Radsport-Abenteuer

Mit dem Rad von Köln bis nach Tallinn

Nur Fliegen ist schöner: Jannik Wenzel (l.) und Alan Sell hatten bei der Ankunft in Lettland noch Kraft für eine exzellent ausgeführte Turnübung. Fotos: JW
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Nur Fliegen ist schöner: Jannik Wenzel (l.) und Alan Sell hatten bei der Ankunft in Lettland noch Kraft für eine exzellent ausgeführte Turnübung.
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Judoka Jannik Wenzel ist mit einem Freund in 27 Tagen in die Hauptstadt Estlands gefahren.

Von Fabian Herzog

Remscheid. In der 2. Judo-Bundesliga steht er seit dem vergangenen Wochenende für den Remscheider TV seinen Mann. Jannik Wenzel ist in der japanischen Kampfsportart im Prinzip sein Leben lang schon zu Hause, hat viele Jahre für den JC Wermelskirchen auf der Matte gestanden und manch einen Erfolg gefeiert. In den Knochen steckt dem 24-Jährigen aktuell aber nicht etwa eine schweißtreibende Vorbereitung mit dem ambitionierten Zweitligisten, sondern ein Radsport-Abenteuer der besonderen Art. Zusammen mit seinem Kumpel Alan Sell ist der Hückeswagener von Köln aus nach Tallinn, in die Hauptstadt Estlands gefahren. 22 Tage saßen die beiden für 2150 Kilometer im Sattel. Eine Wahnsinnsstrapaze, die sie nicht nur einmal verflucht haben.

Wenzel, der momentan in Lüttringhausen lebt und vor wenigen Monaten sein Lehramtsstudium abgeschlossen hat, gilt als extrem unternehmungslustig. Eine Eigenschaft, die er mit Alan Sell teilt. „Wir waren gefühlt schon überall auf der Welt“, erzählt Wenzel. Mexiko, Südkorea, Russland oder Neuseeland – die Neugierde der beiden Judoka war groß und ist lange noch nicht gestillt. Wobei der Hückeswagener immer eher den Hotelurlaub bevorzugt, während Sell auf die aktive Erholung setzt.

Jannik Wenzel eifert seinem Opa nach

Überhaupt gilt Jannik Wenzel nicht gerade als Freund des Ausdauersports. Dass er sich nun aber einer solchen Herausforderung stellte, hat einen familiären Hintergrund. „Mein Opa hat mir schon oft eine Geschichte seiner Freunde erzählt, die früher mal mit dem Rad bis nach Japan gefahren sind“, erläutert er. Als sich dies Ende letzten Jahres wiederholte, fasste Wenzel den Entschluss, im Sommer 2021 selbst in die Pedale zu treten. Nicht direkt in Richtung Asien, aber nach St. Petersburg. So der erste Plan. Die Entwicklung der Corona-Pandemie und die verschärften Einschränkungen machten daraus Tallinn, was die Streckenführung nur bedingt tangierte.

Geschafft! Wenzel und sein Kumpel in Tallinn.

Aus der zunächst fixen Idee entwickelte sich schnell ein handfestes Projekt. Auf dieses waren bei Instagram ruckzuck mehr als 2000 Interessenten – in Fachkreisen Follower genannt – aufmerksam geworden. Wenzel und Sell zogen es groß auf, suchten Sponsoren und fanden diese auch. „Ich habe Fahrradläden in ganz Deutschland angeschrieben“, erzählt Wenzel. Einer in Krefeld machte ihnen einen guten Preis für zwei Gravelbikes, einer Mischung aus Straßen- und Geländerad. Von der Kölner Sport-Hochschule bekamen sie das Outfit, von der Volksbank im Bergischen Land einen Zuschuss für die Unterkünfte. Zudem versorgte sie die Firma Smartzell mit Nahrungsergänzungsmitteln in Form von Shakes, durch die sie ihren Kalorienverbrauch regulieren konnten.

