Vor 30 Jahren

Ostern 1991: Kleiner Dämpfer für die Aufstiegseuphorie

Mit Fotos von Holger Battefeld und Michael Sieber sowie Artikeln von Andreas Dach berichtete der RGA-Sport von den beiden Spielen. Fotos: Archiv
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Mit Fotos von Holger Battefeld und Michael Sieber sowie Artikeln von Andreas Dach berichtete der RGA-Sport von den beiden Spielen.
  • Fabian Herzog
    VonFabian Herzog
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Der Weg des FC Remscheid vor 30 Jahren in die 2. Fußball-Bundesliga – Vierter Teil mit den Nullnummern gegen Aachen und in Essen.

Im vierten Teil unserer historischen Serie, mit der wir den bislang letzten Aufstieg des FC Remscheid in die 2. Fußball-Bundesliga im Jahr 1991 noch einmal detailliert beleuchten und die Fans von damals ins Schwärmen geraten lassen wollen, blicken wir auf den Oster-Doppelpack zurück. Samstags gegen Aachen und montags in Essen war Detlef Pirsigs Mannschaft gefordert und blieb nach den Erfolgen zuvor in Bocholt (2:0) und Jülich (3:0) sowie gegen Rheydt (2:0) erstmals im Jahr sieglos.

FCR – Alemannia Aachen 0:0 „Pechvogel Kröning“, geschrieben von Joachim Herrmann

Die beiden Radaubrüder, die die Polizei am Samstag auf dem Weg ins Lenneper Stadion aus dem Verkehr zog und erst nach dem Spiel zwischen dem FC Remscheid und Alemannia Aachen aus dem Gewahrsam entließ, haben nichts verpasst. Denn es war wie so oft bei sogenannten Spitzenspielen: Der Bammel voreinander war zu groß, dass es auch Spitzenleistung hätte geben können. So löste FC-Präsident Dr. Rolf Ludwig vorwiegend ungläubiges Kopfschütteln aus, als er in der Pressekonferenz dennoch von einem „hervorragenden Spiel“ sprach. Tatsächlich boten die beiden Titelaspiranten über weite Strecken Fußball zum Abgewöhnen. So war das torlose Unentschieden der einzig gerechte Ausgang.

Auf einer weiteren Seite fasste Joachim Herrmann das Spitzenspiel gegen Aachen zusammen.

Zwei echte Torchancen im ganzen Spiel bildeten die einzigen Höhepunkte: Beide hätten die Remscheider zum Sieger machen können. In der achten Minute vereitelte Kau einen Treffer, als er mit blitzschneller Reaktion einen tückischen Kopfball von Gemein über die Latte lenkte. Und noch lange nach dem Schlusspfiff fragte sich FC-Trainer Detlef Pirsig, „warum der André Kröning den Ball nicht reingetan hat“, als er in der 33. Minute das Leder mutterseelenallein im Torraum an die Querlatte des verlassenen Aachener Gehäuses schaufelte. Krönings Erklärung für das Kunststück: „Der Ball ist vor mir versprungen.“

Dieser Zeitpunkt hatte für den FCR noch weitere Bedeutung in negativer Hinsicht: Jo Schmidt, der anfangs wieder für viel Druck am rechten Flügel gesorgt hatte, musste wegen einer schmerzhaften Fußprellung ausgewechselt werden. Nachfolger Michael Griehsbach erzielte längst nicht so viel Wirkung. Und weil auch Viktor Bridaitis offenbar falsch „gepolt“ war – er spielte mehr zurück als nach vorn –, kam ein wesentliches Erfolgsrezept der letzten Wochen nicht zum Tragen. Trainer Pirsig: „Von der rechten Seite kam Null.“ Doch auch sonst zeigte er sich sehr enttäuscht: „Einige sind heute weit hinter ihrer Form hergelaufen.“ Aachens Trainer Winfried Hannes zeigte sich mit dem Punktgewinn zufrieden. Die Entscheidung, so meinte er, werde erst am letzten Spieltag fallen.

SW Essen – FCR 0:0 „André Stocki rettete einen Punkt“, geschrieben von Andreas Dach

Ein Mann unter Dampf. Friedhelm Vos hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem berühmten Zigaretten-Männchen. „Unsere Jungs haben sich überhaupt nicht gewehrt und einfach abkochen lassen“, meckerte der Co-Trainer des FC Remscheid nach dem glücklichen 0:0 beim ETB Schwarz-Weiß Essen. Barsche Worte eines Verantwortlichen, der sonst eher moderate Töne bevorzugt. Viel zu lässig, viel zu überheblich wollte der FCR zwei Ostereier in Form von Punkten einsacken, vergaß am Uhlenkrug aber eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Aktionen – den Kampf. Was unter dem Strich herauskam, war nicht mehr als ein schlechter Aprilscherz.

„Einige spielen doch weit unter ihren Möglichkeiten“, erkannte Ex-Manager Hubert Schieth. Bestes Beispiel: Martin Tilner. Das Experiment mit dem Ex-Libero und Regisseur als Sturmspitze darf spätestens seit gestern als gescheitert angesehen werden. Die 71. Minute – eine der bittersten in der Karriere des Filigrantechnikers. Da holte ihn Trainer Detlef Pirsig nämlich vom Platz, ersetzte ihn durch Sigitas Jakubauskas. Die Wahl hätte auch jeden anderen treffen können. Vielleicht mit Ausnahme von Frank Kayser, der sich ein Sonderlob von Vos abholte: „Der Einzige, der so richtig dagegengehalten hat.“

Einmal mehr der Pechvogel des Tages war André Kröning. Nach seinem Fehlschuss von Aachen vergab der Dauerläufer auch gestern wieder die beiden besten FC-Möglichkeiten. Noch vor der Partie hatte er geschworen: „Meinen Aussetzer habe ich abgehakt.“ Danach haute er in der 47. Minute in die Wolken, schoss drei Minuten später Keeper Adler an. Zweimal freistehend!

