An der frischen Luft mit...

Unterwegs mit Weltklasse-Schwimmerin Stephanie Ortwig - heute Probst

Ein feines Plätzchen in der Sonne an der Remscheider Eschbachtalsperre: Stephanie Probst, früher Ortwig, mit Hund Jogi.
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Ein feines Plätzchen in der Sonne an der Remscheider Eschbachtalsperre: Stephanie Probst, früher Ortwig, mit Hund Jogi.
  • Andreas Dach
    VonAndreas Dach
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Stolz sein konnte sie erst nach Jahren, verrät Stephanie Probst bei unserer Runde um die Remscheider Talsperre.

Remscheid. Jogi? Wirklich Jogi? Sollte Stephanie Probst, die unter ihrem Mädchennamen Ortwig eine Weltklasse-Schwimmerin gewesen ist, ihren Collie-Mischling tatsächlich nach dem Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft benannt haben? „Nein, nein“, klingt es aus ihrem Mund fast schon entschuldigend. „Er hieß schon so, als wir ihn aus dem Tierheim übernommen haben.“

Seit sieben Jahren bereichert der knuffige Vierbeiner das Leben der Familie Probst in Bergisch Born, wo sie ihr Zuhause hat. Er soll sich als unkomplizierter Begleiter während unseres Spaziergangs um die Eschbachtalsperre entpuppen. Absolut friedliebend entgegenkommenden Menschen und Hunden gegenüber, aufs Wort gehorchend. Selbst als ihm Stephanie Probst nach einem Dreiviertel der Strecke eine Zecke herausdreht, muckt der nette Kerl nicht auf. Er weiß, dass ihm geholfen wird.

Der Kontakt zum Tierheim war über die älteste Tochter Apollonia entstanden. Sie hatte seinerzeit ein Sozialpraktikum an der Schwelmer Straße absolviert und sich gleich in den damals vierjährigen Burschen verliebt. Ihren Eltern und Geschwistern sollte es beim Erstkontakt nicht anders gehen. „Er war der einzige Hund im Tierheim, der nicht angeschlagen hat“, sagt Stephanie Probst. Sie selbst ist hundeerfahren, hat sich zuvor 17 Jahre lang um Zwergpudel Susi gekümmert.

Heuschnupfen macht der einstigen Weltklasse-Schwimmerin zu schaffen

Die frühere Olympiateilnehmerin und Schwimm-Weltmeisterin hat sich kaum verändert. Sie ist groß, schlank und hat augenscheinlich Wettkampfgewicht. Dabei liegen ihre größten Erfolge mehr als 30 Jahre zurück. Die lässige Sonnenbrille nimmt sie nach den ersten Metern ab: „Das ist doch sonst blöd.“ Ohnehin geht es nicht um ein modisches Accessoire. Steffi Probst hat Heuschnupfen, lässt den Körper diese gerade in den Frühlings- und Sommermonaten unangenehme Begleiterscheinung ohne Medikamente bekämpfen.

Ein Bild von der Deutschen Meisterschaft 1989 in Dortmund: Stephanie Ortwig im Ziel. Archivfoto: Horstmüller

Wir sind noch nicht wirklich lange unterwegs, als ihr Handy klingelt. Sohn David ruft an – aus Schwerin, wo er Modedesign studiert. Ein kurzes Gespräch, dann haucht die Mama ein Küsschen ins Telefon. Ja, die Familie ist ihr wichtig. „Sie macht mich glücklich. Wir haben uns von Herzen lieb und respektieren uns so wie wir sind.“

Die Familie, das sind Ehemann Jens („Wir sind seit 23 Jahren verheiratet“), Tochter Apollonia (21), die Söhne David (20) und Noah (18) und „Nesthäkchen“ Ila (12). Sie alle haben die Waldorfschule besucht beziehungsweise tun es noch. Was auch der Grund ist, weshalb die Familie vor gut zehn Jahre aus Radevormwald nach Bergisch Born gezogen ist. In unmittelbare Nähe der Schule. Wenn es um die Familie geht, darf Mutter Ruth keinesfalls vergessen werden. Sie lebt in Lennep, unmittelbar neben dem H20 und wird im Oktober stolze 90 Jahre. Vater Günther ist bereits 1990 gestorben. Dazu später mehr.

