Fußball

Remscheider rettet Eriksen das Leben

Dr. Jens Kleinefeld ist in Remscheid groß geworden und hat am Leibniz-Gymnasium in Lüttringhausen sein Abitur gemacht. Foto:
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Dr. Jens Kleinefeld ist in Remscheid groß geworden und hat am Leibniz-Gymnasium in Lüttringhausen sein Abitur gemacht.
  • Fabian Herzog
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Dr. Jens Kleinefeld war es, der den dänischen Fußballer bei der EM erfolgreich reanimiert hat

Portugals Cristiano Ronaldo wurde als Torschützenkönig gekürt. Italiens Klasse-Keeper Gianluigi Donnarumma als Spieler des Turniers. Und Spaniens Megatalent Pedri bekam von der Uefa die Auszeichnung als bester junger Spieler. Für viele Fußballfans war der Star der vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen Europameisterschaft aber ein anderer: Dr. Jens Kleinefeld. Denn der gebürtige Düsseldorfer, der in Remscheid aufgewachsen ist, 1983 am Leibniz-Gymnasium in Lüttringhausen sein Abitur gemacht hat und mittlerweile seit 15 Jahren in Köln lebt, war es, der dem Dänen Christian Eriksen am zweiten EM-Tag das Leben gerettet hat. Und damit ganz nebenbei einen möglichen Abbruch des Turniers verhindert hat. Ja, richtig gelesen: Der Held des Dramas von Kopenhagen hat bergische Wurzeln.

Er selbst sieht seine Rolle allerdings ganz anders. In aller Bescheidenheit sagt der 57-Jährige: „Das gehört halt zu meinem Beruf dazu.“ Kleinefeld ist ausgebildeter Facharzt für Anästhesie-, Intensiv- und Notfallmedizin, war lange Jahre Leiter im Rettungsdienst der Stadt Solingen, Ausbilder und Prüfer an der staatlichen Rettungsassistentenschule und leitender Notarzt der Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal.

„Für mich war mit das Wichtigste zu zeigen, wie leicht es ist, jemandem das Leben zu retten.“

Dr. Jens Kleinefeld

Er bezeichnet es schon als Routine, Menschenleben zu retten. „Mehrere hundert Mal“ habe er eine solche Situation erlebt. „Es gibt schlimmere Fälle als diesen aktuellen“, sagt er. „Wenn man Kinder reanimieren muss oder junge Leute nach einem Verkehrsunfall.“ Entsprechend gefasst ist er mit den Geschehnissen des 12. Juni umgegangen. Von Stolz oder Ähnlichem keine Spur. „Für mich war mit das Wichtigste zu zeigen, wie leicht es ist, jemandem das Leben zu retten.“ Bewegend sei allerdings auch für ihn gewesen, als den Zuschauern im Stadion die Nachricht des wieder positiven Gesundheitszustands Eriksens per Anzeigetafel übermittelt wurde. „Das war ein Gänsehautmoment“, erinnert sich Kleinefeld.

Eigentlich war der Mediziner bei der Europameisterschaft in anderer Mission unterwegs. Wie bei so vielen Turnieren zuvor, lag der gesamte Bereich der Dopingkontrollen in der Verantwortung des 57-Jährigen – dem Doping Control Officer. Vor dem Anpfiff der Partie zwischen Dänemark und Finnland hatte Kleinefeld aber eben zudem – wie bei „seinen“ anderen Spielen während der EM auch – die Notfallschulung des sogenannten Sideline-Teams vorgenommen. Also nicht die der Mannschaftsärzte und Physios, sondern der Ersthelfer am Spielfeldrand. „Ich hatte denen auch gesagt, dass ich ihnen im schlimmsten Fall zur Hilfe kommen werde“, erzählt Kleinefeld. Dieser trat, wie bekannt, dann tatsächlich auch ein.

Als Eriksen zusammenbrach, erkannte der langjährige Remscheider sofort den Ernst der Lage und wusste, dass er gebraucht würde. Kleinefeld verließ seinen Tribünenplatz, eilte auf die gegenüberliegende Seite des Spielfeldes und setzte den schon vorbereiteten Defibrillator ein. „Das Sideline-Team hatte vorher schon super Arbeit geleistet“, lobt Kleinefeld die ersten Maßnahmen und damit das Zusammenspiel aller an der Lebensrettung Beteiligten. Denn nur als Team funktioniere so etwas.

