An der frischen Luft mit ...

Im Kajak ist für Katharina Tomaszek die Welt noch in Ordnung

Diesen Schirm besitzt Katharina Tomaszek bereits seit 20 Jahren: „Ich habe ihn zum ersten Röntgenlauf geschenkt bekommen!“
+
Diesen Schirm besitzt Katharina Tomaszek bereits seit 20 Jahren: „Ich habe ihn zum ersten Röntgenlauf geschenkt bekommen!“
  • Andreas Dach
    VonAndreas Dach
    schließen

Katharina Tomaszek gilt als die gute Seele des Röntgenlaufs.

Von Andreas Dach (Text und Fotos)

Niemand hat sie genötigt, diesen Schirm aus ihrem Auto zu holen. Wirklich niemand. Man sieht dem Modell in den Farben Rot und Weiß an, dass es schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Aber es erfüllt seinen Zweck. Auch jetzt, da Katharina Tomaszek sicherheitshalber zum Regenschutz in den Kofferraum ihres Fahrzeugs greift. „Er ist schon 20 Jahre alt“, sagt sie. „Ich habe ihn damals von Thomas Bischzur vom RGA zum ersten Röntgenlauf geschenkt bekommen.“

Für RGA-Sportredakteur Andreas Dach war es ein tolles Erlebnis, mit der früheren Olympia-Teilnehmerin um die Talsperre zu spazieren.

Womit wir gleich auf den ersten Metern der Runde um die Eschbachtalsperre beim Thema sind. Die 66-Jährige ist für viele so etwas wie das Gesicht des Röntgenlaufs. Die gute Seele. Diejenige, ohne die nichts geht bei der Großveranstaltung, welche immer für Ende Oktober eines Jahres terminiert ist, nun aber coronabedingt schon zum zweiten Mal in Folge nicht in der gewohnten Form stattfinden wird. Der im polnischen Bydgoszcz geborenen Diplom-Sportlehrerin sind solche Lobhudeleien unangenehm. Mehrmals sagt sie: „Ich sehe uns als Gemeinschaft, als Organisationsteam. Alles sind sehr nette Leute.“

Womit sie gewiss Recht hat. Und doch: Die Arbeit, die sie seit zwei Jahrzehnten still, bescheiden und effektiv im Hintergrund leistet, ist von unschätzbarem Wert. „Ich bin mit Herz und Seele dabei“, erinnert sie sich an den ersten Kontakt zum damaligen Sportamtsleiter Bernd Fiedler. Er hatte sie seinerzeit angesprochen, für die Aufgabe begeistern können. Erst mit offizieller Anstellung bei der Stadt. Dann, nach zwei Jahren, als Stütze im Röntgenlaufbüro, wo bereits Monate vor dem Großereignis immer die Fäden zusammenlaufen. Da braucht es jemanden, der in all der Hektik die Ruhe bewahrt. Tomaszek eben.

Ein Bild aus ihrer Zeit als Weltklasse-Sportlerin.

Zwei Jahre lang kann und konnte der 20. Geburtstag des Röntgenlaufs aus den genannten Gründen nicht offiziell gefeiert werden. 2022 soll das endgültig nachgeholt werden. „So lange mache ich auf jeden Fall weiter“, verspricht die Witwe, deren Mann Marek Weihnachten 2019 völlig überraschend gestorben ist. Daran hat sie zu knapsen. Doch die frühere polnische Weltklassesportlerin war und ist eine Kämpferin. Eine, die versucht, auch aus traurigen Momenten Positives zu ziehen. Was den Verlust ihres Mannes betrifft, gelingt ihr das ausnahmsweise nicht. Was nur zu gut zu verstehen ist. Aber bezogen auf die Regengüsse, welche auf uns niederprasseln, sagt sie lächelnd: „Die Natur freut sich.“

Weltklassesportlerin? Ihre Familie, ihre Freunde und die Röntgenlauf-Crew wissen um die großartige Karriere der Katharina (eigentlich Katarzyna, „aber das konnte man in Deutschland so schlecht aussprechen“) Tomaszek. Sie war Schwimmerin gewesen. Eine gute, aber nicht überragend, als sie im Alter von 17 Jahren in ihrer Heimatstadt über eine Brücke ging und unter ihr Kanuten beobachtete, die im Wasser reihenweise umkippten. Die Polin lachte. „Probiere es doch selbst aus“, lockte man sie herunter. Tomaszek ließ sich das nicht zweimal sagen – und landete ebenfalls im Nass.

