Porträt

Nach einem Jahr zieht sie die Jacke wieder an

Gisela Nagel in ihrem Rennradstübchen. Die Inhaberin dreier Radsportläden hat oft genug Grenzen überwinden müssen. Foto: Andreas Dach
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Gisela Nagel in ihrem Rennradstübchen. Die Inhaberin dreier Radsportläden hat oft genug Grenzen überwinden müssen.
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So tickt die Inhaberin dreier Radsportgeschäfte wirklich – Sie will arbeiten bis sie umfällt.

Gerne wären wir mit ihr spazieren gegangen. Hätten unsere Serie „Eine Runde um die Talsperre“ durch eine Unterhaltung mit Gisela Nagel bereichert. „Nee, das mache ich nicht!“ Die 76-jährige Geschäftsfrau aus der Nähe von Wiehl (Weiershagen) ist nicht dafür bekannt, Widerspruch zu dulden. Immerhin liefert sie die Begründung gleich mit: „Meine Knie lassen das nicht mehr zu.“

Gut, dass wir dafür bekannt sind, nicht so schnell locker zu lassen. Radsport Nagel in Radevormwald statt Talsperre – so lautet die alternative Möglichkeit, eine Annäherung zu der Frau zu schaffen, die oft so grummelig wirkt, in Wirklichkeit aber ein ganz weiches Herz hat. Sagen diejenigen, die regelmäßig mit ihr zu tun haben. Ist das so? Wir wollen das herausfinden – an einem Vormittag im Büro der Chefin.

Was ist die Inhaberin dreier Radsportgeschäfte in Lennep, Radevormwald und Gummersbach für eine Frau? Was steckt hinter der manchmal so undurchdringbar wirkenden Fassade? „Ich habe heute keinen guten Tag“, sagt sie bei der Begrüßung. Und nennt den Grund: Drehschwindel. Der ist wenige Tage zuvor beim Mountainbike-Cup des RV Adler erstmals aufgetreten, wo sie als Sponsorin zugegen war. Und noch nicht wirklich verschwunden. „Sehen Sie“, sagt sie. „Es war doch sinnvoll, dass wir nicht um die Talsperre gegangen sind. Worte, bei denen sie lächelt. Ja, sie lächelt. Wir markern das dick in unserem Schreibblock an. Oft soll diese Gefühlsregung im weiteren Verlauf nicht zu beobachten sein. Aber halt jetzt.

Nah dran an ihren Radsportschützlingen – hier gratuliert Gisela Nagel der erfolgreichen Jana Kalbertodt bei der Night on Bike.

Gisela Nagel ist alleine lebend, seitdem ihr Mann vor zehn Jahren gestorben ist. Ihrer Heimat Weiershagen, sieben Kilometer Luftlinie von der Ortsmitte Wiehls entfernt, ist sie immer treu geblieben. Doch sie verrät: „Ich habe auch eine kleine Wohnung in Radevormwald.“ Das Pendeln ins Oberbergische kann schon mal stressig sein. Weshalb die Lösung Sinn macht.

„Es gibt eine Menge Leute, die mich mögen“, sagt sie. „Darüber wundere ich mich.“ Zwei von vielen bemerkenswerten Sätzen, welche die dreifache Mutter und zweifache Großmutter im Laufe der Unterhaltung formulieren soll. Sie weiß um ihre manchmal schroffe Art. Wie und wo diese auch immer entstanden sein mag. Vielleicht liegt es daran, dass sie als Nesthäkchen der Familie – sie hatte drei ältere Brüder – schon früh das Kämpfen gelernt hat. Da kann man nicht immer Everybodys Darling sein.

Im Alter von 14 Jahren beginnt sie ihre Ausbildung, soll irgendwann einmal in den Lebensmittelladen ihrer Eltern einsteigen. Mit 15 bekommt sie vom Vater das erste Rad geschenkt. Mit 21 bekommt Gisela Nagel ihr erstes Kind. Ja, sie muss schon früh Verantwortung übernehmen und tut es heute noch, da sie längst gemütlich bei sich daheim auf der Terrasse sitzen und in einem Buch schmökern könnte. Sie liest gerne, hat vor etwa 15 Jahren den Fernseher aus ihrem Leben verbannt: „Den brauche ich nicht mehr.“ Und wenn irgendwo ein Radrennen übertragen wird? „Dann habe ich doch das Ding da.“ Sie zeigt auf den Bildschirm ihres Rechners.

