Serie

Sie führt ein Leben auf der Überholspur

Mit sich und der Welt im Reinen: Inge Raabe kann auf eine tolle Laufbahn als Sportlerin zurückblicken. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Der Ironman Frankfurt ist noch ein großes Ziel.
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Mit sich und der Welt im Reinen: Inge Raabe kann auf eine tolle Laufbahn als Sportlerin zurückblicken. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Der Ironman Frankfurt ist noch ein großes Ziel.
  • Andreas Dach
    VonAndreas Dach
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An der frischen Luft mit Inge Raabe – Mit Ehemann Frank an ihrer Seite kommt sie nicht vom Wege ab.

Wir alle kennen sie als überragende Läuferin. Als eine Sportlerin, die unglaublich viel Energie investiert, um ihr großes Hobby mit Leben zu erfüllen. Dazu braucht es ein Höchstmaß an Disziplin. An Willen. An Ehrgeiz. Doch es gibt auch eine andere Inge Raabe. Eine, die steil gegangen ist, in Discos unterwegs war und mit Vorliebe Urlaube in den Partyhochburgen Mallorca und Gran Canaria gemacht hat. „Bis zu meinem 30. Lebensjahr war ich eine andere“, sagt sie.

Um solche Details mit viel Nachdenklichkeit verbal serviert zu bekommen, braucht man Zeit. Muss ihr Vertrauen gewinnen. Dann erfährt man Unerwartetes und Spannendes aus dem Leben der gelernten Krankenschwester - bei einem unserer mittlerweile kultigen Spaziergänge um die Remscheider Talsperre.

Die 56-Jährige ist pünktlich. Farbenfrohe Jacke, Schal, Jeans, Sportschuhe - die gebürtige Remscheiderin ist gerüstet für die knapp drei Kilometer. „Wir haben uns ja lange nicht gesehen“, sagt sie. Stimmt: Der Mangel an Wettbewerben hat auch den Kontakt zwischen Sportredakteur und Athletin in letzter Zeit stark minimiert. Umso schöner ist es, jetzt Zeit füreinander zu haben. Zumal die Vorzeigeläuferin eine Menge zu erzählen hat. Mehr als man erwarten konnte.

Kurz vor dem „Sprint“: Andreas Dach und Inge Raabe auf der Sperrmauer.

Zum Beispiel über ihre Anfänge im Sport. Nicht alle dürften wissen, dass sie als Kind Rollkunstläuferin beim RTV war. Ihre „Karriere“ sollte indes früh enden. Schon im Alter von zwölf Jahren. „Ich habe einen bösen Unfall gehabt“, sagt sie, zeigt Narben am Hals und am Arm. Sie hatte sich damals an einem Fahrrad festgehalten: „Ich wollte wissen, wie schnell ich auf Rollen sein kann.“ Zu schnell: Sie fliegt aus einer Kurve, landet in einer Scheibe. In Reinshagen war das. „Ich war schon eine Wilde damals“, gibt Inge Raabe zu.

In der Folge spielt sie erst Tennis, probiert dann das Windsurfen aus. Auf der Bever und am Fühlinger See. „Aber das war auch nichts für mich“, berichtet sie. „Ich war häufiger im Wasser als auf dem Brett.“ Man muss halt seine Erfahrungen machen, bis man beim passenden Sport ist. Es soll das Laufen sein - nach einer zehnjährigen Zwischenstation beim Aerobic.

Als Inge Raabe 1995 an ihrem ersten Citylauf teilnimmt, ist sie völlig ahnungslos, was Trainingsinhalte angeht: „Ich fand Laufen immer anstrengend.“ Trotzdem kommt über die 10 Kilometer eine Zeit von 49,51 Minuten heraus. Kurze Zeit später in Essen beim Halbmarathon braucht sie 1:51 Stunden. Raabe ist angefixt. „Da“, sagt sie, „war die Nadel drin.“

Seitdem kommt sie nicht mehr vom Laufen los, will das auch gar nicht. „Solange es geht, mache ich weiter“, stellt sie klar. 1996 in New York läuft sie ihren ersten Marathon (4:20 Std.). „Ich habe gelitten“, weiß sie noch, dass sie hinterher bei der Sightseeingtour zu den Niagara-Fällen nur noch rückwärts aus dem Bus aussteigen konnte. Alles tat ihr weh.

Irgendwann sollte sie sich ein Buch kaufen, geschrieben vom legendären Läufer Herbert Steffny. Sie wurde Autodidaktin, brachte sich selbst viel bei. In Köln 1999 bringt sie den Marathon in 3:30 Stunden hinter sich, merkt: „Es funktioniert ja mit dem Besserwerden.“

Längst ist sie in der Szene anerkannt, fühlt sich wohl bei TuRa Süd. „Aber da sind alle immer nur schnell gelaufen“, berichtet sie mit einem Lächeln. „Ich wollte mehr wissen.“ Das gelingt. Dank Steffny.

Wenn sie einmal unterwegs ist, gibt es kein Halten mehr.