„Damit war mein Ehrgeiz geweckt“, gibt sie zu. Fortan erscheint sie regelmäßig zum Training und wird von den Medien schon bald als „Riesentalent“ gewürdigt. Diesen Vorschusslorbeeren wird sie gerecht, gewinnt die Stadtmeisterschaft im Einer-Kajak. Es geht sportlich steil bergauf. Dreimal gewinnt sie die polnische Meisterschaft, holt mit ihrer Kajak-Partnerin Maria Kazanecka 1975 im Zweier WM-Bronze. Als es im Jahr darauf zu Olympia nach Montreal geht, soll es ebenfalls eine Medaille geben. Platz sechs wird dann eher zu einer Enttäuschung, für welche die geborene Katarzyna Kulczak heute eine Erklärung hat: „Wir haben zu viel trainiert. Die Leichtigkeit hat gefehlt.“

Viel Zeit, traurig zu sein, bleibt nicht. Sie lernt Marek kennen, die Liebe ihres Lebens. Er sagt: „Es gibt noch Schöneres im Leben.“ Er soll Recht behalten. Und doch bleibt Tomaszek Sportlerin. Durch und durch. Wer nun aber glaubt, sie würde bei den Olympischen Spielen derzeit rund um die Uhr vor dem TV-Gerät hocken, der irrt. „Ich schaue mir meistens Olympia kompakt an“, berichtet sie. Die Schnellzusammenfassung also. Vielleicht mal abgesehen von den Wassersport-Wettbewerben. Beim ersten deutschen Gold in Tokio, herausgefahren von Ricarda Funk im Wildwasser-Slalom, fieberte sie mit: „Das hat mich unglaublich begeistert.“ Und sie leidet, als der deutsche Ruder-Vierer der Frauen sich einen verhängnisvollen Fehler leistet.

„Es gibt Dinge, die man nicht sieht, die aber existieren!“

Katharina Tomaszek schwört auf das Meditieren

1981 kommt Katharina Tomaszek nach Deutschland, um ihren Großvater zu besuchen. Sie ist zum zweiten Mal schwanger, bleibt aus persönlichen Gründen ganz hier, wo dann auch Tochter Patricia wenig später geboren wird. Ein halbes Jahr später kommen Ehemann Marek und Tochter Natalia nach. Das Leben in Deutschland beginnt. Längst herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Die Sprache muss gelernt, Kontakte aufgebaut werden. Das gelingt von Monat zu Monat besser. Die Familie wohnt in der Röntgenstraße in Lennep, an der Fichtenhöhe und am Rosenhof. Man fühlt sich zunehmend mehr heimisch, auch wenn Katharina Tomaszek zugibt, den polnischen Fußballern die Daumen zu drücken, wenn diese gegen Deutschland spielen.

Im Ziel im Clemenshammer hilft Katharina Tomaszek immer beim Verteilen der Medaillen.

Ehemann Marek spezialisiert sich auf Feuerlöscher, gründet Firmen in Deutschland und Polen. Damit lässt es sich gut leben. So kann sich Katharina Tomaszek um die beiden Töchter kümmern, die beide zu exzellenten Tennisspielerinnen werden und in Remscheider Vereinen aktiv sind. Ja, das gute Sportgen . . .

Mittlerweile lebt die ältere (Natalia) mit ihren beiden Kindern Maya und Benno in Leichlingen, wo sie oft Besuch von der Mama beziehungsweise Oma bekommen. Das ist bei Patricia nicht so leicht möglich. Die Liebe hat sie nach Polen verschlagen, nahe an die Grenze zur Ukraine. „Bis dahin sind es mehr als 1400 Kilometer“, seufzt Katharina Tomaszek.

Das Vermissen ihres geliebten Marek wird bleiben. Aber sie weiß etwas mit sich und ihrem Tag anzufangen. Sie ist Reiki-Meisterin, hat ein Feng-Shui-Fernstudium absolviert und schwört auf das Meditieren. „Es gibt viele Dinge, die man nicht sieht, die aber existieren“, sagt sie. „Diese Energien sollte man aber nutzen.“

Ja, und dann ist da das Kajakfahren. Hin und wieder setzt sie sich auf ihr Rad, tritt bis zur Kräwi in die Pedale und leiht sich ein Kajak. Dann geht es hinaus aufs Wasser. So wie früher. Dann braucht sie keinen Schirm. Auch nicht den des RGA. Dann ist sie einfach nur Katharina Tomaszek.

Serie

Seit November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler, einer Sportlerin oder Funktionären um die Remscheider Talsperre. Bislang dabei: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Bauss, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz, Anne Ueberholz, Henning Weber, Jörg Musset, Lena Henning, Stephanie Probst, Ralf Hesse, Arnd Bader, Caro Reinert, „Howie“ Paasch, André Berger, Andrew Lux, Klaus Kreutzer, Jörg Henseler, Jörg Föste, Frank Lorenzet und nun Katharina Tomaszek.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Remscheider TV freut sich auf das Traumfinale in eigener Halle
Remscheider TV freut sich auf das Traumfinale in eigener Halle
Remscheider TV freut sich auf das Traumfinale in eigener Halle
Beim FCR lichtet sich das Lazarett
Beim FCR lichtet sich das Lazarett
Beim FCR lichtet sich das Lazarett
Das T-Shirt hat der Gesuchte noch heute
Das T-Shirt hat der Gesuchte noch heute
Das T-Shirt hat der Gesuchte noch heute
Panther legen einen Traumstart hin
Panther legen einen Traumstart hin
Panther legen einen Traumstart hin

Kommentare