„Ich kann bis heute noch nicht richtig realisieren, dass wir das geschafft haben.“

Jannik Wenzel, Abenteurer

Zur sportlichen Vorbereitung blieb zwischen Studium und Arbeit nicht viel Zeit. „Wir haben im Prinzip nur eine richtige Trainingsfahrt gemacht“, erzählt Jannik Wenzel schmunzelnd. Ende Mai drehten sie 66 Kilometer durch Köln, härteten sich bei miserabelsten Bedingungen ab und erlebten einen Schockmoment. Drei Kilometer vor dem Ende stieß Sell mit einem Hund zusammen, verletzte sich am Fuß und musste vom Krankenwagen abgeholt werden. Wenzel: „Alan ist ein Unfallmagnet. Aber dem Hund ging es gut.“

Um es vorwegzunehmen: Auf der Tour nach Tallinn blieb das Duo von Zwischenfällen wie diesen verschont. Ab dem Startschuss am Kölner Dom, wo Freunde und Familie die beiden verabschiedeten, lief es rund – im wahrsten Wortsinn. Wobei die Zweifel, ob das Projekt wirklich so eine gute Idee gewesen sei, sie fast noch schneller einholte als die ersten Krämpfe. „Wenn wir nur auf unsere Körper gehört hätten, wären wir keine 100 Kilometer gefahren“, erzählt Jannik Wenzel.

Mit ihren Gravelbikes legten die Beiden eine Wahnsinnsstrecke zurück.

Beim ersten richtigen Etappenziel in Holzwickede – schon in Remscheid legten sie eine kurze Zwischenstation ein – ging die Motivation kurzzeitig flöten. „Aber wir haben es wie im Judo gemacht“, erzählt der 24-Jährige, „wo man von Kampf zu Kampf denkt. Und nicht direkt ans Ziel.“ Außerdem erwies es sich als zusätzlicher Ansporn, das Projekt an die große Glocke gehängt zu haben. Alleine schon gegenüber der Instagram-Anhängerschaft wollten sich die Beiden doch keine Blöße geben.

Einen Schub gab ihnen das Erreichen des Brandenburger Tors in Berlin am sechsten Tag. „Alleine das geschafft zu haben, war ja schon eine Leistung.“ Kurz darauf überquerten sie die Grenze und legten in der kleinen polnischen Stadt Drezdenko ihren ersten von fünf Erholungstagen ein. In einer Sauna sammelten sie ebenso neue Kraft wie nach der Weiterreise bei den Shake-Pausen, die gerne mit einem Sprung in einen der vielen Seen auf der Strecke kombiniert wurden.

Schlechtes Wetter auf den letzten Etappen – Glaube an höhere Mächte

Jeden Tag kamen Wenzel und Sell ihrem großen Ziel näher. Ein Meilenstein war die Überquerung der Grenze nach Litauen, ein weiterer das Erreichen Lettlands und wenig später Estlands. Auf den letzten Etappen verschlechterte sich noch einmal das Wetter extrem. „Wir haben kaum noch Pausen gemacht“, haderte der Hückeswagener beinahe mit höheren Mächten. Doch auch das überstanden Jannik Wenzel und Alan Sell und erreichten am 26. August die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn. „Ich kann es bis heute noch nicht richtig realisieren, dass wir das geschafft haben“, sagt Wenzel, für den gilt: „Einmal und nie wieder.“

Auf der Judo-Matte sind andere Qualitäten gefragt – aber auch die beherrscht Jannik Wenzel nahezu in Perfektion.

Über Helsinki ging es für die beiden per Flugzeug zurück in die Heimat, wo sie begeistert von ihren Familien empfangen wurden. Sie alle wollten wissen, wie es war. Und einer der ersten, der alles Erlebte exklusiv erzählt bekommen hat, war – na klar – Wenzels Opa.

Die Stationen

Die Strecke und Orte/Städte mit den jeweils dorthin zurückgelegten Kilometern in Klammern: Köln – Holzwickede (93,7) – Paderborn (99,9) – Hildesheim (122) – Helmstedt (83) – Genthin (102) – Berlin (116) – Kostrzyn nad Odra (105) – Drezdenko (106) – Chodziez (85,4) – Bydgoszsz (89) – Brodnica (116) – Olsztyn (113,5) – Lötzen (109) – Suwalken (95) – Kaunas (131) – Panevezys (112) – Bauska (86) – Riga (67,5) – Salacgriva (106) – Pärnu (77,3) – Märjamaa (63,4) – Tallinn (70,8).

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