Mountainbike

Nur die Bever vermisst er doch sehr

Glücklich und überwältigt von seinen eigenen Gefühlen: Mathias Müller im Zielbereich an der Grenze zu Mexiko nach 4300 Kilometern. Diesen Moment wird der Extremsportler niemals vergessen.
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Glücklich und überwältigt von seinen eigenen Gefühlen: Mathias Müller im Zielbereich an der Grenze zu Mexiko nach 4300 Kilometern. Diesen Moment wird der Extremsportler niemals vergessen.

Mountainbike: Der Hückeswagener Mathias Müller fährt bei einem Rennen in den USA 4300 Kilometer.

Von Heike Karsten

Eine unglaubliche Mountainbike-Tour liegt hinter Mathias Müller. Er hat mit dem Rad an der Tour Divide teilgenommen, die in Kanada beginnt und an der Grenze zwischen den USA und Mexiko endet. Nach fast vier Wochen, 4300 Kilometern und 53.000 Höhenmetern erreichte er das Ziel und ließ in einem emotionalen Video-Beitrag seinen Tränen freien Lauf: „Ich bin da. Ich hab’s geschafft. Ich habe viel gezweifelt, aber immer weiter gemacht. Ich wusste, ich kann das“, sagte Müller im Video.

Das Ziel erreicht zu haben, sorgte für ein großes Glücksgefühl. „Das Einzige, was schade ist: Hier gibt es keine Ostsee, in die ich reinspringen kann wie nach der Grenzsteintrophy, keine Alster wie an meinem Wohnort und meinem Zuhause Hamburg und keine Bevertalsperre wie in meinem Geburtsort Hückeswagen“, witzelte der Redaktionsleiter der Zeitschrift BIKE BILD nach den letzten Kilometern.

Mathias Müller liebt sportliche Herausforderung. Drei Mal hat er bereits am Ironman Hawaii teilgenommen, einer der weltweit anspruchsvollsten Ausdauerwettkämpfe im Triathlon. „Nach vier oder fünf Jahren bin ich dann ins Bike-Packing gerutscht“, berichtet der Wahl-Hamburger.

Bei diesen Langstrecken-Wettkämpfen sind die Fahrer selbst dafür verantwortlich, sich zu verpflegen oder sich um eine Schlafgelegenheit zu bemühen. Ein Abenteuer, bei dem man nie wissen kann, was einen wirklich erwartet. Mit entsprechend zwiespältigen Gefühlen ging der 55-Jährige in Banff an den Start , in der kanadischen Provinz Alberta. Das Ticket für die Teilnahme hatte er schon 2020 gelöst – doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen.

Die Vorbereitung auf das Langstrecken-Rennen bestand aus dem 15 Kilometer langen Weg mit dem Rad zur Arbeit und zurück, seiner allgemeinen Fitness, der Erfahrung und ein bisschen Gottvertrauen, wie Mathias Müller aufzählt. Wie hart die Bike-Packing-Tour tatsächlich sein würde, wusste der ehemalige Hückeswagener zu der Zeit noch nicht. Irre hohe Berge (bis 3600 Meter), steile Schiebepassagen, steinige Flussbetten, geflutete Wiesen, Schnee und Kälte, große Hitze, wenig Schlaf und eine unzureichende Verpflegung zerrten an seinen Kräften. „Die ganze Tour lag oberhalb von 2000 Metern, entsprechend dünn war die Luft“, berichtet der Extremsportler. Besonders schwer sei es, auf den Off-Road-Strecken einen Rhythmus zu finden. „Das Ding ist gigantisch. Ich habe viel gezweifelt, aber immer weiter gemacht. Ich wusste, ich kann das.“

Rückblickend ist Müller zufrieden mit seiner Leistung. Tagtäglich war er aufs Rad gestiegen und den ganzen Tag – manchmal mehr als 200 Kilometer – durchgefahren. Die Stunden, die er in der Nacht mehr Schlaf brauchte als seine Mitstreiter, hat er durch gute Fahrleistung am Tag wieder aufgeholt. „Man ist auf sich alleine gestellt und fährt oft tagelang ganz alleine“, berichtet er. Er musste im Zelt in der Wildnis (ein Grizzlybär bäumte sich nur drei Meter entfernt vor ihm auf) bei Temperaturen um den Gefrierpunkt übernachten oder auch die Nacht im Vorraum einer Poststation auf dem Boden verbringen, denn nicht immer war eine Stadt, ein Motel oder eine Lodge verfügbar. „15 Teilnehmer haben auf der Tour Divide 2022 den SOS-Knopf gedrückt und wurden mit dem Helikopter geborgen – teilweise mit Erfrierungen“, macht Mathias Müller die ganze Härte der Tour deutlich.

Doch neben den kräftezehrenden und anstrengenden Erfahrungen gab es auch viele schöne und unvergessliche Momente. „Ich war besonders während der ersten Tage psychisch und mental sehr beeindruckt. Nach hinten heraus wurde es dann besser“, sagt er heute. Unterwegs sind ihm einige hilfsbereite Menschen begegnet, sogenannte Trail-Angels, die ihm Essen angeboten oder den Fahrern für eine Nacht ein Zimmer und eine Dusche in ihrem Haus zur Verfügung gestellt haben. „Das waren wirklich tolle Momente“, sagt Müller.

Während der Tour habe er viel über das Leben und die Familie nachgedacht. „Deshalb macht man das, damit man sich spürt und fühlt“, betont er. Das Rennen endete unspektakulär an einem einsamen Grenzposten. Es war niemand da, der für die Mountainbiker klatschte und sie in Empfang nahm.

Einzig der Videochat mit seiner Familie war für Mathias Müller die Belohnung nach 26 Tagen körperlicher und mentaler Anstrengung. An eine Wiederholung der Tour Divide denkt der 55-Jährige nicht. „Man muss so ein vierwöchiges Erlebnis ja auch mit dem Job und der Familie vereinbaren können“, sagt der Vater von drei kleinen Kindern im Alter von sechs, neun und elf Jahren.

Seiner Ehefrau Anna ist er besonders dankbar, dass sie ihm diese Erfahrung überhaupt ermöglicht hat. Gegen das Sammeln neuer Erfahrungen und das Kennenlernen neuer Landschaften hat der Sportler jedoch nichts einzuwenden. Immer unter seinem Motto: „Das Leben ist zu kurz, um es emotionslos vorbei mäandern zu lassen.“

Strecke Die Tour Divide 2022 begann am Freitag, 10. Juni, mit über 200 Fahrern, die der Moutainbike-Route von Nord nach Süd folgten. Sie beginnt in Banff in Kanada und endet an der Grenze zu Mexiko in Antelope Wells.

Rekord Der aktuelle Rekord des bereits verstorbenen Mike Hall im Jahr 2016 liegt bei 13 Tagen, 22 Stunden und 51 Minuten.

Ergebnis Mathias Müller schaffte die Tour Divide in 26 Tagen, drei Stunden und 31 Minuten. Sein Motto: „Erlebnis vor Ergebnis.“

Sieger In diesem Jahr ging der Gesamtsieg bei den Männern an Sofiane Sehili aus Frankreich (14 Tage, 16 Stunden, elf Minuten) und bei den Frauen an die US-Amerikanerin Ana Jager (19 Tage und 54 Minuten).

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