An der Talsperre machen wir einen Zwischenstopp. Für Fotos an einem Fleckchen Erde, an welchem sich Inge Raabe nach eigenen Angaben die mentale Stärke geholt hat. „Hier habe ich bezüglich der absolvierten Kilometer bestimmt schon eine Weltumrundung hinter mir“, überlegt sie. Sie liebt diese Runde, von welche sie manchmal im Training zwölf hintereinander gelaufen ist.

„Das Laufen ist meine Leidenschaft“, sagt sie. „Meine Berufung. Ich liebe es.“ Da ist es gut, dass sie einen verständnisvollen Ehemann an ihrer Seite an. Mit Frank vom Wege ist sie seit 2006 verheiratet. „Er ist mein Ruhepol“, betont sie. Mit den beiden passt es. Sicherlich auch, weil vom Wege ebenfalls Läufer ist, wenn auch die Umfänge bei dem 63-Jährigen meist etwas reduzierter sind. Überwiegend an Wochenenden sind die beiden gemeinsam unterwegs, dazu in den Urlauben. „Die vermisse ich sehr“, spricht Raabe Worte, die wahrscheinlich auch viele andere so unterschreiben würden. Sie erinnert sich auch liebend gerne an ihren 50. Geburtstag, als die beiden zusammen mit dem Röntgensportclub am Darß waren: „Da habe ich am Marathon teilgenommen und sogar gewonnen.“

„Ich vermisse das Bauchgrummeln vor dem Start!“

Inge Raabe, Läuferin

Erfolge und Topzeiten pflastern seit Jahrzehnten ihren Weg. Gerade auch beim Röntgenlauf hat sie vor heimischen Publikum Maßstäbe gesetzt - beim Marathon und beim Ultra. Umso mehr vermisst Inge Raabe die Wettkämpfe, „dieses Bauchgrummeln vor dem Start“. Wobei ihr die Gemeinschaft genauso wichtig ist: „Man lernt so viele nette und liebenswerte Menschen kennen.“ Mit ihrem Liebsten lebt sie in Honsberg, fühlt sich dort wohl. Vom Wege gibt ihr Kraft, tritt auch schon mal dezent auf die Bremse, wenn Raabe zum Überdrehen neigt.

Aber er weiß auch: Diese Frau braucht ihren (Aus)Lauf, ihre Bewegung. Gerade auch, um ihren anspruchsvollen Beruf bewältigen zu können. Von 1982 bis 1985 hat Raabe ihre Ausbildung zur Krankenschwester im Krankenhaus an der Burger Straße gemacht. „Meine Mutter ist mit 42 Jahren gestorben“, verweist sie auf einen sehr traurigen Moment ihres Lebens. „Ich konnte ihr nicht helfen. Deshalb habe ich gedacht, ich helfe anderen Menschen.“ Meist war sie in der Dialyse tätig, ist das auch heute. Zwischendurch war Inge Raabe auch mal OP-Schwester. „Ich gehe gerne zur Arbeit“, sagt sie. Dass sie im Sana im Teilzeitdienst ist, gibt ihr die Möglichkeit, sich darüber hinaus dem Sport zu widmen. „Den brauche ich für den Körper und den Geist.“ Raabe wird mit viel Leid konfrontiert, ist froh, Dinge beim Laufen verarbeiten zu können.

Eine jubilierende Inge Raabe - ein solches Bild hat keinen Seltenheitswert. Hier lässt die Remscheiderin ihre Freude im Ziel des Röntgenlaufs 2018 in Hackenberg aus.

Seit einiger Zeit auch beim Radfahren. Beim Remscheider Stadtradeln hat sie unlängst die Goldplakette eingesackt. Eine passable Schwimmerin ist sie auch. Weshalb ihr Wunsch, den Ironman in Frankfurt zu bestreiten, nicht überrascht. In Hückeswagen hat sie schon einmal am Kurztriathlon teilgenommen, Blut geleckt. Spätestens bis zu ihrem 60. Geburtstag soll die große Nummer in Hessen folgen. Es ist ihr zuzutrauen.

Auf den letzten Metern der Runde um die Talsperre machen wir auch ein wenig (Walk-)Tempo. Der Sportredakteur mit seinen langen Schritten, die Sportlerin mit ihrer läuferischen Eleganz. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die langsamen Einheiten sind eher nichts für sie.

Auf ihrem Auto klebt ein „Röntgenläufer“. „Ein bisschen Werbung muss ich doch machen“, sagt sie. Und zeigt auch auf eine Kappe auf der hinteren Ablage ihres Fahrzeugs. „Renniere“ steht dort. „In dem Verein bin ich auch“, stellt sie heraus. „Wir unterstützen dialysepflichtige Kinder.“ Eine Herzensangelegenheit für Inge Raabe.

Sie wirkt glücklich, mit sich im Reinen. Nur eins fehlt in diesen Coronazeiten: die gemeinsamen Saunabesuche mit ihrem Mann. „Im Vabali in Düsseldorf ist das wie ein Tag Urlaub“, nennt sie ihre liebste Anlaufstelle für die Entspannungseinheit. Dabei habe sie anfangs zu ihrem Frank gesagt: „Schwitzen kann ich auch beim Laufen.“

Serie

Seit Mitte November 2020 spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin um die Talsperre. Bislang mit: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke/Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier – und jetzt Inge Raabe.

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