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Ralf Hesse: Ganz egal wird ihm der Handball nie sein

Entspannt und voller Vorfreude auf das, was da so kommt: Ralf Hesse beim Spaziergang um die Remscheider Talsperre.
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Entspannt und voller Vorfreude auf das, was da so kommt: Ralf Hesse beim Spaziergang um die Remscheider Talsperre.
  • Andreas Dach
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Der 67-jährige Ex-Spieler und -Funktionär (HTV/HGR) lernt gerade loszulassen.

Von Andreas Dach

Unser Spaziergang beginnt mit einer Entschuldigung. „Es könnte sein, dass mein Handy gleich klingelt“, sagt Ralf Hesse achselzuckend. „Es geht um Impftermine.“ Wir verraten vorweg: Das Telefon in seiner Jackentasche hat während der anderthalbstündigen Runde um die Eschbachtalsperre einmal geklingelt. Aber: Es ging um Handball, nicht um den Piekser in seinen Arm.

Gegen Ende der Runde zogen dunkle Wolken auf: Der Laune von RGA-Sportredakteur Andreas Dach und Ralf Hesse tat das nichts an.

Beides sind Themen, welche den 67-Jährigen beschäftigen. Das eine immer noch (ein wenig), das andere zunehmend. Es ist zu gut nachvollziehbar, dass seine sportliche Leidenschaft nach fast 60 Jahren als Aktiver und Funktionär nicht von jetzt auf gleich in einer Schublade verschwindet. Dann wäre Hesse nicht Hesse. Aber er tritt kürzer, deutlich kürzer. Erst hat er im August 2020 sein Amt als Vorsitzender der HG Remscheid an Bernd Pflüger abgegeben, unlängst dann seine Verantwortlichkeit als Geschäftsführer der GmbH an Tiberius Jeck. 20 Prozent der Anteile an der GmbH bleiben ihm. Was bedeutet: So ganz egal wird ihm sein Handballkind auch in Zukunft nicht sein. Er wird die Geschehnisse mehr aus der Ferne zur Kenntnis nehmen, nicht mehr ins operative Geschäft eingreifen und nicht mehr in der ersten Reihe stehen. „In der Halle wird man mich zunächst einmal nicht erleben, wenn die Spiele wieder beginnen“, kündigt er an. Das hat er sich gut überlegt.

Ralf Hesse ist einer, dem man nachsagt zu polarisieren. Entweder man mag ihn. Oder nicht. Dazwischen gibt es nicht wirklich viel Spielraum. Die ihn mögen, sind diejenigen, denen seine Direktheit viel bedeutet. Seine klaren Worte. Hesse, im September 1953 als älterer Zwillingsbruder von Klaus („Ich bin 25 Minuten älter“) in Remscheid zur Welt gekommen, taktiert nicht. Hält nicht gerne hinter dem Berg. Wenn er sich ärgert, muss das raus. Was eben nicht jeder gut aushält. Und weshalb es auch Kritiker gibt. Manch einer hält ihn sogar für arrogant. „Damit kann ich leben“, betont Hesse. „Es gefällt halt nicht jedem, wenn ich sage, was ich denke.“ Sein Rückzug von der HGR sei gut überlegt und geplant gewesen. Denn: „Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man zu hören bekommt, was will der alte Sack noch da.“

Anderes Thema, zurück zum erhofften Telefonat, was dann aber nicht kommt. Hesse wartet dringend auf Impftermine. Am 14. Juni dieses Jahres möchte er mit seiner Frau Birgit nach München reisen und in der bayerischen Hauptstadt zwei Tage später das erste EM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft live erleben. „Karten haben wir“, sagt er. Weshalb es mit dem Impfen pressiert.

Die Hesse-Zwillinge sind wohlbehütet aufgewachsen. Anfangs sechs Jahre lang in Bliedinghausen, dann sind sie mit den Eltern nach Hasten gezogen. Ein Zugezogener also? Hesse begehrt auf: „Ich bin ein echter Hastener.“ Bei diesem Thema gibt es bei ihm keinen Verhandlungsspielraum. Wobei er insgesamt städtisch denkt: „Ich bin Remscheider.“

Das hat ihn stets mit Freude erfüllt. Der Slogan „Wir für Remscheid“, den die HGR-Handballer tragen, ist nicht rein zufällig entstanden, sondern aus echter Überzeugung des Machers. Erst hat er geturnt, ab dem zehnten Lebensjahr spielte er Handball für den Hastener TV. Selbstverständlich an der Seite seines Bruders. Schnell kristallisierte sich heraus: Ralf Hesse ist ein reaktionsstarker Torhüter, bekommt später den Spitznamen Gummimann. Sein erster Seniorentrainer wird Ernie Meyer, der legendäre Solinger. An seiner Seite auf dem Handballfeld hatte Hesse Handballgrößen wie Norbert Stippekohl, Werner Mickler, Klaus Elle und Georg Kien. So etwas prägt.

