geht es im Sommer 2020 bei einem Testspiel des SSV in Schlebusch. „Ich habe mich plötzlich schlapp gefühlt“, sind seine Erinnerungen noch sehr präsent. „Es war so wie bei einer nahenden Grippe.“ Innerhalb von zwei Wochen nimmt Musset zehn Kilogramm ab. Morgens fühlt er sich wohl, mittags bekommt er Schüttelfrost und Fieber. Das wiederholt sich jeden Tag. Unerklärlich. Und nicht zu akzeptieren für einen Mann, der im Laufe seines Lebens nie krank war. Fehlstunden bei der Arbeit? „Ich kann mich nicht erinnern, dass es das mal bei mir gegeben hat.“ Das soll sich ändern. Hat er vielleicht Corona? Nein, das kann bei einer der vielen Untersuchungen schnell ausgeschlossen werden.

„So kannte mich meine Familie nicht“, sagt er mit Blick auf seinen körperlichen Verfall und sein Unwohlsein. Nicht Ehefrau Ricarda, nicht die Kinder Gian-Luca (19) und Gina (17). Sie alle sind in größter Sorge. Zurecht, wie man später erfahren sollte. Leberabszess plus Blutvergiftung. So lautet die Diagnose, nachdem man im Wuppertaler Helios Klarheit geschaffen hat. Musset muss operiert werden. „Die Mediziner haben den Abszess rausgeholt“, berichtet er. „Er hat nah an der Lunge gesessen.“

Wie man mittlerweile weiß: Als Ursache für die Entstehung dieses fiesen Teils könnte ein entzündeter Zahn taugen. „Ich habe ausgesehen wie der Tod auf Schluffen“, schildert der mit seiner Familie in Hückeswagen lebende Jörg Musset. Was zusätzlich für Sorgenfalten auf der Stirn sorgte: Ein Jahr zuvor ist die geliebte Mutter gestorben. An Leberkrebs. „Da machst du dir schon Gedanken“, gibt Musset zu. Inzwischen ist er wieder der Alte. Der, den man kennt. Groß, kräftig, Pläne schmiedend. „Ich bin sehr dankbar“, sagt er, „und mit mir im Reinen.“ Musset ist es wichtig, dass zu betonen. Womit wir wieder bei der Eingangsthese sind.

RGA-Sportredakteur Andreas Dach und Jörg Musset an der Talsperre.

Er wächst am Lenneper Hasenberg auf. Dort kickt er mit Tennisbällen auf dem Schulhof der Grundschule zwischen zwei Mülleimern, ist acht Jahre alt. Irgendwann reicht es der Mama mit dem unorganisierten Fußballspielen: „Du gehst in einen Verein.“ Es ist die SG Hackenberg, bei welcher der kleine Jörg angemeldet wird. Nebenbei reitet er. Der Opa hat ihm ein Pferd gekauft, welches am Borner Tefental steht.

Wahrscheinlich werden Tugenden wie Disziplin und Hartnäckigkeit schon in diesem jungen Alter bei ihm gefördert. Er will beidem gerecht werden. Dem Fußball und dem Reitsport. Wobei die Arbeit am Ball zunehmend mehr in seinen Fokus gerät. „Es war eine schöne Zeit bei der SGH“, stellt er heraus. Von der E- bis zur B-Jugend spielt er dort. Anfangs als Stürmer, später auf Geheiß von Trainer Hans-Rolf Fuchs als Abwehrspieler. Die Pfingstturniere und die Mannschaftsfahrten ins ehemalige Jugoslawien sind ihm besonders im Gedächtnis haften geblieben.

Aktive Zeiten: Jörg Musset (r.) mit Ernst Cebula im Dress des SV 09 Wermelskirchen.

