Fußball-Analyse

So sind die Vereine bei uns gerüstet

Der Moment, der unter die Haut ging: Dänische Mitspieler riefen nach Hilfe für den weggetretenen Christian Eriksen. Foto: Martin Meissner/dpa
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Der Moment, der unter die Haut ging: Dänische Mitspieler riefen nach Hilfe für den weggetretenen Christian Eriksen.
  • Andreas Dach
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Analyse: Nach dem Eriksen-Drama bei der EM – Clubs machen sich Gedanken über Maßnahmen

Dieser Moment erschütterte, ließ niemanden kalt. Als Christian Eriksen im EM-Spiel zwischen Dänemark und Finnland nach einer guten halben Stunde ohne Fremdeinwirkung zusammenbrach, musste man das Schlimmste befürchten. Weinende Mannschaftskameraden, Ärzte, die um das Leben des Fußballers kämpften – diese Bilder wird niemand vergessen. Dass der Spieler gerettet wurde und sich auf dem Weg der Besserung befindet, ist die bislang beste Nachricht dieser Fußball-Europameisterschaft.

Wir fragen uns: Was würde passieren, wenn ein Sportler in unserer Region bei einem Spiel oder im Training plötzlich einen solchen gesundheitlichen Schaden nehmen würde? Wie wären die Vereine gerüstet? Eine Analyse.

Wie haben einzelne Trainer, Sportler und Funktionäre die Situation erlebt?

Antwort: Alle waren ohne Ausnahme schockiert, wurden sehr nachdenklich. Panther-Manager Frank Lorenzet sagt: „Das war höchst emotional für mich. Ich musste den Fernseher ausmachen, weil es mich sehr berührt hat.“ Thorsten Greuling, 2. Vorsitzender und Geschäftsführer des FC Remscheid, dachte spontan ein Stück weiter: „Ich habe mich gefragt, was wir tun würden, wenn so etwas mal bei uns passieren sollte.“ Auch bei Kalle Fleischer, Fußball-Chef des SV 09/35, hinterließen die Fernsehbilder tiefen Eindruck: „Das war ganz, ganz schlimm für mich.“

Sind die Clubs auf den Fall der Fälle vorbereitet, haben beispielsweise lebensrettende Defibrillatoren griffbereit?

In den meisten Fällen lautet die Antwort nein. Was ja auch schwierig genug wäre. Ein akuter Notfall muss nicht zwangsläufig bei einem Meisterschaftsspiel eintreten. Es kann auch im Training passieren – von der Jugend bis zu den Alten Herren. Und nicht unbedingt in der Halle oder auf dem Sportplatz. Wie würde man handeln, wenn beim Waldlauf in der Vorbereitung plötzlich jemand umkippt? „Wir haben an diesem Dienstag Vorstandssitzung“, berichtet FCR-Mann Greuling. „Da sollte dieses Thema dringend mit auf die Tagesordnung.“ Fleischer weiß von der Defibrillator-Pflicht bei internationalen Turnieren. „Wenn wir unsere große Veranstaltung im Nachwuchsbereich ausrichten, müssen wir das garantieren.“ Im Stadion sei ihm aber nichts davon bekannt: „Deshalb werden wir uns nun unter Hochdruck darum bemühen.“

An einen ähnlichen Fall vor rund 20 Jahren in der Schwanen-Halle erinnert sich Frank Lorenzet: „Da war das schon ein großes Thema und wurde angeregt diskutiert.“ Eine Lösung ist bis heute im Amateurbereich nicht gefunden worden. Lorenzet verweist auf die immensen Kosten und fragt zudem: „Wo will man da die Grenze ziehen? Dann müsste man auch im Kino und bei jeder Kulturveranstaltung solch eine medizinische Unterstützung sicherstellen.“

Bei der IGR Remscheid sieht man sich ein wenig in einer Luxussituation. Welcher Verein kann schon von sich behaupten, bei den Männer- und Frauen-Teams Mannschaftsärzte an Bord zu haben. Mit Volker Peinke und stellvertretend Tim Decius sind Doktoren bei den Meisterschaftsspielen dabei, zum Teil auch im Jugendbereich vor Ort. „Ihre Namen stehen nicht nur auf dem Papier, sondern sie sind auch wirklich da“, betont Trainer Timo Meier.

Sicher zusätzlich hilfreich: Meier selbst ist gelernter Physiotherapeut, dazu kennt sich Kapitän Yannick Peinke durch sein Studium im Rehasportbereich bestens aus. Meier regt an: „Vielleicht kann man darüber nachdenken, dass bei jeder Mannschaft – egal ob bei der Jugend oder den Erwachsenen – zwei Personen einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert haben müssen.“ Darin werde unter anderem auch der Umgang mit einem Defibrillator vermittelt, der nach Meiers Wissens in der Halle Hackenberg aber (noch) nicht vorhanden sei.

Was lehrt uns das Eriksen-Drama für unser eigenes Tun?

Zunächst einmal machte es einmal mehr überdeutlich, welche unglaubliche Kraft der Sport hat. Dieses gemeinschaftliche Reagieren und Handeln von Spielern, Trainern, Fans und Schiedsrichtern im größten Moment der Not imponierte. Fast ein wenig wie in Trance wusste ein jeder, was zu tun war. Was das mit uns zu tun hat? Nun, wir bekommen die Möglichkeit, unsere Verantwortung für den (lokalen) Sport zu reflektieren. Angeschoben durch ein solch trauriges Ereignis, von welchem die ganze Welt spricht. Deshalb werden viele Vereine, nicht nur bei uns, in nächster Zeit bezüglich dieser Thematik in sich gehen.

Bei den Handballern der HG Remscheid ist man froh, vor einigen Jahren auf Initiative von Ralf Hesse einen Defibrillator angeschafft zu haben. Der ist in der Halle Neuenkamp im Raum des Physiotherapeuten angebracht, musste bislang aber gottlob noch nicht zum Einsatz kommen. Die Wartungskosten werden vierteljährlich beglichen. Der Vorsitzende Bernd Pflüger erinnert daran, warum die Anschaffung seinerzeit von Hesse vorangetrieben worden war: „Ralf hatte erfahren, dass unserem Ex-Trainer Hans-Peter Müller, der beim Spiel in Gevelsberg mit einem Herzinfarkt zusammengebrochen war, mit einem Defi sehr schnell geholfen werden konnte.“ Zusätzliches Glück für Müller: In seinem Team spielte ein gelernter Rettungssanitäter. Die Defibrillatoren gelten als selbsterklärend. Ein besonderes Fachwissen ist zur Nutzung nicht nötig. Sie müssen entplombt werden – und schon geht es los.

Rubrik

Immer dienstags greifen wir spezielle Themen auf und haken nach. Gibt es Fragen, welche unbeantwortet sind? Oder Dinge, die unbedingt eingeordnet werden müssen? Dem nehmen wir uns gerne an. Heute geht es um die Vorfälle beim Spiel zwischen Dänemark und Finnland, bei dem Christian Eriksen wiederbelebt werden mussten. Wir schauen uns um, wie „unsere“ Clubs auf solche Situationen vorbereitet sind.

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