Persönlich

„Ömmes“ wäre auch guter Entert(r)ainer

Wer rastet, der rostet noch lange nicht: Nur fürs Foto im Sonnenschein wurde an der Talsperre eine kurze Pause eingelegt. Dann ging es für Gerd Kentschke direkt weiter.
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Wer rastet, der rostet noch lange nicht: Nur fürs Foto im Sonnenschein wurde an der Talsperre eine kurze Pause eingelegt. Dann ging es für Gerd Kentschke direkt weiter.
  • Andreas Dach
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An der frischen Luft mit . . . Gerd Kentschke – Der frühere Fußball-Profi muss sich nichts mehr beweisen.

Von Andreas Dach

Fast hätte der gemeinsame Spaziergang ausfallen müssen. Noch am Morgen hatte ein rot-weißes Flatterband den Zugang zum Wanderweg um die Remscheider Talsperre versperrt. „Waldkalkung“ – so war es auf einem Erklärschild der Technischen Betriebe zu lesen. „Bitte meiden Sie den Besuch dieses Waldgebiets.“ Später dann, um 11 Uhr, waren die Arbeiten erledigt. Also los, Gerd Kentschke. Auf zu einer unterhaltsamen Stunde bei herrlichem Herbstwetter.

Unterhaltsam? Eine krasse Untertreibung. Wer mit dem einstigen Bundesliga-Profi ins Plaudern kommt, streicht das Wort Langeweile aus seinem Sprachschatz. „Ömmes“, wie der mittlerweile 78-Jährige auch heute noch gerufen wird, würde auch gut als Entert(r)ainer durchgehen. Er zieht in den Bann, ihm hört man zu.

Schon die ersten Meter auf matschigem Waldboden haben es in sich. Wir müssen unbedingt über das Fußball-Länderspiel vom Vortag sprechen. Über die Schmach von Sevilla, wo die deutsche Nationalmannschaft mit dem 0:6 gegen Spanien die höchste Niederlage seit 89 Jahren kassiert hat.

Der Sperrmauer-Schnappschuss: RGA-Sportredakteur Andreas Dach und Gerd Kentschke genossen die Herbstsonne.

„Man hatte den Eindruck, als würden die Spieler gegen den Trainer spielen“, schildert Kentschke seine Beobachtung. Vor allem das zentrale Mittelfeld habe ihn enttäuscht: „Leon Goretzka war gegenüber der Partie gegen die Ukraine nicht wiederzuerkennen. Und Ilkay Gündogan und Toni Kroos dürften in der Verfassung gar nicht mehr für Deutschland spielen.“

Bis zur Halbzeit – da stand es 3:0 – habe Kentschke noch Hoffnung auf ein Remis oder einen deutschen Sieg gehabt. Die Hoffnung als Vater des Gedankens . . . Der am Wermelskirchener Braunsberg lebende Ehemann, Vater und Großvater „zockt gerne“, wie er es ausdrückt. Keine großen Summen, ehe Minibeträge bei Oddset. „Wenn ich im Monat 15 Euro verliere, kann ich das verkraften“, sagt er. „Für mich ist der Reiz entscheidend.“

„Meine Frau fragt mich, ob ich nicht ganz richtig bin!“
Gerd Kentschke, Ex-Fußball-Profi

Von einer Glückssträhne kann gerade nicht die Rede sein. Auf Spanien als Sieger der Partie der Nations League hatte er nicht getippt. Und wenige Tage zuvor hat Dessau-Roßlau in der 2. Handball-Bundesliga bei Schlusslicht Emsdetten verloren. Auch das hatte er nicht auf dem Tipp-Schirm. Was sagt Ehefrau Annemarie zu seiner Leidenschaft? „Sie fragt mich, ob ich nicht ganz richtig bin. Wenn ich dann aber etwas gewinne, freut sie sich doch, wenn wir uns drei Pfund Butter kaufen können.“

Ja, Gerd Kentschke und seine Annemarie. Eine Jugendliebe. Beide stammen aus Herten, haben in derselben Straße gewohnt. „Als unsere Klüngelei begann, war ich 18 und sie 15“, schildert Kentschke die Anfänge. Mittlerweile sind sie seit 56 Jahren verheiratet. Eine Zeit, die nie langweilig war.