Gerade hat sie den Trainerschein gemacht

Stephanie Probst hat nach ihrer Laufbahn und dem damit verbundenen immensen Leistungsdruck lange gebraucht, um zu sich zu finden. Dass sie bereits vor einem Vierteljahrhundert eine Ausbildung zur ganzheitlich integrativen Atemtherapeutin gemacht hat, ist ein wesentliches Hilfsmittel gewesen. Gerade erst hat sie ihren Trainerschein gemacht, der sie ermächtigt, auch größere Gruppen zu leiten. „Der Atem ist ein kosmischer Staubwedel“, sagt sie. Bedeutet: Damit lässt sich viel regulieren.

Immer wieder kommen wir während des Spaziergangs bei herrlichstem Frühlingswetter auf das Thema Atmung. Es ist ihr wichtig, soll ihr auch in den kommenden Jahren ein Hilfsmittel sein, da sie gerade dabei ist loszulassen. Die ersten beiden Kinder sind aus dem Haus, die anderen werden irgendwann folgen. Stephanie Probst will die Zeit nutzen. Für Ziele, die sie, 48-jährig, hat.

Irgendwann möchte sie ins Warme ziehen - Lanzarote ist ihre Seeleninsel

„Irgendwann“, sagt sie, „möchte ich mit meinem Mann in eine wärmere Region ziehen.“ Sie liebt das Bergische Land. Und doch: Die bestimmt 20 Familienurlaube auf Lanzarote haben sie geprägt. Das Meer, die Luft, die Wärme, die Menschen – die Kanaren dürften es gerne sein. Weshalb sie möglicherweise auch mit ihrem früheren Trainer Jürgen Schmitz in nächster Zeit mal Kontakt aufnehmen möchte. Er ist häufiger Gast auf Lanzarote, leitet dort Schwimmkurse. Ähnliches könnte sich auch Probst vorstellen: In La Santa, im Norden der Insel. Dem Revier überhaupt für Wassersport. Vielleicht ja auch in Verbindung mit ihrer Befähigung als Atemtherapeutin.

„Lanzarote ist meine Seeleninsel“, wie sie es nennt. „Dort habe ich meine Ruhe, meinen Frieden, meine Freiheit.“ Wobei die Familie in den letzten Jahren vermehrt auf Campingurlaub gesetzt hat. Von dem verstorbenen Schwiegervater hat man einen 30 Jahre alten Wohnwagen geerbt, diesen auf Vordermann gebracht, Deutschland und Europa bereist. Lago Maggiore, Korsika, Hooksiel an der Nordsee – der Kreativität sind und waren urlaubsmäßig keine Grenzen gesetzt.

Das Element ihres Lebens: Im Wasser fühlt sich Stephanie Probst schon seit dem Alter von drei Jahren pudelwohl.

Stephanie Probst holt sich damit zurück, auf was sie lange verzichtet hat. „Ich hatte keine Kindheit und keine Jugend“, sagt sie. „Dafür viel Druck.“ Den sie sich selbst machte: „Ich wollte besser werden, immer bessere Zeiten schwimmen.“

Dass die Eltern gleich neben dem damaligen Gartenhallenbad lebten und die dortige Gastronomie betrieben, ebnete ihren sportlichen Weg. „Ich war mehr im Schwimmbad als im Restaurant“, schildert sie. „Die Bademeister haben mich ein Stück weit mit erzogen.“ Nicht ohne Erfolg. Mit fünf Jahren gewinnt Steffi Ortwig für den Lenneper Schwimmverein ihren ersten Wettkampf, wird Stadtmeisterin. Der Beginn einer märchenhaften Karriere, der von viel Verzicht geprägt ist.

