Im Gespräch

Fast täglich klingelt der Wecker um 4.45 Uhr

Das Laufen an der Talsperre ist für Frank Berghoff eine Herzensangelegenheit. Dort findet sich auch dieser Baum, der ein beliebtes Fotomotiv ist.
+
Das Laufen an der Talsperre ist für Frank Berghoff eine Herzensangelegenheit. Dort findet sich auch dieser Baum, der ein beliebtes Fotomotiv ist.
  • Andreas Dach
    VonAndreas Dach
    schließen

An der frischen Luft mit . . . Frank Berghoff – Der Remscheider läuft seit vier Jahren an jedem Tag und feiert an Silvester Jubiläum.

Von Andreas Dach

Wahrscheinlich kennt er die Remscheider Talsperre besser als die neuesten Brillentrends. Und das würde im Fall von Frank Berghoff wirklich etwas heißen. Der 58-jährige Remscheider ist staatlich geprüfter Augenoptikermeister, hat sein Geschäft an der Alleestraße.

Kurze Pause bei herrlichstem Sonnenschein: Auch Hündin Sina lässt sich die Sonnenstrahlen auf der Haut gerne gefallen.

An jedem Morgen, an welchem er dort die Türen für den Publikumsverkehr öffnet – und auch darüber hinaus – hat er bereits eine Laufeinheit hinter sich. Seit fast auf den Tag genau vier Jahren. Streakrunning nennt sich das. Tägliches Laufen.

„Silvester 2016 habe ich damit begonnen“, sagt er. „Im Schnitt sind es etwas über 10 Kilometer pro Tag gewesen.“ Dabei herausgekommen sind bislang mehr als beeindruckende 14768 Kilometer. Verteilt auf 1458 Tage. Was für ein unfassbares Durchhaltevermögen und was für eine Disziplin.

Die gut drei Kilometer, die wir heute um die Sperre spazieren, zählt der Ehemann und zweifache Vater nicht mit. Er hat seine tägliche Laufdosis bereits intus. Um 6 Uhr morgens war er unterwegs. Wie an jedem Wochentag. Um 4.45 klingelt der Wecker. Dann trinkt er eine Tasse Kaffee und ein großes Glas Wasser, schnappt sich dazu den druckfrischen RGA. Dieses Ritual genießt er – es gehört zu seinem Leben dazu. Und davon weicht er auch nicht ab.

Punkt 6 Uhr fährt Frank Berghoff dann auf dem Parkplatz der Remscheider Talsperre vor. Auf geht´s! Die Laufeinheit beginnt. „Man trifft fast immer die gleichen Personen“, hat Berghoff im Laufe der Zeit beobachtet. „Einer ist sogar schon fertig, wenn ich gerade beginne.“

Wir sind bei unserer „Wanderung“ erst ein paar Meter unterwegs, als uns ein Läufer entgegenkommt, der uns kurz zuvor erst überholt hatte. Er humpelt ein wenig, hält sich den hinteren Oberschenkel. „Es hat keinen Zweck“, murmelt er. „Ich höre besser auf, weil es sonst reißen könnte.“ Berghoff hört genau hin, sagt: „Das ist meine größte Sorge, dass ich mich mal verletzen und meine tägliche Laufeinheit nicht ausüben könnte.“

Bislang hat er Glück gehabt, hat sein Pensum nur mal deutlich herunterfahren müssen, als eine Erkältung im Anflug war. Auch im Augenblick läuft er nicht die gewohnten gut zehn Kilometer, sondern „nur“ die Hälfte. „Der Puls ist zu hoch“, begründet der 58-Jährige. Da lässt er lieber Vorsicht walten. Ein Routine-Check beim Arzt seines Vertrauens hat keinerlei Auffälligkeiten ergeben.

Es ist ein herrlicher Tag, die Sonne macht sich bemerkbar. Diese Uhrzeit (es ist kurz nach 9) ist für Frank Berghoff fast ein wenig ungewohnt.

Der Beweis, wir waren an der Eschbachtalsperre: RGA-Sportredakteur Andreas Dach und Frank Berghoff an der Sperrmauer.

Nur sonntags läuft er „so spät“. Dann ist meist seine Ehefrau Simone dabei, manchmal auch Freunde wie Zahnmediziner Michael Brähler. Hündin Sina kennt die Talsperre schon bestens. In aller Herrgottsfrühe zieht sie es vor, daheim am Hohenhagen zu bleiben. Aber der heutige 9-Uhr-Termin – der ist perfekt für die Viszla-Dame.

Die Achtjährige, welche von Berghoffs vor einer ungarischen Tötungsstation bewahrt wurde, ist ein braves Mädchen. „Ich möchte nicht mehr ohne Hund sein“, stellt der Remscheider klar. Sie ist viel in Bewegung, hält aber den Sichtkontakt zum Herrchen. Andere Hunde? Kein Problem. Ein kurzes Schnuppern, weiter geht es.

