Analyse

Gewaltbereitschaft hat neues Level erreicht

Immer häufiger sehen Jugendspieler – im doppelten Wortsinn – Rot.
+
Immer häufiger sehen Jugendspieler – im doppelten Wortsinn – Rot.
  • Fabian Herzog
    VonFabian Herzog
    schließen

Analyse: Der Jugendfußball im Kreis Remscheid nimmt eine besorgniserregende Entwicklung.

Coronabedingt blank liegende Nerven und durch Homeschooling, Lockdown und sämtlich Einschränkungen angestauter Frust könnten ein Erklärungsansatz sein. Als Entschuldigung taugen all diese Aspekte aber nicht dafür, dass die Gewalt im Jugendfußball auf den Plätzen des Kreises Remscheid massiv zugenommen hat. Im vergangenen halben Jahr war das Jugendsportgericht um Joachim Fleper, Werner Koschinski, Frank Thoma und Frank Scharwächter nahezu im Dauereinsatz, um die Verfehlungen des Nachwuchses juristisch zu beurteilen.

Rund 50 Verfahren waren es – von der F- bis zur A-Jugend – in der ersten Saisonhälfte, die Carsten Balke dazu zwangen, die Notbremse zu ziehen. Im Dezember berief der Kreisjugendausschuss-Vorsitzende eine außerordentliche Arbeitstagung ein, um diesem erschreckenden Trend entgegenzuwirken. „Wir haben eine zunehmende Form von Aggressivität und Gewaltbereitschaft festgestellt“, erläutert Balke. „Daher mussten wir reagieren, bevor es weiter ausufert und irgendwann eskaliert.“

Was war Inhalt der Pflicht-Versammlung?

Sowohl Balke als auch Fleper richteten einen eindringlichen Appell an die Vereinsvertreter, sich wieder auf Grundtugenden wie Respekt, Toleranz und Fair Play zu besinnen und diese noch einmal mit Nachdruck zu kommunizieren. „Das kam gut an“, berichtet der Jugendchef, der die Anzahl an Sportgerichtsverfahren auch im Vergleich zu anderen, deutlich größeren Kreisen zum Handeln zwang.

Gibt es darüber hinaus Maßnahmen, mit denen der Fußballkreis Remscheid versucht, der Lage Herr zu werden?

Schon jetzt hat Balke eine weitere Unterredung mit den Vereinen einberaumt. Diese soll vor dem Beginn der zweiten Saisonhälfte, die nach Karneval startet, umgesetzt werden. „Ich hoffe, dass es sich dadurch in der Rückrunde etwas entspannt“, sagt er. Außerdem wurde das Strafmaß des Sportgerichts angepasst. Drastischere Sanktionen sollen Wirkung zeigen. Frei nach dem Motto: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“

Christian Haas hat in der BVB-Jugend einiges aufgebaut.

Zuletzt sorgten Geschehnisse eines C-Jugend-Spiels zwischen dem BV Burscheid und der SG Hackenberg für Aufsehen. Was war passiert?

In der Partie kam es am 4. Dezember zu einer handfesten Prügelei, nach der ein Hackenberger Fußballer für vier Wochen und ein Burscheider gar für neun Monate gesperrt wurde. Letztgenannter war auch durch Mitspieler kaum noch zu beruhigen gewesen. „Rangeleien und Schubsereien sind ja das eine“, findet Carsten Balke. „Aber die Gewaltbereitschaft hat leider ein neues Level erreicht.“

Noch heftiger fiel das Urteil gegen einen Übungsleiter des BVB aus.

Besagte Burscheider C-Jugend war im Laufe der vergangenen Monate schon mehrfach negativ aufgefallen. Unter anderem hatte sich der Trainer wegen diverser Verfehlungen ein Tätigkeitsverbot eingehandelt, gegen das er – die Spiele der Mannschaft standen unter Kreisaufsicht – verstoßen haben soll. Die Folge: Das Kreisjugendsportgericht sperrte ihn für vier (!) Jahre bis zum 10. Januar 2026. Und auch dann darf er erst wieder als Trainer aktiv werden, wenn er die nötige Lizenz vorweisen kann.

Wie hat der BV Burscheid auf dieses Verhalten reagiert?

Drastisch. „Alle Beteiligten, die sich daneben benommen haben, wurden aus dem Verein ausgeschlossen“, berichtet Walter Maas, der 2. Vorsitzende. Schon einmal hatte sich der BVB von ihnen getrennt, sie aber im Sommer wieder aufgenommen und ihnen „eine zweite Chance“ gegeben. Die Quittung dafür gab es auch in finanzieller Form. Maas: „Die C-Jugend hat uns 1800 Euro an Strafgeldern gekostet.“

Fast noch schwer als der finanzielle Schaden wiegt der, der das Image des BVB ankratzt.

Christian Haas, seit Jahren Jugendleiter am Griesberg, ist wichtig zu betonen, dass die Burscheider Nachwuchsabteilung ansonsten ausschließlich positive Schlagzeilen schreibt. „Wir haben einen großen Zulauf und alle Altersklassen besetzt.“ Umso mehr habe ihn das Verhalten der betroffenen Personen enttäuscht: „Das war unter aller Sau. Aber durch solche Chaoten lasse ich mir nicht das Ansehen des Vereins kaputtmachen.“ Auch der BVB selbst sei gegen die Verfehlungen vorgegangen. So habe ein Spielervater „Platzverbot auf Lebzeiten“ bekommen, nachdem dieser Haas als Nazi bezeichnet haben soll. „So etwas dulde ich nicht“, sagt der Jugendleiter.

Rubrik

Immer dienstags greifen wir spezielle Themen auf und haken nach. Gibt es Fragen, welche unbeantwortet geblieben sind? Oder Dinge, die eingeordnet werden müssen? Dem nehmen wir uns ausführlich an. In der aktuellen Analyse geht es um die Gewalt-Zunahme im Jugendfußball.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

50 Jahre danach: Momente bleiben für die Ewigkeit
50 Jahre danach: Momente bleiben für die Ewigkeit
50 Jahre danach: Momente bleiben für die Ewigkeit
Amboss-Spiel fällt aus
Amboss-Spiel fällt aus
Amboss-Spiel fällt aus
In den Derbys ist verlieren verboten
In den Derbys ist verlieren verboten
In den Derbys ist verlieren verboten
Auch TuSpo schenkt ab
Auch TuSpo schenkt ab

Kommentare