Dr. Jens Kleinefeld (hinten, 3. v. l.) trug maßgeblich zur Lebensrettung Christian Eriksens bei.

Doch nicht immer gehen Situationen wie diese so glimpflich zu Ende. Selbst wenn Mannschaftsärzte oder Physios vor Ort sind. „Wer unerfahren ist, kann in diesem Moment nicht klar denken“, nimmt er die Kollegen, meist eben mit orthopädischem Hintergrund, in Schutz. Nur zu wissen, dass bei einer Herzdruckmassage im Rhythmus „30 Mal drücken, zweimal beatmen“ vorgegangen wird, reiche eben nicht aus. Auch deshalb hat er sich mit seiner 2014 in der Nähe der Deutschen Sporthochschule Köln gegründeten SMS GmbH (Sports Medical Services) zur Aufgabe gemacht, Vereine und Verbände auf einen solchen Notfall besser vorzubereiten. „Gerade Leistungssportler haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, einen plötzlichen Herztod zu erleiden“, sagt Dr. Jens Kleinefeld. Auf der Grundlage verschiedener Analysen, wie der Tatsache, dass weltweit im Schnitt ein Fußballer pro Monat zusammenbricht, wurde ein Konzept entwickelt, das beispielsweise den Bundesligavereinen in einer intensiven Notfallschulung nähergebracht wird.

Ihm selbst half im Fall Eriksen sein enormer Erfahrungsschatz. „In dem Moment blendet man alles andere aus und ist nur auf den Spieler konzentriert. Ich habe das Drumherum überhaupt nicht wahrgenommen.“ Bei einem plötzlichen Herztod hänge viel von den Automatismen ab. Zum Beispiel: Wer ist wo positioniert? „Das sind zwar Kleinigkeiten“, sagt Kleinefeld, „aber die sind so wichtig.“ Denn: „In so einem Notfall sind die meisten einfach überfordert. Egal, wer da ist.“

Dankeschön durch den dänischen Fußballverband

Der langjährige Remscheider wusste genau, was zu tun ist. Weshalb Christian Eriksen überhaupt noch lebt und sogar auf eine Fortsetzung seiner Karriere hoffen kann. „Einen persönlichen Kontakt hat es danach nicht gegeben“, erzählt Kleinefeld. „Aber über den dänischen Fußball-Verband hat er sich bedankt. Ansonsten wollte er seine Ruhe haben, was ich gut nachvollziehen kann.“ Von der Uefa gab es als Anerkennung für alle an dem Fall beteiligten Mediziner eine Einladung zum Endspiel nach London. Kleinefeld sagte aber dankend ab, weil er sich am Donnerstag schon auf den Weg nach Tokio gemacht hat, um bei den Olympischen Spielen sein Fachwissen einzubringen.

Es wird nach unzähligen Fußball-Turnieren – auch bei Olympia war er bereits im Einsatz – das nächste Großereignis für den Wahl-Kölner, der schon mit sämtlichen Stars auf Tuchfühlung gegangen ist. Bei einigen, wie dem brasilianischen Superstar Neymar, war er sogar schon zu Hause. Dass er dabei mittlerweile überhaupt keine Nervosität mehr verspürt, überrascht nicht. Schließlich ist Kleinefeld für viele längst selbst ein Star.

Hintergrund

Herkunft: In Düsseldorf geboren, wuchs Jens Kleinefeld mit seinen drei Geschwistern, die auch heute noch im Elternhaus leben, in Remscheid-Reinshagen auf.

Beruflicher Weg: Nach dem Abitur ging er zur Bundeswehr und studierte anschließend in Berlin, Los Angeles und Marburg. 1992 begann seine Zeit im Solinger Klinikum. Als ärztlicher Leiter der Covid-Task-Force der Feuerwehr kehrte er dorthin zu Beginn der Pandemie sogar noch einmal zurück. Zwischendurch arbeitete Kleinefeld auch zehn Jahre im holländischen Hengelo bei Enschede, wo er die Intensivstation eines Krankenhaus leitete.

Sport: Im Verein aktiv war er nur in frühester Kindheit. Als Fußballer beim VfB Remscheid, als Schwimmer beim Remscheider SV, als Mountainbiker und auch „relativ lange“ als Judoka.„Ich war immer Hobbysportler“, sagt Kleinefeld.

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