Präventionsworkshop

Ex-Sportreporter Werner Hansch: Wie das Wettspiel zu einer Sucht wird

Werner Hansch (r.) und Tobias Blümel berichteten auf der Tribüne in Wuppertal den WSV-Nachwuchskickern von ihrer Spielsucht. Foto: Andreas Fischer
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Werner Hansch (r.) und Tobias Blümel berichteten auf der Tribüne in Wuppertal den WSV-Nachwuchskickern von ihrer Spielsucht.

Ex-Sportreporter Werner Hansch ist bei einem Präventionsworkshop für Jugendspieler des WSV zu Gast.

Von Günter Hiege

Es fing scheinbar harmlos an. Bei Tobias Blümel, als er 16 war, mit einer 2,50-Euro-Wette auf ein Fußballspiel. Bei Ex-Sportreporter Werner Hansch – einst die Radiostimme der Bundesliga – im fortgeschrittenen Alter von 70, als ihn das Stimmengewirr, das durch die offene Tür auf die Straße drang, in ein Wettlokal lockte. „Willst Du auch mal 20 Euro setzen, wurde er gefragt? Hansch setzte, gewann und war angefixt. Ein Jahrzehnt später hatten beide ein Vermögen verloren, Freunde, Familie. Der 35-jährige Automobilkaufmann Blümel auch die Freiheit, weil er mit Geld gespielt hatte, das er nicht besaß.

Vor einigen Tagen erzählten beide ihre bewegenden Geschichten vor den A- und B-Junioren des Wuppertaler SV auf der Tribüne des Stadions am Zoo. Beide sind jetzt Botschafter des Fachverbands Glückspiel e.V. und versuchen, vor allem Jugendliche davor zu warnen, in die Suchtspirale zu geraten, die sie beide in die Tiefe gerissen hatte.

„Da hätte man auf der Tribüne eine Stecknadel fallen hören können.“

Fabian Springob, WSV-Trainer

Anfangs störte bei diesem Workshop mitten aus dem Leben noch der Kirmeslärm, der hinter der Tribünenwand auf dem Stadionvorplatz toste. Doch der wurde schnell nebensächlich. Etwa als Blümel berichtete, wie er um immer höhere Summen wettete, einmal sogar um 158 000 Euro. Wie er schließlich in der Glücksspielgruppe der Justizvollzugsanstalt Remscheid landete. Wie schwer er es selbst dort den Mitgefangenen gefallen sei, sich die Spielsucht einzugestehen.

Werner Hansch brauchte dazu zehn Jahre, bis ihm ein befreundeter Anwalt mal klipp und klar gesagt habe: „Werner, Du bist krank.“ Viele Freunde, von denen er sich Geld lieh, hätten sich das nicht getraut. Seine Lebensgefährtin, vor der er die Sucht acht Jahre lang hatte verheimlichen können, habe ihn schließlich verlassen, nachdem sie ihm erfolglos gedroht hatte, das zu tun, wenn er nicht damit aufhöre. Dann sein medienwirksames Outing bei Promi-Big-Brother im Fernsehen. Mit dem Gewinn von 180 000 Euro zahlte er dann Schulden zurück.

„Da hätte man auf der Tribüne eine Stecknadel fallen hören können“, sagte WSV-U19-Trainer Fabian Springob, der beeindruckt war, wie sehr seine Schützlinge sich von dem Vortrag packen ließen. Springob: „Es wird ihnen manchmal so viel Mist erzählt, aber da muss man eben Leute holen, die das selbst erlebt haben.“

Sven Lesser, ehemaliger Verwaltungsrat des WSV und in der vergangenen Saison Kommentator der WSV-Spiele auf Soccerwatch, fungierte als Moderator und war erfreut, wie interessiert die jungen Spieler nach den eindrucksvollen Vorträgen bei Gruppenarbeiten mitmachten. Wo kommt ihr mit Wettspiel in Berührung? Wie kann sich die Sucht äußern? Welche derartige Angebote gibt es in Wuppertal? Da hatte eine Gruppe wohl sehr gut per Handy im Internet recherchiert. „In Wuppertal gibt es neun Spielotheken und vier Wettbüros, letztens ist ein illegales aufgeflogen“, trug Lasse für seine Gruppe vor.

In der Corona-Pandemie waren die Spielhallen zwar geschlossen, aber wer im Internet gezockt hat, für den hat sich die Sucht eher noch verstärkt“, wusste Claudia Stratmann von der Suchthilfe der Caritas in Wuppertal zu berichten. Sie stellte sich kurz vor, um den Jugendlichen eine Anlaufstelle zu nennen, falls sie oder Freunde selbst in Probleme kämen.

Auf eine Frage von Tobias Blümel, wussten die jungen Fußballer übrigens keine Antwort: Welcher Fußball-Erstligist ist der einzige, der keinen Wettanbieter als Sponsor hat? Antwort: der SC Freiburg.

In einem Punkt waren sich Werner Hansch und Tobias Blümel einig: Der neue Glücksspiel-Staatsvertrag, der zum 1. Juli in Kraft trat und die Begrenzung von Wetteinsätzen und einige andere Reglementierung enthält, wird Spielsucht nicht verhindern können. Sie versuchen es durch ihre Vorträge, wobei der im Duo beim WSV sogar eine Premiere war, und gemessen an den Reaktionen und Fragen der jungen WSV-Spieler gleich doppelt eindrucksvoll.

Hilfe

Hilfe für Spielsüchtige gibt es zum Beispiel bei der Diakonie im Kirchenkreis Lennep. Die Fachstelle Sucht bietet und entwickelt Hilfen für Spielabhängige. Sie ist Ansprechpartner für Betroffene sowie deren Angehörige und das soziale Umfeld.

www.diakonie-lennep.de

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