Wobei: Seine sportlich erfolgreichste Zeit als Handballer hatte er beim ATV Hückeswagen. Das war zwischen 1979 und 1983. Damals ging es rauf bis in die Verbandsliga. Kein Zufall, dass er noch immer Mitglied beim ATV ist. Noch länger, nämlich 60 Jahre, gehört er mittlerweile dem Hastener TV an. Vereinstreue, die heutzutage so selten vorkommt wie Schneestürme in der Sahara.

Hesse wirkt auf den drei Kilometern entspannt, während er erzählt. Von seinem beruflichen Werdegang, der nach einer Ausbildung zum Werkzeugmacher bei der Firma Vaillant in die Werbemittelbranche führte. „Ich war so etwas wie ein Autodidakt“, sagt er. Ein erfolgreicher. Oder von seiner Familie. Mit seiner Frau Birgit ist er seit 1998 verheiratet, Sohn Maximilian ist 25 Jahre. In Leichlingen fühlen sie sich wohl. „Es ist ein beschauliches Städtchen“, findet Hesse. „Dort findet man alles, was man braucht.“

Auch die Freundschaften sind ein Thema. Ein bedeutsames. Ralf Hesse nennt die engsten: Axel und Michael Altena, Klaus Jungjohann, Rolf Gerhard und Detlef Wilms. Allesamt Handballer, Letzterer noch aus gemeinsamen Hückeswagener Zeiten. Diese Beziehungen haben gehalten. Über Jahrzehnte. Das ist Hesse enorm wichtig: „Der Handball ist das eine, aber was daraus entstanden ist, noch etwas ganz anderes.“

„Solch eine Frau muss man erst einmal an seiner Seite haben!“

Ralf Hesse, Ex-HGR-Boss

Der 67-Jährige braucht diese Menschen in seinem Umfeld, denen er blind vertrauen kann. Seiner Birgit sowieso („Solch eine Frau muss man erst einmal an seiner Seite haben“), seinem Sohn, seinem Zwillingsbruder, den engsten Kumpels und noch einigen mehr. Sie alle haben ihn getragen und unterstützt. Als er irgendwie reinrutschte ins Funktionärsamt beim Hastener TV und dort die Abteilungsleitung übernahm. Bei der Gründung der HG Remscheid gemeinsam mit Frank Alsdorf von der Lenneper TG. Bei allen Aufs und Abs, die folgten. Und davon gab es einige bei der HGR.

Na, wer ist wer? Wir helfen gerne: Ralf Hesse (r.) ist der ältere Zwilling, genau 25 Minuten vor Klaus Hesse zur Welt gekommen.

Langeweile kam nie auf im Leben des Ralf Hesse. Das begann schon bei der Geburt. Die Hesses sind Frühchen, kommen zwei Monate zu früh auf die Welt, wiegen jeder nur 1100 Gramm. Da war die Sorgen bei den Eltern groß. Wie wir alle wissen: Ralf und Klaus sind prächtige Burschen geworden, mit beiden Füßen im Leben stehend. Füße? Ein gutes Stichwort für den Talsperren-Spaziergänger. Anfang kommenden Jahres steht eine Zehenoperation an. Eine Sportverletzung aus früheren Zeiten in Kombination mit Arthrose – eine Alternative bleibt ihm nicht. Zwei bis drei Monate an Krücken werden folgen. Es ist Geduld gefragt. Hesse kennt das. 2020 hat er schon ein neues Kniegelenk und eine neue Hüfte bekommen. Er hat gutes Heilfleisch. Um die Heimspiele im VIP-Bereich von Bayer Leverkusen zu genießen, werden die Gehhilfen gute Dienste leisten. „Meine Frau und ich lassen uns gerne von unserem Sohn hinfahren. Dann können wir auch mal ein Gläschen Wein trinken.“

Stillstand? Passt nicht ins Leben von Ralf Hesse. Wie es auch an der Talsperre keine Sekunde öde wird. Erst scheint herrlich die Sonne, dann kommen ein paar Tropfen vom Himmel. Als wir uns auf dem Parkplatz trennen, ist es wieder trocken. Ein Thema haben wir noch nicht angerissen – die Politik. Seine elfjährige Zeit als Schatzmeister der Remscheider CDU hat ihm spannende Einblicke gewährt. Auch dort hat er unlängst den Rückzug angetreten. Für die Finanzen der Wirtschafts- und Mittelstandsunion (MIT) ist er indes weiterhin zuständig. Ein Abschied in Raten. „Der Handball hat mich zu dem werden lassen, was ich heute bin“, sagt er. „Ohne ihn hätte ich nicht den Ehrgeiz entwickelt.“

Aus der Firma wird er sich Anfang 2022 zurückziehen. Sukzessive. Ralf Hesse hat seinen Weg auf allen Ebenen gefunden. Das Frühchen will nicht zu spät auf die Bremse treten, lieber das Leben mit seiner Familie noch genießen. Am liebsten in seiner Rückzugsoase im Allgäu, wo er zu gerne das Hotel Sonnenalp in Ofterschwang ansteuert. Es sei ihm gegönnt.

Serie

Seit Mitte November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin und auch Funktionären um die Eschbach-Talsperre in Remscheid. Bislang waren dabei Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz Anne Ueberholz, Henning Weber, Jörg Musset, Lena Henning, Stephanie Probst und nun Ralf Hesse.

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