Weiter geht es zum BVL 08 Remscheid. B-Jugend, A-Jugend – Jörg Musset weiß zu überzeugen. So sehr, dass er in seinem ersten Seniorenjahr dem Oberligateam angehört. „Ich bin dankbar, mit solchen Spielern im Kader gestanden zu haben“, sagt er. Und nennt beispielhaft Uwe Freitag, Michael Griehsbach und Zdenko Kosanovic. Gerade Letzterer sei so etwas wie eine Vaterfigur gewesen, als er wegen weniger Einsätze schon ans Aufhören gedacht hatte: „Zdenko hat mir den Kopf gewaschen, damit ich weitermache.“

„Andere waren besser, ich habe mich aufgeopfert!“

Jörg Musset

Später landet Jörg Musset beim SV 09 Wermelskirchen, wo er es mit Spielern wie Rainer Wolff, Michael Stach und Michael Haldenwang zu tun bekommt. Dort und auch bei den folgenden Stationen (VfL Gevelsberg, TSV Ronsdorf, Bayer Wuppertal) begleitet ihn der Spitzname „Kohler“. Was mit Einstellung zu tun hat. Leidenschaft, Wille und Zweikampfstärke – für sie stand Musset: „Andere waren besser, aber ich habe mich aufgeopfert.“ Für sie stand vor allem aber auch Weltmeister Jürgen Kohler.

Mit 28 Jahren beendet er seine Laufbahn. Früh, aber konsequent. Er heiratet seine Ricarda, mit der er schon seit dem 18. Lebensjahr zusammen ist. Wenig später kommt der Nachwuchs. Glück pur im Hause Musset. „Mein Anliegen ist es, dass es meiner Familie gut geht“, betont Jörg Musset. Dafür tut er alles. Sohn Gian-Luca mochte auch Fußballer werden. Musset geht mit ihm zum Training des RSV Hückeswagen. Letztlich soll sein Knirps aber beim SSV Bergisch Born landen. „Wir waren bei einem Turnier des SSV. Dort hat mir gefallen, wie der Verein mit Kindern und Jugendlichen umgegangen ist.“

Eine Entscheidung mit Folgen. Mittlerweile ist Jörg Musset selbst ein Borner. Nicht etwa als Trainer, wie man vermuten könnte („Nicht mein Ding – ich ziehe den Hut vor jedem, der das Amt ausübt“), sondern als Funktionär. Anfangs wird er gefragt, ob er mal helfen könne. Wenig später wird er Sportlicher Leiter des SSV und gehört dem erweiterten Vorstand an. Jörg Musset fühlt sich wohl und sagt: „Wir sind noch nicht fertig in Bergisch Born.“

Ein Päuschen in Ehren . . . Jörg Musset liebt die Sonne, macht gerne mit seiner Frau Urlaub in Italien.

Will sagen: Trotz der im Team geschaffen Strukturen und einer im Jugend- und Seniorenbereich enormen sportlichen Entwicklung sieht der 49-Jährige das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Beispielhafte Ziele? „Wir möchten mit der 1. Mannschaft in die Landesliga und mit der 2. Mannschaft als Unterbau in die Bezirksliga.“ Wann – das sagt er nicht. Aber man darf von einer Kurz- bis Mittelfristigkeit ausgehen.

Musset hat auf zweitem Bildungsweg seinen Betriebswirt gemacht, ist leitender Angestellter in einer Holding: „Menschen und Zahlen sind mein Ding.“ Das spürt man beim Gang um die Sperre. Er kann gut zuhören, sich auf sein Gegenüber einlassen. Ruht er deshalb in sich? Ist mit sich im Reinen? Wahrscheinlich ist es so. So ganz auflösen können wir es nicht.

Auf jeden Fall nimmt man Jörg Musset ab, dass Begriffe wie Kollektiv, Identifikation, Werte und Einheitlichkeit bezogen auf sein Leben und die Vereinsarbeit keine Plattitüden sind. Musset ist einer vom alten Schlag, der sich der „neuen“ Sportwelt nicht verschließt. Mit klarem Blick für die Realitäten. Bezogen auf den SSV Bergisch Born: „Wir wissen, dass wir so etwas wie ein Durchlauferhitzer sind.“ Aber man arbeitet daran, die jungen Leute zu halten. Manch einer kommt ja auch wieder. Wie Sohn Gian-Luca. Er hat im Nachwuchsbereich für den WSV gespielt, steht jetzt im Tor der 1. Mannschaft.

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Seit Mitte November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin um die Eschbach-Talsperre in Remscheid. Bislang waren dabei Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz Anne Ueberholz, Henning Weber und nun Jörg Musset.

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