Währenddessen kommt Sven Schreiber ins Büro, tauscht sich kurz mit der Chefin aus. Der umsichtige Organisator der Night on Bike arbeitet als Geschäftsführer in der Rader Filiale. Er pflegt ein gutes, ein enges Verhältnis zu Gisela Nagel. Die beiden wissen, was sie aneinander haben. Auch bei der Night on Bike, wo die frühere deutsche Spitzenradsportlerin als Teamchefin fungiert und ihren Fahrerinnen und Fahrern Tag und Nacht den Rücken freihält. „Was sie da leistet, ist echt krass“, sagt Manuela Freund. Aus den Worten der Athletin klingt die größte Anerkennung. „In diesem Jahr hat sie eine neue Waffe gegen die Konkurrenz entdeckt – sie backt nachts Waffeln. Das macht die Konkurrenz echt fertig.“ Gisela Nagel sei ein echtes Unikum, eine Frau der ersten Stunde.

„Ein Jahr lang hatten wir auch einen Imbiss!“

Gisela Nagel, Geschäftsfrau

So denken viele über die Geschäftsfrau, die bei Deutschen Meisterschaften mehrfach auf dem Treppchen gestanden hat. „Ich ärgere mich heute noch, dass es nie für ganz oben gereicht hat“, gibt Nagel zu. Auch bei Weltmeisterschaften hat sie ihre Qualitäten hinlänglich unter Beweis gestellt. Sie weiß, wovon sie redet, wenn Kunden in einem ihrer Geschäfte etwas von ihr wissen wollen. Eigentlich hatte sie sich vor fünf Jahren zurückgezogen, ihren Abschied von der Berufstätigkeit in Lennep groß gefeiert. „Am nächsten Morgen bin ich dann mit Wilfried Trott und Sven Schreiber zum Radfahren nach Mallorca geflogen“, weiß sie noch.

Ein Jahr später stand sie wieder in ihren Geschäften. Es ging nicht, es geht nicht ohne sie. „Als der Hilferuf kam, habe mich mir die Jacke mit der Aufschrift Radsport Nagel wieder angezogen.“ Die trägt sie auch bei unserem Treffen. Wie lange will sie sich den Stress noch antun? „Ich arbeite, bis ich tot umfalle.“ Sollte da ein Anflug von einem Lächeln in ihrem Gesicht gewesen sein? Immerhin: Den Montag versucht sie sich frei zu schaufeln. Dann kocht sie leidenschaftlich gerne. „Ein Jahr lang haben wir in Gummersbach auch mal einen Imbiss betrieben“, berichtet sie. Der trug den Namen Leckerschmecker. Wie passend für Gisela Nagel, die Wert darauf legt, in jedem ihrer Läden auch eine Küche zu haben.

Wir stehen auf, gehen nach nebenan ins Rennradstübchen. Dort sind ein paar besonders exquisite Modelle ausgestellt. An den Wänden hängen Trikots. Auch eins von Jan Ullrich, mit Original-Unterschrift. Sie liebt und lebt den Radsport. Bei einem Rennen hat sie ihren Mann kennengelernt. Ihre Haare hat sie einst fürs Radfahren abgeschnitten: „Sie störten nur.“ Noch heute trägt Gisela Nagel die Haare kurz. Auf dem Rückweg ins Büro „ruckelt“ der Gang ein wenig. Was nichts mit dem Knie zu tun hat, welches noch unters Messer muss („Eins ist schon operiert“). Nein, der Drehschwindel hält sich hartnäckig. Sie winkt ab: Ach, das wird schon!“

Passen Sie gut auf sich auf, Gisela Nagel. „Das machte ich!“ Sie lächelt. Was für eine besondere Frau . . .

Historisches

1981 hat Gisela Nagel in Ründeroth ihren ersten kleinen Fahrradladen eröffnet. Nach Umzügen und Wasserschäden wird mittlerweile in Vollmerhausen (Gummersbach) alles rund ums Rad angeboten. 2012 kam die Filiale in Remscheid-Lennep dazu, wo man Räder auch auf einer Indoor- und einer Outdoorstrecke testen kann. Seit Juli 2020 ist Rade das dritte Standbein, Spezialgebiete: Leistungsdiagnostik/Vermessung.

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