Erfreulich die Tatsache, dass der FCR auch im fünften Spiel hintereinander ohne Gegentreffer blieb. Gestern das besondere Verdienst von Torhüter André Stocki, der dreimal glänzend reagierte. Besonders sein Reflex in der 16. Minute, als Roger Petzke alleine auf ihn zustürmte, verdient ein Sonderlob. Stocki – der einzige Remscheider, der in Essen neben Kayser Normalform auf den Rasen brachte. Detlef Pirsig dankte seinem „Stier“; „Gut, dass wir ihn im Kasten hatten.“

Fazit: „Osterbraten lag zu schwer im Magen“, geschrieben von Andreas Dach

Fußball ohne Tore – das ist wie Ostern ohne Eier. Die Nester waren bereitet, doch die Hasen des FC Remscheid konnten die runden Gebilde nicht an den „Wächtern“ Johannes Kau (Alemannia Aachen) und Oliver Adler (Schwarz-Weiß Essen) vorbeischmuggeln. Ein vertanes Fest also? Mitnichten! Schatzmeister Jürgen Guardiera analysierte nach zwei keinesfalls berauschenden Leistungen gegen Aachen und Essen: „Wir haben zweimal nicht verloren, können aus eigenen Kräften noch Meister werden.“ Richtig – noch ist alles drin. Doch die Hürden werden höher, und die „bergische Nulldiät“ lässt zumindest Fragen aufkommen. Nach Jo Schmidt, nach Achim Grün, nach dem physischen und psychischen Zustand der Mannschaft.

Die sonstigen Stärken des FCR waren über die Ostertage die Schwäche. Die Flügel lahmten, Torchancen konnten an fünf Fingern abgezählt werden. Ein Grund: Das Fehlen von Jo Schmidt und Achim Grün. Der eine konnte nicht mitmachen, der andere durfte nicht. Schmidts Schussbein bedarf nach einem bösen Aachener Tritt einige Tage der Schonung (Trainer Friedhelm Vos: „Ich glaube kaum, dass er in Leverkusen dabei ist“); Achim Grün sah am vergangenen Donnerstag vom Vorstand die „rote Karte“, wurde vom Trainings- und Spielbetrieb suspendiert. Erst einmal bis zu einem abschließenden Gespräch am heutigen Nachmittag, möglicherweise auch für immer. Über die Gründe für diese harte Maßnahme schweigt sich Präsident Dr. Rolf Ludwig beharrlich aus: „Wir wollen das im internen Kreis klären.“ Grün ist sich keiner Schuld bewusst: „Ich bin gespannt, was man mir vorwirft.“ Insider vermuten, dass Grüns „wilder Flirt“ mit dem Wuppertaler SV Hintergrund dieser Aktion ist.

Spätestens morgen muss wieder Ruhe einkehren. Denn schon am Donnerstag hat der FC die nächste schwere Aufgabe vor der Brust – die Amateure von Bayer Leverkusen. Seit der FC seinem Sohn Mario vergangene Saison die Tür vor der Nase zugehauen hat, sehnt Leverkusens Trainer Gerd Kentschke diese Partie her- bei: „Denen vermiesen wir die Meisterschaft.“ Da hilft nur eins: dagegenhalten. Anders als in Essen, wo Friedhelm Vos bei einigen das „Kämpferherz“ vermisste. Sogar Carsten Pröpper ließ sich von einem „Nobody“ wie Ralf Zils Zudecken. Deshalb eine Krise herbeizureden, wäre falsch.

Doch der Warnschuss vor den Bug kommt gerade rechtzeitig. Wenn den Spielern des FC Remscheid der Ernst der Lage bewusst ist, wenn sie selbstkritisch genug sind und ihre eigene Leistung richtig einordnen. Vor der Partie in Essen fiel das Trainingslager flach, Donnerstag soll das anders werden. Vos vermutet: „Ich könnte mir vorstellen, dass einigen der Osterbraten zu schwer im Magen gelegen hat. Das darf und wird sich nicht wiederholen.“

Statistik

Das Spiel gegen Aachen

FCR: 1 Stocki, 2 Schmidt (33. 14 Griehsbach), 4 Kosanovic. 3 Freitag, 5 Kayser, 6 Bridaitis (66. 12 Jakubauskas), 7 Kessen, 8 Pröpper, 9 Kröning, 11 Tilner, 10 Gemein.

Schiedsrichter: Plettenberg (Essen).

Zuschauer: 4000.

Gelbe Karten: Tilner, Freitag - Jelic, Zschau.

Zeitstrafe: Delzepich (Aachen) nach Foul an Kessen.

Das Spiel in Essen

FCR: 1 Stocki, 2 Bridaitis, 3 Freitag, 4 Kosanovic, 5 Kayser, 6 Tamulevicius (71. 13 Matrone), 7 Kessen. 8 Pröpper, 9 Kröning, 10 Gemein, 11 Tilner (71. Jakubauskas).

Schiedsrichter: Jürgen Aust (Köln).

Zuschauer: 1000.

Gelbe Karten: Zils, Häde (beide Essen).

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