Frank Berghoff hat seine spätere Ehefrau Simone beim Laufen kennengelernt. Lange vor der Zeit, als bei ihm die Regelmäßigkeit an der Talsperre eingekehrt ist. Damals raste sein Puls auch. Daran erinnert er sich genau. Ob es an seiner Zukünftigen lag oder internistische Gründe hatte, ist bis heute nicht überliefert. Fakt ist: Seit fünfeinhalb Jahren ist Frank Berghoff in zweiter Ehe verheiratet und glücklich. Er weiß noch: „Bei einem unserer ersten Läufe hat mir Simone gesagt, dass sie gerne das Kitesurfen erlernen würde.“ Nicht wissend, dass es sich dabei um das zweite große Hobby des 58-Jährigen handelt. Der erste gemeinsame Urlaub führte die beiden nach Fuerteventura, bekannt für die nicht unproblematischen Windverhältnisse. Dort erlernte sie die rasante Wassersportart.

Inzwischen verbringen sie die Ferien häufig in Ägypten. Dann sind auch Hanna (18) und Paul (16), seine Kinder aus erster Ehe, mit dabei. Ein Paradies fürs Kitesurfen und vieles mehr. Vor allem sein Junge ist begeistert von dem Sport, bei dem man auf einem Board steht und von einem Lenkdrachen gezogen wird. „Er“, sagt der Papa nicht ohne Stolz, „hat schon mit acht Jahren seinen Kitesurfschein gemacht.“

Berghoff ist zufrieden. Mit sich, seinem Leben. Erst recht, seitdem er sich mit seiner Frau vor drei Monaten einen großen Traum erfüllt hat. Sie haben das Haus am Hohenhagen, in welchem sie neun Jahre lang zur Miete gewohnt hatten, käuflich erworben. Was nicht bedeutet, dass er vor hat, sich in nächster Zeit schon aus dem Beruf zurückzuziehen und sich nur noch aufs Privatleben zu konzentrieren. „Dafür macht mir die Arbeit zu viel Spaß“, gibt er zu.

1997 hatte er sich selbstständig gemacht – nach einer dreijährigen Ausbildung an der Fachhochschule für Augenoptik in Berlin und anschließender Berufstätigkeit in Hagen. Dort habe er viel gelernt, durfte zweimal sogar Messen in New York ausrichten. 23 Jahre ist er nun schon an der Alleestraße ansässig: „Ich war einer der Ersten, die damals ein Geschäft im neuen Stadthof bezogen haben.“ An der Stelle, wo vormals der Haushaltsladen von Klärchen Siebert und der Eissalon Panciera angesiedelt waren.

Zurück zur Talsperre, wo unser Spaziergang sich dem Ende nähert. Die Sperrmauer ist schon in Sicht. „Früher“, weiß Berghoff noch, „war das die sonntägliche Pflichtrunde mit den Eltern.“ Seine enge Beziehung zu dem Gewässer scheint sich also früh entwickelt zu haben. Auch wenn die heutigen (Lauf-)Runden bei ihm anders aussehen. Meist finden sie im Dunkeln statt. Mit der Stirnlampe auf dem Kopf. Oft mit Musik auf den Ohren. „Wenn du Pink Floyd mit Shine on you crazy diamond hörst und der Tag langsam erwacht, ist das ein fantastisches Erlebnis“, schildert er seine Empfindungen.

Wünsche? Der erste wäre in diesem Jahr beinahe umgesetzt worden. Wenn Corona nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Berghoff möchte mit seinen Freunden Jörg-Michael Brähler und Peter Kuhn den Jakobsweg beschreiten. Von Porto aus, zehn Tagesetappen nach Santiago de Compostela. „Wir hatten schon alles geplant“, sagt Berghoff. Jetzt will man im neuen Jahr noch einmal angreifen. Bis dahin reicht erst einmal die Talsperre. Täglich.

Gut zu wissen

Bei Frank Berghoff hat ein privater Silvesterlauf Tradition. Jedes Jahr am letzten Tag des Jahres dreht der Remscheider mit Freunden und Bekannten, die ihn bei seinem täglichen Laufen mental und aktiv unterstützt haben, eine Runde um die Talsperre. Das wird auch diesmal so sein. Allerdings unter anderen Voraussetzungen und mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen – wie dem Tragen von Masken auf dem Parkplatz und den entsprechenden Abständen beim Laufen. Das anschließende Riesenfrühstück fällt aus.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Die Auftaktbilanz lässt sich einordnen
Die Auftaktbilanz lässt sich einordnen
Die Auftaktbilanz lässt sich einordnen
Fußball: Stratemeyer schon bei 18 Toren
Fußball: Stratemeyer schon bei 18 Toren
Robin Rambau erlebt einen goldenen Tag
Robin Rambau erlebt einen goldenen Tag
Robin Rambau erlebt einen goldenen Tag
Fußball: Lopez Aragon wird zum Verfolger
Fußball: Lopez Aragon wird zum Verfolger
Fußball: Lopez Aragon wird zum Verfolger

Kommentare