Sie wird mehrfache Deutsche Meisterin, schwimmt bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul auf drei siebte Plätze und holt mit der 4x200-Meter-Staffel den WM-Titel. Zwischen 1988 und 1991 ist das. Ihre größte Zeit.

Ich war nicht arrogant, wollte mich nur schützen!

Stephanie Probst, frühere Weltklasse-Schwimmerin

Spät beginnt sie, auf das Geleistete stolz zu sein. All die Dinge zu verarbeiten, welche sie geprägt haben. „Ich musste erst einmal den Blickwinkel für Schönes öffnen“, stellt sie heraus. Es war nicht immer einfach gewesen, eine Ausnahmesportlerin zu sein. Manch einer hielt sie für arrogant: „Das war ich aber gar nicht, ich wollte mich nur schützen.“

Der Krebstod ihres Vaters Günther im Jahr 1990 reißt ihr nach eigenen Angaben „den Boden unter den Füßen weg“. Er war ihr sportlicher Begleiter in all den erfolgreichen Jahren gewesen. Trotzdem macht sie ein gutes Abitur. Auch dank der Unterstützung von Sylke Juhnke. Die damalige Studentin kam als Handballerin auch aus dem Sport, begleitete sie bei den Vorbereitungen aufs Abi. „Und meine Mutter war nach Vaters Tod eine starke Frau“, ist ihr auch wichtig herauszustellen.

Mehrfach betont Stephanie Probst beim Gang um die Sperre: „Ich bin ein bisschen wie ein Hippie.“ Wir würden es vielleicht anders nennen: Sie ist eine besondere Frau. Mit Werten und Idealen. „Ich möchte, dass die Menschen im Diskurs sind und alles für die Demokratie tun“, wünscht sie sich. Viel zu viel driftet in ihrer Beobachtung gerade in der (Corona-)Welt auseinander.

„Hippie-Frau“ mit Strahlelächeln: Stephanie Probst.

Als Schmerzpatientin fehlt ihr aktuell das Hückeswagener Bürgerbad

Dass sie Schmerzpatientin ist und der Rücken seit 20 Jahren erhebliche Probleme bereitet, hebt sie nicht gesondert hervor. Dabei sollte sie das ruhig. Weil es auch ein Stück ihrer Persönlichkeit ist. Ohne regelmäßige Behandlung (Cortison-Infiltration, Physiotherapie, Yoga) würde sie es nicht aushalten. Besonders fehlt ihr momentan das Frühschwimmen in Hückeswagen. Das Bad ist wegen Corona geschlossen. Sonst ist sie dreimal pro Woche dort, schwimmt zwei bis zweieinhalb Kilometer.

Vielleicht begleitet sie auf den Bahnen, welche sie zieht, ja auch immer ein Stück weit der eigene Blick aufs Leben. Mit den vielen außergewöhnlichen Momenten. Einer ist die Hausgeburt ihrer jüngsten Tochter Ila gewesen: „Das war unbeschreiblich schön.“ Sohn David hatte damals die Nabelschnur durchgeschnitten.

Wir sind am Ziel, haben fast zwei Stunden für die drei Kilometer gebraucht. Eine sehr intensive, von Empathie geprägte Zeit mit Stephanie Probst ist vorbei. Der Heuschnupfen hat keine Probleme mehr bereitet. Und Jogi scheint auch zufrieden zu sein. Der „Bundestrainerhund“ wedelt zum Abschied mit dem Schwanz.

Das Sperrmauer-Foto ist längst obligatorisch: RGA-Sportredakteur Andreas Dach begleitete Stephanie Probst, ehemalige Ortwig.

Serie: An der frischen Luft mit...

Seit Mitte November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin um die Eschbach-Talsperre in Remscheid. Bislang waren dabei Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz Anne Ueberholz, Henning Weber, Jörg Musset, Lena Henning und nun Stephanie Probst.

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