Kentschkes Eltern sind früh gestorben. Er wuchs bei seinem älteren Bruder Helmut auf, wurde Bergmann, fuhr tagsüber auf Zeche „Schlägel & Eisen“ 1000 Meter in die Tiefe und kickte abends für Blau-Weiß Langenbochum. Der Beginn einer imposanten Karriere, die ihn 222 Bundesliga-Spiele absolvieren ließ. Beim Karlsruher SC, beim 1. FC Kaiserslautern und beim MSV Duisburg. „Ich habe noch gegen Helmut Rahn und Uwe Seeler gespielt“, formuliert Gerd Kentschke sehr bemerkenswerte Erinnerungen.

Als er Anfang der 70er-Jahre in den Bundesligaskandal verwickelt war, geriet seine Karriere kurzfristig aus den Fugen. Er war gut ein Jahr gesperrt. 1973 heuerte er bei Bayer Leverkusen an, ist den Rheinländern bis heute treu geblieben. Auch 78-jährig ist er noch immer für die Traditionsmannschaft verantwortlich.

Inzwischen hat er die Spieler schon Monate nicht gesehen. Corona macht nicht vor den Größen von früher halt. Auch die Frühstücksgruppe mit Peter Hermann, Harry Gniech, Jürgen Gelsdorf und ihm muss eine Pause einlegen. Normalerweise trifft man sich alle sechs bis acht Wochen. „Das“, gibt Kentschke zu, „fehlt mir schon sehr.“

Der Fußball ist unverändert seine große Leidenschaft. Wenn alles läuft, ist er regelmäßig bei den Heimspielen von Bayer Leverkusen. Oder schaut sich lokal um. Mal bei Ex-Club SV 09/35 Wermelskirchen, mal beim BV Burscheid, mal bei TuRa Pohlhausen, wo sein ehemaliger Spieler Daniele Vernuccio als Trainer agiert. Kentschke muss sich nichts mehr beweisen. Er kann kommen und gehen, wann er will.

Die Schuhe werden immer dreckiger, die Stimmung wird immer besser. Was für ein herrlicher Tag an der Eschbachtalsperre. Auf der Sperrmauer angekommen, kommt Manfred Kulessa gerade vorbei, bleibt stehen. „Was macht denn der Dellmann hier“, fragt der frühere Klasse-Handballer. Er hat den Wermelskirchener Kentschke sofort erkannt. Eine kurze Plauderei, weiter geht´s.

Wir nähern uns dem Parkplatz. Die 60 Minuten sind zu 90 geworden. Schnell noch ein Satz zum SV 09/35 Wermelskirchen („Da habe ich nicht mehr so einen engen Bezug zu“) und zum FC Remscheid, wo er gemeinsam mit Sohn Mario tätig war („Zehn Jahre ist meine Tätigkeit dort schon her?“).

Ja, die Zeit vergeht. Auch die Enkelkinder, Töchter seines Sohnes Michael, sind schon erwachsen. Laura und Carina leben zusammen in Köln in der Nähe der Sporthochschule. Erstgenannte spielt Handball beim Oberligisten Bocklemünd. Beruflich bewegt sie sich in der Fußballszene – sie ist Analystin beim DFB. Ein Wahnsinnsjob, der sie rumkommen lässt. Nebenbei macht sie gerade ihren Doktor.

Auch wir sind rumgekommen. Rum um die Talsperre. Das war morgens noch nicht selbstverständlich gewesen . . .

Persönlich

Seit dem 1. Juli 1990 wohnt Gerd Kentschke mit seiner Familie in Wermelskirchen. Der am 18.9.1942 in Herten geborene Fußballer (als jüngster von sieben Brüdern) gilt als Kind der Bundesliga, absolvierte bereits 1958 sein erstes Schülerländerspiel. Eine beeindruckende Karriere sollte folgen. Bei Bayer Leverkusen weiß man seine Erfahrung seit Jahrzehnten zu schätzen.

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